Balance

Mit sich im Reinen

Der Drahtseilakrobat Nik Wallenda balanciert über die Niagarafälle (Juni 2012). Foto: dpa

Die meisten Menschen sehnen sich nach Frieden, sei es in der Familie, bei der Arbeit oder mit sich selbst. Auch in jüdischen Gebeten wird der Frieden oft erwähnt, zum Beispiel im Tischgebet Birkat Hamason oder in der Amida. Jedoch hat jeder Mensch seine eigene Vorstellung von Frieden. Der Wochenabschnitt Pinchas bietet uns einen Blick darauf, was Frieden aus Sicht der Tora bedeutet und wie man ihn erreicht.

Die Tora erzählt uns einen Ausschnitt der jüdischen Geschichte, der am Ende des vorherigen Abschnitts »Balak« anfängt und in den Abschnitt »Pinchas« übergeht: Vor dem Einzug ins Gelobte Land macht das jüdische Volk seinen letzten Halt in Schitim. Dort werden die jüdischen Männer von den Frauen aus dem Volk Moaw dazu verführt, ihren Götzen zu dienen.

Die Situation wird derart dramatisch, dass G’tt das jüdische Volk schließlich mit einer Epidemie bestraft, bei der 24.000 Menschen sterben. Als dann einer der Israeliten, Zimri, eine Moabiterin mit in sein Zelt nimmt und Mosche in aller Öffentlichkeit herausfordert, kommt es zum Höhepunkt der Ereignisse. Pinchas geht zu Zimris Zelt, um den Zorn G’ttes abzuwenden. Er setzt der Epidemie ein Ende, indem er Zimri und die Moabiterin tötet. Als Lohn dafür werden er und seine Nachkommen für immer Kohanim (Priester) sein, und G’tt schließt mit ihm einen Bund des Friedens.

Bund Eine Frage, die sich viele stellen, ist, warum G’tt ausgerechnet mit Pinchas einen Bund des Friedens schließt. Man hätte vielmehr erwartet, dass sein Großvater Aharon diesen Segen bekommen sollte. Denn von ihm wissen wir, dass er Frieden liebte und alles dafür getan hat, um Frieden zu stiften und Menschen miteinander zu versöhnen.

Ein Midrasch schreibt, dass auch die Engel Frieden brauchen, wie es in einem Vers im Buch Ijob 25,2 über G’tt geschrieben steht: »... der in oberen Welten Frieden schafft«. Daraus wird deutlich, dass Frieden nicht einfach ein Zustand ist, in dem es keinen Streit und Hass gibt. Die Engel haben keinen freien Willen und können nicht lieben, hassen oder streiten – trotzdem muss auch in der oberen Welt Frieden geschaffen werden. Frieden ist demnach etwas viel Komplexeres.

Ein Schüler des bekannten Kabbalisten Arizal aus dem 16. Jahrhundert – leider ist sein Name nicht bekannt – erklärt in seinem Buch Siftei Kohen, dass »Schalom«, das hebräische Wort für Frieden, von dem Wort »schalem« stammt, was übersetzt so viel bedeutet wie »vollständig« oder »vollkommen«. Er erklärt weiter, dass ein Mensch die Vollkommenheit und somit seinen inneren Frieden nicht dadurch erreicht, dass er versucht, seine angeborenen Eigenschaften zu unterdrücken oder sie loszuwerden, sondern alle seine Eigenschaften in ein Gleichgewicht bringt: Der Mensch soll sie beibehalten und wissen, wie man sie in der richtigen Balance hält.

Wut Mit diesem Wissen können wir erklären, warum G’tt ausgerechnet mit Pinchas den Bund des Friedens schloss. Pinchas wurde vorgeworfen, Zimri und die Moabiterin nur aus Wut getötet zu haben und nicht, um den Zorn G’ttes abzuwenden. Weil G’tt zeigen wollte, dass Pinchas ein vollkommener Mensch ist und seine Tat um des Friedens willen erfolgte und nicht aus Wut, hat Er ausgerechnet mit ihm den Bund des Friedens geschlossen.

Das ist auch der Grund, warum die Engel Frieden brauchen, obwohl sie nicht streiten können und keine Gefühle haben. Frieden bedeutet eine gewisse Ordnung und Ausgeglichenheit. Genau dieser Zustand ist der Frieden, den G’tt in den »oberen Welten« schafft. Er gibt klare Machtbereiche für die Engel vor, damit sie nicht gegeneinander, sondern miteinander handeln.

Das können wir aus diesem Wochenabschnitt über den Frieden lernen: Um ihn zu finden, muss man lernen, alle seine Eigenschaften und Gefühle ins Gleichgewicht zu bringen. Man darf sie nicht vernachlässigen oder ignorieren, denn es gibt keine falschen Gefühle und Eigenschaften.

Sintflut Eine ähnliche Idee finden wir auch in einem Midrasch, der die Übergabe der Tora an das jüdische Volk beschreibt: Als die Israeliten am Berg Sinai standen, bekamen die anderen Menschen auf der Welt Angst, denn sie dachten, G’tt würde die Sintflut wiederholen. Sie versammelten sich vor dem nichtjüdischen Propheten Bile’am, um ihn um Rat zu fragen, ob es sich tatsächlich um eine erneute Sintflut handele.

Bile’am antwortete ihnen, dass G’tt Seinem Volk die Tora gebe und es mit Frieden segne. Unsere Weisen erklären uns, warum die Menschen plötzlich an eine Sintflut dachten, als das jüdische Volk die Tora bekam: Die Israeliten hätten am Berg Sinai so stark vereint beieinander gestanden, als wären sie alle zu einem Menschen verschmolzen. Das letzte Mal in der Weltgeschichte, waren Menschen so vereint gewesen, als G’tt in der Zeit von Noach die Sintflut über die Erde brachte. Alle Menschen und Tiere vereinten sich damals, um für ihr Überleben zu kämpfen. Deshalb erschraken die nichtjüdischen Völker, als sie wieder eine solche Verbundenheit sahen. Sie dachten, es komme erneut eine Sintflut.

Wir sehen also, dass Frieden nicht nur im persönlichen Bereich, sondern auch auf anderen Ebenen eine Balance der Mächte und Verhältnisse verlangt. Um innerhalb eines Volkes Einheit und Verbundenheit zu erreichen, müssen alle ein gemeinsames Ziel haben, dessen Bedeutung verstehen und bereit sein, etwas aufzugeben, um dieses Ziel zu erreichen.

Das Wichtigste jedoch, was wir aus diesem Midrasch lernen können, ist, dass man Frieden nur gemeinsam erreichen kann und nicht durch das Ausgrenzen oder Ausschließen von Menschen.

Der Autor studiert am Rabbinerseminar zu Berlin.


Inhalt

Der Wochenabschnitt Pinchas berichtet von dem gleichnamigen Priester, der durch seinen Einsatz den Zorn G’ttes abwenden konnte. Dafür wird er mit dem »Bund des ewigen Priestertums« belohnt. Die kriegsfähigen Männer werden gezählt, und das Land Israel wird unter den Stämmen aufgeteilt. Mosches Leben nähert sich dem Ende. Deshalb wird Jehoschua zu seinem Nachfolger bestimmt. Am Schluss der Parascha stehen Opfervorschriften.
4. Buch Mose 25,10 – 30,1

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