Ekew

Nach dem Essen

»Und du sollst essen und satt werden und Haschem, deinen Gʼtt, preisen« (5. Buch Mose 8,10). Foto: Getty Images/iStockphoto

In der Parascha Ekew begegnen wir einem besonders bekannten und bedeutenden Gebot. Der Vers, der diesem zugrunde liegt, lautet: »Und du sollst essen und satt werden und Haschem, deinen Gʼtt, preisen für das gute Land, das Er dir gegeben hat« (5. Buch Mose 8,10).

Dieser Vers ist die Grundlage für das Birkat Hamason, das Tischgebet, das wir nach einer Mahlzeit mit Brot sprechen. Damit danken wir dem Ewigen für seine Güte – eine Mizwa, die aus einem Moment der Sättigung entsteht.

Der Talmud (Berachot 34b) erklärt, dass man sich in der täglichen Amida – dem zentralen Gebet, das morgens, nachmittags und abends gesprochen wird – verbeugt, im Birkat Hamason jedoch wäre ein Verbeugen unangebracht. Dieser Unterschied verweist auf die verschiedenen Ausgangspunkte und Zielrichtungen der beiden Gebete.

Das Birkat Hamason sprechen wir mit vollem Magen

Wenn wir beten, geschieht das meistens aus einem Gefühl des Mangels heraus: Wir brauchen etwas, wir sind abhängig, wir suchen Nähe zu Haschem in Momenten der Sorge oder Hilflosigkeit. Wir erkennen durch das Gebet, dass wir Menschen limitiert sind, und sprechen aus Bescheidenheit.

Beim Birkat Hamason hingegen sprechen wir mit vollem Magen. Es ist ein Gebet der Dankbarkeit, das den Blick rückwärts richtet – auf das Gute, das wir bereits empfangen haben. Es geht um das Gute in Form der Speisen, aber auch darüber hinaus um die Güte, die wir in unserem täglichen Leben erfahren: von der Kleidung, die wir tragen, dem Bett, in dem wir schlafen, einem Dach über dem Kopf und einem stetigen Einkommen.

Das Gebot ist nicht nur ein allgemeiner Aufruf zur Dankbarkeit, sondern in diesem Fall konkret an den Akt des Essens geknüpft: Nach dem Essen sollen wir Haschem loben. Nachdem wir etwas bekommen haben, sagen wir höflich und aufrichtig Danke dafür.

Der Talmud schreibt: Wer stark betrunken ist, darf nicht beten

Auf faszinierende Weise spiegelt die Halacha, das jüdische Religionsgesetz, einen weiteren, praktischen Unterschied zwischen dem täglichen Gebet und dem Tischgebet wider: Der Talmud (Berachot 10b) schreibt, dass jemand, der stark betrunken ist, nicht beten darf. Der Jerusalemer Talmud (Terumot 1,4) erlaubt es jedoch, dass eine betrunkene Person das Birkat Hamason spricht. Denn während Trunkenheit mit dem Gefühl von Erdverbundenheit und Genuss einhergeht – Eigenschaften, die mit dem Tischgebet zusammenpassen –, widerspricht sie dem demütigen Geist des täglichen Gebets.

Das Birkat Hamason ist in mehrere Segenssprüche, Brachot, unterteilt. Der Kern des Tischgebets besteht aus vier Brachot. Die erste wurde laut dem Talmud (Berachot 48b) von Mosche in der Wüste formuliert, als Dank für das tägliche Manna, jenes himmlische Brot, das die Israeliten auf ihrer Reise nach Israel auf wunderbare Weise ernährte. Die zweite Bracha wird Jehoschua zugeschrieben, dem Schüler Mosches, der das Volk ins Land Israel führte. Sie drückt Dankbarkeit für das Land und seine Erträge aus – etwa Getreide und Früchte, die durch menschliche Arbeit gewonnen werden.

