Familienplanung

Mehret euch rechtzeitig!

Für viele religiöse jüdische Paare ist es selbstverständlich, mit Anfang 20 zu heiraten und mehrere Kinder zu bekommen. Foto: Flash 90

In welche Richtung entwickelt sich unsere Gesellschaft? Mit dieser Frage beschäftigte sich unlängst eine Forsa-Studie für die Zeitschrift »Eltern«. Laut dieser Studie wünschen sich fast 90 Prozent der mehr als 1000 befragten Frauen und Männer Nachwuchs. Dennoch gelten die heute unter 30-Jährigen in Deutschland als eine Generation der Kinderlosen.

Gründe dafür sind sehr häufig der fehlende Partner, der Wunsch, eine harmonische Beziehung nicht durch Kinder zu belasten, und das Anstreben einer Karriere, die der Familie oft vorgezogen wird – ein Phänomen, das auch an der jüdischen Gemeinschaft nicht spurlos vorbeigeht.

Bemerkenswert an der Forsa-Studie ist, dass sich mehr als ein Drittel der 18- bis 22-Jährigen wünscht, das erste Kind vor dem 27. Lebensjahr zu bekommen. Tatsächlich aber haben in dieser Altersgruppe erst 20 Prozent Nachwuchs. Je älter die Befragten werden, desto weiter verschiebt sich das Wunschalter für das erste Kind nach hinten: Von den 27- bis 30-Jährigen wollen drei Viertel erst nach ihrem 30. Geburtstag Eltern werden. Entsprechend hat auch nur jeder Fünfte in dieser Altersgruppe Nachwuchs. Doch wie steht das Judentum dazu? Verpflichten uns die Tora und unsere Weisen, zu heiraten und Kinder in die Welt zu setzen? Und wenn ja, was wäre laut unseren Weisen das optimale Alter dafür?

Das erste positive Gebot in der Tora ist es, sich zu vermehren und fruchtbar zu sein. So steht es im 1. Buch Mose 1,28: »Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde …« Somit ist jedem jüdischen Mann geboten, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Nach der Meinung der meisten Weisen ist diese Pflicht erfüllt, wenn man einen Sohn und eine Tochter in die Welt gesetzt hat.

Enkelkinder Falls man nur Söhne oder nur Töchter bekommt, aber die Enkelkinder dem jeweils anderen Geschlecht angehören, hat man damit laut Ansicht vieler Weiser die von der Tora auferlegte Pflicht ebenfalls erfüllt.

Wer einen Sohn und eine Tochter hat, sollte allerdings das rabbinische Gebot erfüllen, weitere Kinder in die Welt zu setzen. Wir sehen also, dass es eine Verpflichtung für jeden jüdischen Mann gibt, zu heiraten. Doch wie lange oder bis zu welchem Alter darf man diese Pflicht aufschieben? Bekanntlich ist ein jüdischer junger Mann mit dem Eintritt des 13. Lebensjahrs verpflichtet, die Gebote der Tora zu erfüllen.

Jedoch sagten unsere Weisen, dass ein junger Mann idealerweise mit 18 Jahren heiraten sollte. Dafür gibt es zwei Gründe. Im Talmudtraktat Avot 5,21 geben unsere Weisen Empfehlungen ab, wann man welchen Lebensabschnitt beginnen sollte. Dort steht: Mit fünf Jahren soll man Tora lernen, mit zehn Jahren die Mischna, mit 13 die Gebote einhalten, mit 15 das Talmudstudium beginnen, und mit 18 Jahren soll man heiraten.

Den Grund dafür erklärt uns der Talmud im Traktat Kidduschin 29b: Falls man heiratet, ohne davor genügend Tora gelernt zu haben, wird man später kaum in der Lage sein, es jemals nachzuholen. Denn der Heirat folgt das Joch, die Familie zu ernähren, und dieses wird den Mann wahrscheinlich davon abhalten, sich mit dem Torastudium zu beschäftigen. So steht es auch im Schulchan Aruch in Jore Dea 246,2.

Hausbau Der zweite Grund für diesen Aufschub ist offenbar, dass die jungen Männer von damals neben ihrem Torastudium auch Zeit damit verbrachten, ihre Zukunft abzusichern, sich einen Beruf anzueignen und ein Haus zu bauen. So definiert der Talmud im Traktat Sota 44a die richtige Reihenfolge im Leben: »ein Haus zu bauen, einen Weingarten zu pflanzen und danach eine Frau zu heiraten«.

Diese Meinung vertritt auch der Rambam. Er schreibt in Hilchot Deot 5,11, der Weg eines einsichtigen Mannes sei es, als erstes einen Beruf zu erlernen, der die Familie ernähren wird. Danach soll er ein Haus erwerben, in dem die Familie leben kann, und erst danach eine Frau heiraten.

