Talmudisches

Mord im Tempel

Der Kohen, der das Rennen verlor, stach dem anderen Kohen mitten ins Herz. Foto: Chris Hartung

Talmudisches

Mord im Tempel

Wie ein tödlicher Zwischenfall unter Priestern das Beit Hamikdasch erschütterte

von Rabbiner Avraham Radbil  01.08.2025 10:36 Uhr

Im Beit Hamikdasch, dem Jerusalemer Tempel, wurde ein System namens »Payis« (Lotterie) verwendet, um zu bestimmen, welcher Kohen (Priester) täglich welche Awoda (Tempeldienst) durchführen durfte. Eigentlich entstand diese Methode zur Verteilung der »Ehrungen« im Beit Hamikdasch erst später. Denn ursprünglich lief es so, dass der erste Kohen, der den Misbeach (Altar) erreichte, die Awoda durchführen durfte. Dadurch entstand ein Wettlauf. Also hieß es: »Auf die Plätze, fertig, los!« – und die Kohanim sprinteten über den Hof des Beit Hamikdasch und rannten die Rampe zum Misbeach hinauf, um ihn als Erste zu erreichen.

Der Kohen, der das Rennen verlor, stach dem anderen Kohen mitten ins Herz

Dies endete nach einem im Talmud (Joma 23) erwähnten Vorfall, der die Einführung des Payis-Systems auslöste. Und zwar geschah dabei Folgendes: Zwei Kohanim rannten die Rampe zum Altar hinauf. Sie kamen sich bis auf vier Amos (Ellen) nahe. Der Kohen, der das Rennen verlor, zückte ein Messer und stach dem anderen Kohen mitten ins Herz.

Die Baraita berichtet weiter, dass Rabbi Zadok im Beit Hamikdasch aufstand und sagte: »Unsere Brüder, die Kinder Israels, hört mir zu. Die Schrift sagt: ›Wenn eine Leiche auf dem Land gefunden wird, das Gʼtt euch zum Besitz gegeben hat, gefallen auf dem Feld, ist unbekannt, wer sie erschlagen hat … Sühne für dein Volk Israel, das du erlöst hast, Gʼtt! Lass kein unschuldiges Blut in die Mitte deines Volkes Israel fließen …‹ (5. Buch Mose 21, 1–3). Eine Stadt in der Nähe einer Leiche muss Sühne leisten.

Hier geschah ein Mord im Beit Hamikdasch. Wer muss die Egla Arufa (das besondere Ritual) für uns bringen? Die Stadt Jerusalem? Der Vorhof?«
Der Talmud berichtet, dass das Volk diesen aufrüttelnden Appell Rabbi Za­doks hörte und inspiriert wurde. Alle, die sich dort versammelt hatten, brachen in Tränen aus.

Die Gemara fährt fort, dass der Vater des erstochenen Priesters zu seinem Sohn ging, der buchstäblich verblutete, und verkündete: »Er soll eine Sühne für ganz Israel sein. Aber du solltest wissen, mein Sohn ist noch nicht tot, und daher hat das Messer, mit dem er erstochen wurde, noch nicht Tuma (unreinen Status) erlangt …« Die Baraita schließt: »Das zeigt dir, dass die Unreinheit der Utensilien des Beit Hamikdasch sie mehr beunruhigte als das Vergießen menschlichen Blutes.«

Die Gemara analysiert diese Baraita. Unter anderem fragt sie, warum Rabbi Zadok darüber spekulierte, wer eine Egla Arufa, also das Ritual des Brechens eines Kalbsnackens, bringen muss.

Für die Stadt Jerusalem gelten zehn einzigartige Halachot

Wir wissen, dass eine der zehn einzigartigen Halachot, die für die Stadt Jerusalem gelten, besagt, dass die Ältesten der Stadt keine Egla Arufa bringen dürfen. Die Gemara antwortet, dass er keine ernst gemeinte halachische Frage gestellt habe. Er habe die Frage rhetorisch gestellt, um die Menschen zu Tränen zu rühren.

Wie sollen wir diese Gemara betrachten? Hier sieht ein Vater, wie sein Sohn erstochen und sterben wird. Was sagt er? Erstens: »Das ist eine Kapara.« Zweitens: »Keine Sorge, das Messer ist noch nicht rituell unrein!« Ist das eine normale Reaktion?

Offensichtlich möchte die Gemara damit ausdrücken, dass die Tat dieses Vaters eine übermenschlich edle Tat war. Normalerweise sind Menschen, die Zeuge solch schrecklicher persönlicher Tragödien werden, nur mit sich selbst, ihren eigenen Gefühlen und ihrer eigenen Trauer beschäftigt. Dieser Vater jedoch konnte sich offensichtlich über alles erheben und sagen: »Nein. Ich mache mir Sorgen um die Kapara, die Sühne von ganz Israel, und darum, dass die Utensilien des Beit Hamikdasch nicht beschmutzt werden.« Dies scheint ein Akt der Gewura (Stärke) zu sein – eine übermenschliche Manifestation der Charakterstärke dieses Vaters.

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