Schabbat

Mut zum ersten Schritt

Das Verhältnis zwischen Juden und Christen war lange Zeit von Feindseligkeit geprägt. Foto: dpa

Schabbat

Mut zum ersten Schritt

So wie sich Jakow und Esaw versöhnt haben, sollten auch Juden und Christen aufeinander zugehen

von Rabbiner Jehoschua Ahrens  12.12.2016 18:09 Uhr

In der vergangenen Woche haben wir am Ende der Parascha gelesen, dass Jakow nach Charan ging, wo er für Lawan, den Bruder seiner Mutter, arbeitete. Der Lohn für seine Arbeit war die Erlaubnis, Lawans Tochter Rachel zu heiraten. Doch Jakow wurde betrogen. Er musste zuerst Rachels ältere Schwester Lea zur Frau nehmen und durfte Rachel erst Jahre später heiraten. (Ist es nicht wunderbar ironisch, dass er, der einst seinen Vater und Bruder betrog, nun selbst zum Opfer eines Betrugs wurde?)

Jetzt, 20 Jahre, nachdem er seine Heimat verlassen hat, beschließt er, zurückzukehren. Er sendet Boten mit Geschenken an seinen Bruder Esaw, hat aber nach wie vor große Angst vor der Begegnung mit ihm, denn Esaw hat noch eine Rechnung mit ihm offen.

Esaw ist auch nicht allein, er kommt in Begleitung einer Armee von 400 Mann. Das ist durchaus typisch für ihn, der zu einem starken Krieger geworden ist: eroberungslustig, siegreich, ein Macher und eben auch gewalttätig. Jakow weiß nicht, ob Esaw nach Rache trachtet.

Nachdem Jakow den Fluss Jabbok überschritten hat, geschieht etwas Seltsames: »Ein Mann rang mit ihm, bis die Morgenröte anbrach. Und als dieser sah, dass er ihn nicht bezwingen konnte, da rührte er sein Hüftgelenk an, sodass Jakows Hüftgelenk verrenkt wurde beim Ringen mit ihm. Und der Mann sprach: ›Lass mich gehen; denn die Morgenröte bricht an!‹ Jakow aber sprach: ›Ich lasse dich nicht, es sei denn, du segnest mich!‹ Da fragte er ihn: ›Wie ist dein Name?‹ Er antwortete: ›Jakow!‹ Da sprach er: ›Dein Name soll nicht mehr Jakow sein, sondern Jisrael; denn du hast mit G’tt und Menschen gerungen und hast gesiegt!‹ (...) Und er segnete ihn dort« (1. Buch Mose 32, 25–30).

Wiedersehen Am Morgen kommt dann Esaw zu ihm. Wahrscheinlich wollte er Jakow tatsächlich töten, aber entgegen allen Erwartungen umarmt ihn Esaw, küsst ihn, und beide weinen. Dies ist der Beginn einer wahren innigen Beziehung zwischen den beiden verschiedenen Brüdern, die so lange miteinander im Konflikt waren.

Die Veränderung des Namens und die Versöhnung zwischen den Geschwistern sind miteinander verbunden. Jakows Ringen mit dem Mann ist symbolisch ein Ringen mit sich selbst und mit G’tt. Solange Jakow mit seiner Vergangenheit verbunden ist und versucht, seine eigenen dunklen Seiten zu verbergen, kann er sich nicht ändern.

In dem Augenblick aber, in dem er versteht, dass der Mann, mit dem er gekämpft hat, G’tt ist, wirft er einen neuen Blick auf seine eigene Vergangenheit – und auch auf seine Gegenwart. Es ist eine Erinnerung, ein Alarmruf für ihn, sich endlich seinen Problemen zu stellen und sie zu lösen.

Humpeln Der neue Name Jisrael bedeutet »derjenige, der mit G’tt und den Menschen ringt und sich durchgesetzt hat«. Aber das ist nicht nur ein neuer Name – seine ganze Persönlichkeit ändert sich damit. Die Tora beschreibt, dass er sich während der Ringens mit dem Mann in der Nacht verletzt hat. Von nun an humpelt er beim Gehen. Das ist eine Metapher dafür, dass der selbstbewusste und erfolgreiche Jakow jetzt nicht mehr so stolz und egozentrisch ist, sondern bescheidener und nachdenklicher.

