Talmudisches

Neid

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Neid

Was unsere Weisen über Zufriedenheit lehren

von Detlef David Kauschke  06.03.2026 12:39 Uhr

Das schnellere Auto, die größere Wohnung, das höhere Gehalt: Es ist ein ungutes Gefühl, wenn man etwas begehrt, was ein anderer hat. Neid sorgt für Unzufriedenheit und Frustration. Einige sagen, dass Neid auch motivieren kann, besser zu werden, nach Fortschritt, Reichtum oder mehr Weisheit zu streben. Im Talmud (Baba Batra 22a) wird der »Kinat Sofrim« (Neid der Gelehrten) erwähnt, ein Ausdruck für einen gesunden Wettbewerbsgeist beim Studium der Tora. Doch betrachten die Weisen den Neid darüber hinaus eher als ein negatives, zerstörerisches Gefühl. So warnt Rabbi Elazar HaKappar: »Neid, Begehrlichkeit und Stolz bringen den Menschen aus der Welt« (Pirkej Awot 4,21).

Der frühere britische Oberrabbiner Jonathan Sacks schreibt in seinem Buch Studies in Spirituality, dass Neid einer der Haupttreiber für Gewalt in der Gesellschaft ist. Dieses Gefühl habe beispielsweise Kain dazu veranlasst, Hewel zu ermorden. Neid sei auch der Grund für den Hass der Brüder auf Josef gewesen. Sie waren verärgert über die Bevorzugung, die er von ihrem Vater erhielt, über den reich bestickten Mantel, den er trug, und über seinen Traum, ihr Herrscher zu werden. Das veranlasste sie, darüber nachzudenken, ihn zu töten, und ihn schließlich als Sklaven zu verkaufen.

Es ist das Verlangen, das zu sein, was ein anderer ist

Rabbi Sacks verweist auf das Prinzip der Mimesis, der Nachahmung. Es sei nicht nur der Wunsch, das konkrete Objekt haben zu wollen, das der andere besitzt. Es sei vielmehr das Verlangen, das zu sein, was ein anderer ist. Die Theorie des mimetischen Begehrens wurde von dem französisch-amerikanischen Denker René Girard erläutert.

Im Magazin »Zeit Campus« war vor einiger Zeit unter der Überschrift »Ohne geht es nicht« zu lesen, dass wir den Neid nicht loswerden. René Girard habe diesen Mechanismus als »ein archaisches Erbe des Menschen« betrachtet. Zudem werde Neid auch von der Gesellschaft erzeugt, beispielsweise durch Werbung. »Seitdem die Überflussgesellschaft viele Produkte nicht mehr wirklich braucht, werden Bedürfnisse über Neidkomplexe manipuliert.« Wir können den Zirkel aus Neid und Habenwollen zwar unterbrechen, aber entkommen können wir ihm nicht, heißt es da.

Wir haben, was Gott für uns vorgesehen hat. Warum sollten wir dann nach dem streben, was andere haben?

Rabbi Sacks ist anderer Meinung. Er schreibt, dass die göttlichen Gebote dabei helfen können, den Neid zu überwinden: »Wir sind hier, weil Gott es so wollte. Wir haben, was Gott für uns vorgesehen hat. Warum sollten wir dann nach dem streben, was andere haben?« Wenn das Wichtigste in unserem Leben sei, wie wir in den Augen Gottes erscheinen, warum sollten wir dann etwas anderes wollen, nur weil ein anderer es hat? Nur wenn wir aufhören, uns in Beziehung zu Gott zu definieren, und anfangen, uns in Beziehung zu anderen Menschen zu definieren, kommen Konkurrenz, Streit, Begierde und Neid in unseren Geist. Und das führe nur zu Unglück.

Diese Einsicht spiegelt sich auch in zwei klassischen Talmudstellen wider. Im Traktat Sanhedrin (106a) ist zu lesen: »Das Kamel wollte Hörner haben, da schnitt man ihm auch die Ohren ab.« Und an anderer Stelle (Joma 38b) heißt es: »Niemand darf das berühren, was für einen anderen vorbereitet ist.« Mit anderen Worten: Jeder erhält das, was von Gott für ihn bestimmt ist.

Egal, wie viel wir in unserem Leben haben, es gibt immer andere, die mehr haben. Und das Gras auf der anderen Seite ist immer grüner. Es ist daher der beste Weg, für das, was wir haben, dankbar zu sein. Neid kann die Fähigkeit zerstören, die Segnungen zu erkennen und zu schätzen, die jeder in seinem Leben hat.

So lehrt es Rabbi Sacks. Er zitiert aus den Sprüchen der Väter (Pirkej Awot 4,1) den Gelehrten Ben Zoma, der fragt: »Wer ist reich?« und der antwortet: »Derjenige, der sich über das freut, was er hat.« Das Gegenmittel gegen Neid sei Dankbarkeit, so Rabbi Sacks. Das Judentum sei Dankbarkeit mit Haltung: »Geheilt davon, dass das Glück anderer Menschen unser eigenes mindert, setzen wir eine Welle positiver Energie frei, die es uns ermöglicht, das zu feiern, was wir haben, anstatt darüber nachzudenken, was andere Menschen haben, und zu sein, wer wir sind, anstatt zu sein, wer wir nicht sind.«

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