Prävention

Mordsverantwortung

Die Gesellschaft ist verpflichtet, alles zu tun, um Straftaten zu verhindern

von Rabbiner Yaacov Zinvirt  21.08.2012 07:16 Uhr

Ermittler am Tatort: »Wenn ein Erschlagener gefunden wird, sollen deine Ältesten und Richter hinausgehen« (5. Buch Moses 21, 1-2). Foto: Getty

Die Gesellschaft ist verpflichtet, alles zu tun, um Straftaten zu verhindern

von Rabbiner Yaacov Zinvirt  21.08.2012 07:16 Uhr

Unser Wochenabschnitt beschäftigt sich mit Richtern (hebräisch: Schoftim) und Polizisten. Die Parascha beginnt mit folgenden Worten: »Richter und Aufseher sollst du in alle Tore der Städte, die der Ewige, dein G’tt, dir gibt, für deine Stämme einsetzen, dass sie das Volk in Gerechtigkeit richten« (5. Buch Moses 16,18).

Des Weiteren werden den Richtern eindeutige Richtlinien für die Ausübung ihrer Funktion vorgegeben. »Du sollst das Recht nicht beugen, du sollst kein Ansehen der Person kennen, und du sollst Bestechung nicht annehmen, denn Bestechung macht die Weisen blind und verdreht die Worte der Gerechten. Nach Gerechtigkeit, nur nach Gerechtigkeit sollst du streben« (16, 19-20).

Die Tora gibt an dieser Stelle vor, wie ein Vergehen aus der Sicht des Richters zu beurteilen ist. Doch wissen wir, dass dies allein nicht genügt. Vielmehr ist die ganze Gesellschaft verpflichtet, alles zu tun, damit Straftaten gar nicht erst begangen werden. Dies ist noch wichtiger, als nach dem Verbrechen über den Täter zu richten und ihn zu bestrafen.

abgestumpft Leider müssen wir feststellen, dass viele Menschen heute durch die Informationsflut in den Medien abgestumpft sind. Meldungen über Tote, egal wo, wann oder wodurch sie umgekommen sind, berühren nicht mehr so wie früher. Damit geht auch eine geringere Hemmschwelle für Straftaten einher.

»Wenn in dem Land, das der Ewige, dein G’tt, dir zum Besitz gibt, ein Erschlagener auf dem Feld liegend gefunden wird, ohne dass man weiß, wer ihn getötet hat, so sollen deine Ältesten und Richter hinausgehen und die Entfernung bis zu den Städten messen, die rings um den Erschlagenen liegen. Aus der Stadt nun, die dem Erschlagenen am nächsten liegt, sollen die Ältesten dieser Stadt eine junge Kuh nehmen ... und sie sollen anheben und sprechen: Unsere Hände haben Blut nicht vergossen, und unsere Augen haben es nicht gesehen. Vergib deinem Volk Israel« (5. Buch Moses 21, 1-8).

Hier wird eine Mordsituation beschrieben: Ein Unbekannter wird erschlagen aufgefunden. Der Täter ist weg und hat Spuren hinterlassen. Noch bevor Polizei und Chewra Kadischa handeln dürfen, kommen die Ältesten, um den Tatort unter die Lupe zu nehmen. Gemeinsam mit den Richtern messen sie alles genau aus, obwohl sie nicht zur Polizei gehören.

Stellen wir uns die Szene bildlich vor, könnten wir alte Menschen sehen, für die diese Arbeit sehr anstrengend ist: Es könnte heiß sein, sie krempeln ihre Ärmel hoch, um Messungen und Entfernungsberechnungen vorzunehmen. Eine Menschentraube bildet sich, Nervosität und Neugier breiten sich aus. Schließlich wird die Frage gestellt, welche Stadt vom Tatort aus die nächstgelegene ist.

erziehung Die gesamte Situation hat einen sehr pädagogischen Wert. Ein Mensch ist tot. Die Teilnahmslosigkeit der Menschen gegenüber dem Verstorbenen muss behoben werden. Es ist der Verlust eines Lebens zu beklagen. Dies muss allen Anwesenden bewusst gemacht werden. Die Intention der Ältesten ist es, das alltägliche Leben für einen kurzen Moment anzuhalten. Dann, nachdem man festgestellt hat, welche Stadt dem Tatort am nächsten liegt, müssen die Ältesten jenes Ortes eine Opfergabe darbringen und schwören, dass sie an diesem Mord nicht beteiligt gewesen sind.