Der Dumme dagegen fängt mit dem Heiraten an. Danach, falls er die Mittel dazu findet, erwirbt er ein Haus. Und erst gegen Ende seines Lebens wird er eine Möglichkeit finden, mit Waren zu handeln, oder er wird seine Familie von Almosen ernähren.

Wir leben allerdings in einer viel komplexeren Welt als damals. Um das Studium zu beenden und in der Lage zu sein, eine Wohnung für die Familie zu erwerben, braucht man heute viel mehr Zeit als damals. So ist gut vorstellbar, dass man mindestens das 30. Lebensjahr erreicht haben muss, um diese Voraussetzungen hierzulande erfüllen zu können. Die Zeitspanne zwischen der rabbinischen Empfehlung, mit 18 zu heiraten, und den Voraussetzungen dafür (Beruf, Haus) ist enorm groß. Was ist also wichtiger?

Verstoss Der Talmud sagt im Traktat Kidduschin 29b, dass der Ewige bis zum 20. Lebensjahr eines Menschen wartet, bis dieser sich eine Frau nimmt. Doch falls der Mann bis 20 nicht heiratet, verkündet der Ewige: »Verrotten sollen seine Knochen«. So schreibt auch der Rambam in Hilchot Ischut 15,2, dass jemand, der bis zum 20. Lebensjahr nicht heiratet, gegen das Gebot verstößt, fruchtbar zu sein.

Den Vers in Kohelet »Es gibt Zeit zum Gebären und Zeit zum Sterben« kommentiert der Midrasch in Kohelet Rabba 3,3: Von dem Moment an, wenn ein Junge geboren wird, wartet der Ewige, bis er 20 wird und eine Frau heiratet. Falls der junge Mann aber das 20. Lebensjahr erreicht und nicht geheiratet hat, verkündet der Ewige: Die Zeit für dich, ein Kind zu gebären, ist erreicht. Du willst es jedoch nicht – von nun an bleibt dir nichts anderes als die Zeit zum Sterben.

Das sind zwar beängstigende Worte, es geht dabei aber wahrscheinlich eher um Menschen, die keinen wichtigen Grund dafür haben, nicht heiraten zu wollen. In rabbinischen Schriften wie Jam Schel Schlomo, Kidduschin 1,57 oder Birkej Josef, E.H. 1,9 liest man, dass die Rabbiner bei triftigen Gründen, wie zum Beispiel dem vertieften Torastudium, erlaubten, die Heirat bis zum 24. Lebensjahr aufzuschieben.

Der Grund für diesen Druck ist nicht zuletzt die Statistik. Mit fortgeschrittenem Alter wird es immer schwieriger, einen Lebenspartner zu finden. Und ab einem gewissen Moment vergeht vielen die Lust dazu, und sie finden sich damit ab, alleine zu sein. Natürlich muss man für die Ehe gewisse Voraussetzungen wie Reife und Lebensplanung mitbringen. Jedoch ist die Empfehlung unserer Weisen, nicht zu lange mit dem Heiraten und dem Kindergebären abzuwarten, gerade in heutigen Zeiten sehr aktuell. Denn wenn man etwas immer wieder aufschiebt, läuft man Gefahr, letztendlich niemals damit zu beginnen.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Osnabrück.

Lech Lecha

Zu weit gegangen

Gott wollte, dass die Ägypter die Israeliten unterdrücken – doch weil sie übertrieben, bestrafte er sie

von Mendel Itkin  08.11.2019

Talmudisches

Später Lohn

Von einem Zaddik aus Galiläa und dem Urteil über andere

von Noemi Berger  08.11.2019

Diskussion

»Jesus ist nicht katholisch geworden«

Bei der ersten gemeinsamen Fachtagung der Deutschen Bischofskonferenz und der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland ging es um Grundsätzliches

von Jérôme Lombard  07.11.2019

Training

Rhetorik für den Rabbi

Die Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden in Deutschland gibt orthodoxen Rabbinern Tipps für Reden und Interviews

von Eugen El  07.11.2019

Dialog

»Gemeinsamkeit statt Abgrenzung«

Der Frankfurter Rabbiner Julian-Chaim Soussan über eine Tagung von orthodoxen Rabbinern und katholischen Bischöfen

von Ayala Goldmann  07.11.2019

9. November

Wo überall neue Synagogen entstehen

Rund 80 Jahre nach den Pogromen gibt es bundesweit mehr als 100 Synagogen – Tendenz steigend, vor allem im Osten

von Nina Schmedding  06.11.2019