Ich denke, Esaw plante, seinen Bruder zu töten – zumindest dachte er darüber nach. Warum sonst hätte er mit 400 bewaffneten Männern kommen sollen, um seinen Bruder zu begrüßen?

Doch als er Jakow sieht und erkennt, dass sein Bruder ein anderer Mensch geworden ist – jemand, der aufrichtig Buße tun und neu anfangen möchte –, kann Esaw nichts anderes machen, als ihm zu vergeben und zu vergessen. Beide weinen zusammen. Zwar unterscheiden sie sich noch sehr voneinander, aber sie sind keine Gegner mehr. Sie gehen als echte Brüder auseinander.

Die entscheidende Szene der Geschichte ist die herzliche Begrüßung und Esaws Kuss (33,4). Der Midrasch (Bereschit Rabba 78,9) und Rabbi Schimon Bar Jochai lehren, dass Esaw Mitleid mit Jakow hatte und ihn deshalb von ganzem Herzen küsste.

Doch dem widerspricht Rabbi Jannai. Basierend auf dem Hebräischen interpretiert er, Jakow habe gebissen, nicht geküsst. »Und er küsste ihn« (wajischakeihu) und »er biss ihn« (wajischacheihu) unterscheiden sich im Hebräischen tatsächlich nur durch einen Buchstaben.

Aber warum möchten Rabbi Jannai und spätere Kommentatoren, die sich auf ihn berufen, der offensichtlichen Logik des Textes widersprechen?

Verfolgung Esaw steht in der jüdischen Tradition oft auch für die Römer und später für das Christentum. Dieser Kommentar ist also auch eine Polemik gegen das Christentum, das als aggressiv und unversöhnlich dargestellt wird. Das ist gerade im Mittelalter eine verständliche Position aufgrund der Erfahrungen der Unterdrückung und Verfolgung. Und es ist auch eine Reaktion auf die frühe antijüdische Polemik im Römerbrief (9, 10–13), wonach Esaw für Israel steht und Jakow für das Christentum, auf dass nun der Bund G’ttes auf die Christen übergeht.

In der Tat, das Verhältnis zwischen Juden und Christen war lange Zeit von Feindseligkeit und Entfremdung geprägt – vor allem durch den Judenhass der christlichen Mehrheitsgesellschaft. Die Kirchen haben sich aber geändert. Das erkannte Rabbiner Naftali Zvi Berliner, der Netziv, bereits Ende des 19. Jahrhunderts, drehte in seinem Kommentar die Polemik von Jakow und Esaw um und rief zur echten Partnerschaft zwischen Juden und Christen auf: »Wenn die Kinder von Esaw künftig vom reinen Geist zur Anerkennung des Volkes Israel und dessen Tugenden veranlasst werden, werden auch wir Esaw als unseren Bruder anerkennen.«

Seit der vatikanischen Erklärung »Nostra Aetate« (1965) hat sich viel getan im Christentum. Das Judentum wurde anerkannt, der unauflösbare Bund G’ttes mit Israel bestätigt. Und gerade kürzlich, auf der Synode in Magdeburg, hat die evangelische Kirche der sogenannten Judenmission eine klare Absage erteilt. Jetzt liegt es an uns, diese historisch einmalige Chance zu ergreifen.

Erste Schritte der Versöhnung zu tun, fällt nie leicht – vor allem dann nicht, wenn wir denken, dass wir im Recht sind. Aber aus der Geschichte von Jakow und Esaw können wir lernen, dass Konflikte immer schwer auf unseren Seelen lasten, so oder so. Letztlich müssen wir den Mut und die Kraft finden, die Dinge zu klären und uns zu versöhnen – nicht nur um des anderen willen, sondern auch um unserer selbst willen.

Der Autor ist Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Wajischlach erzählt davon, wie Jakow sich aufmacht, seinen Bruder Esaw zu treffen. In der Nacht kämpft er am Jabbok mit einem Mann. Dieser ändert Jakows Namen in Jisra-El (»G’ttes Streiter«). Jakow und Esaw treffen zusammen und gehen anschließend wieder getrennte Wege. Später stirbt Rachel nach der schweren Geburt Benjamins und wird in Efrat beigesetzt. Als auch Jizchak stirbt, begraben ihn seine Söhne Jakow und Esaw in Hebron.
1. Buch Mose 32,3 – 36,43

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