Der Talmud (Sota 47) fragt: Warum wird von den Ältesten verlangt zu schwören, dass sie an der Tat nicht beteiligt waren? In ihrem Schwur sprechen sie sich davon frei, jemanden dahin getrieben zu haben, diesen Mord zu begehen.

In diesem Moment fühlten sich alle Anwesenden angesprochen und mussten sich die Frage stellen, ob sie vielleicht unbewusst oder bewusst an diesem Mord beteiligt waren. Denn manchmal führt das Verhalten eines Dritten oder der Gesellschaft dazu, dass ein Mensch einen Mord begeht.

unfall Die Tora bezieht sich auch auf heutige Situationen. So kann ein Autofahrer, der sich nicht an die Straßenverkehrsordnung hält, mitschuldig sein am Unfalltod eines Menschen, auch wenn er selbst den Unfall überhaupt nicht miterlebt hat. Doch sein Verhalten war Vorbild für den Unfallverursacher und führte letztlich dazu, dass ein Mensch ums Leben kam. Wir lernen daraus: Was auch immer wir tun, wirkt sich auf andere aus, manchmal erst in der Zukunft.

Auch andere Bereiche lassen sich hier betrachten, und immer wieder steht das Vorbeugen an erster Stelle. Die Gesellschaft muss auf die soziale Balance achten und jedem Einzelnen eine Perspektive bieten, damit er nicht straffällig wird. Denn wem die Gesellschaft die Möglichkeit verwehrt, sich zu ernähren, der kommt vielleicht eines Tages auf die Idee zu stehlen. Und so versicherten die Ältesten in ihrem Schwur auch, dass sie den Ermordeten zu Lebzeiten nicht in die Ecke getrieben haben.

Im Abschnitt Jitro lesen wir: »Da redete G’tt alle diese Worte: Ich bin der Ewige, dein G’tt, der dich aus dem Land Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus« (2. Buch Moses 20, 1-2). Dieses Gebot, das erste, ist eng verbunden mit dem fünften, »Morde nicht!« (20,13). Denn in jedem existiert ein Teil G’ttes. Ein Mord bedeutet nicht nur das Auslöschen eines Menschenlebens, sondern er ist auch ein Angriff auf die Existenz G’ttes. Wer mordet, verleugnet G’tt.

Die Weisen haben das Wort »Du sollst nicht morden« erweitert: Wer einen anderen derart beschämt, dass er vor seiner Umgebung erblasst, der hat so gehandelt, als hätte er Blut vergossen. Da in jedem von uns ein Teil G’ttes existiert, würde in dieser Situation die Seele des Menschen vor Scham sterben und dieser Mensch in gewisser Weise ermordet werden.

In der Tora steht der Satz »Morde nicht!« im Imperativ. Es steht nicht: »Du sollst nicht morden.« Der Imperativ ist Zeichen eines ständigen Erziehungsprozesses, man darf nicht in solch eine Situation gelangen. Prävention ist nicht allein die Aufgabe der Richter. Diese Aufgabe obliegt uns allen, denn wir sind ein Teil des Ganzen und für das Recht und die Gerechtigkeit unserer Gesellschaft verantwortlich.

Der Autor ist Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

Inhalt
Im Wochenabschnitt Schoftim geht es um die Organisation von Rechtsprechung und Politik. Dabei steht zunächst die Regierung im Vordergrund. Es werden Gesetze über die Verwaltung der Gemeinschaft mitgeteilt sowie Verordnungen über Richter, Könige, Priester und Propheten. Die Tora betont, dass die Kinder Israels in jeder Angelegenheit nach Gerechtigkeit streben sollen. Der Wochenabschnitt warnt vor Zauberei und Hexerei, denn das seien die Praktiken der Nachbarvölker, die Götzenanbetung betreiben. Bevor mit Verordnungen zum Verhalten in Kriegs- und Friedenszeiten geschlossen wird, weist die Tora darauf hin, dass ein Israelit, der einen anderen ohne Absicht totgeschlagen hat, sich in einer von drei Zufluchtsstädten vor Blutrache retten kann.
5. Buch Moses 16,18 – 21,9

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