Der Mensch erliegt leicht dem Irrtum, alles sei das Resultat eigener Anstrengungen

Im Unterschied zum Manna, das offensichtlich ein Wunder war, erfordert das Land Arbeit, Planung, Einsatz und einiges an physischer Arbeit. Dadurch könnte der Mensch leicht dem Irrtum erliegen, alles sei das eigene Werk und jedes Ergebnis das reine Resultat der eigenen Anstrengungen. Diese Bracha erinnert uns daran, dass auch das scheinbar selbst Erarbeitete letztlich ein Geschenk Haschems ist.

Die dritte Bracha richtet sich auf Jerusalem und den Tempel. Sie wurde ursprünglich teilweise von König David und später von seinem Sohn König Schlomo formuliert, in Zeiten, als der Tempel noch stand. Nach der Zerstörung des Tempels wurde diese Bracha leicht angepasst. Heute bitten wir mit ihr um Erbarmen, um den Wiederaufbau Jerusalems und die Rückkehr zum einstigen geistigen und nationalen Glanz. Sogar im Exil, selbst in dunklen Zeiten, unter Verfolgungen, Pogromen bis hin zu Raketenhagel, sollen wir nicht vergessen, dankbar zu sein für das, was wir haben.

Die vierte Bracha wurde nach dem grausamen Massaker in Betar im Jahr 135 n.d.Z. hinzugefügt. Damals ließ Kaiser Hadrian Hunderttausende töten – und untersagte ihre Beerdigung, um die Schmach zu verstärken. Aber ein Wunder geschah, und die Leichen blieben intakt. Drei Jahre lang verwesten sie nicht. Als Hadrian das sah, erlaubte er schließlich das Begräbnis. Zum Gedenken wurde der 15. Aw ein kleiner Festtag und ist es bis heute. Unsere Weisen fügten dem Tischgebet damals einen vierten Segensspruch hinzu, als Lob für Haschems Güte selbst in dunklen Momenten.

Diese vier Brachot bilden den Kern des Tischgebets – spätere Ergänzungen kamen hinzu, aber sie machen nicht das eigentliche Birkat Hamason aus.

Die vier Brachot zeigen vier Stufen der Dankbarkeit. Die erste Bracha: für offene, offensichtliche Wunder wie das Manna. Die zweite: für Haschems Güte in der Natur – auch wenn wir arbeiten, dürfen wir nicht vergessen, dass das Ergebnis unserer Mühen ein gʼttliches Geschenk ist. Die dritte: für Haschems Nähe in Zeiten des Mangels und der Zerstörung – eine Erinnerung daran, dass Dankbarkeit nicht nur in guten Zeiten gilt. Die vierte: die höchste Form der Dankbarkeit – Dank selbst inmitten von Schmerz, Leid und Verlust. Sie lädt uns dazu ein, auch im Schrecken, in der tiefen Dunkelheit den Silberstreifen am Horizont zu sehen.

Dankbar zu sein, bewahrt uns davor, alles für selbstverständlich zu halten

Dankbarkeit ist eine Haltung, die unser Leben bereichert. Sie lehrt uns, nichts für selbstverständlich zu halten – und hilft uns, auch dann innerlich stabil zu bleiben, wenn nicht alles nach unseren Vorstellungen verläuft. Das Birkat Hamason ist nicht nur ein Gebet, sondern eine tägliche Übung: eine Schule der Dankbarkeit, die uns befähigt, aufmerksamer, bewusster und hoffnungsvoller durchs Leben zu gehen.

Der Autor ist Student am Rabbinerseminar zu Berlin.

inhalt
Der Wochenabschnitt Ekew zählt die Folgen des Gehorsams der Israeliten auf. Wenn sie sich an die Gesetze halten würden, dann blieben die Völker jenseits des Jordans friedlich, und es würde sich materieller Fortschritt einstellen. Die bisherigen Bewohner müssen das Land verlassen, weil sie Götzen gedient haben – nicht, weil das Volk Israel übermäßig rechtschaffen wäre. Am Ende der Parascha verspricht Mosche, im Land Israel würden Milch und Honig fließen, wenn das Volk die Gebote beachtet und an die Kinder weitergibt.
5. Buch Mose 7,12 – 11,25

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