Tu Beaw

Mehr als ein jüdischer Valentinstag

On Top of the World: Der 15. Tag des jüdischen Monats Aw steckt voller Liebe. Foto: Flash 90

Sie kennen bestimmt den alten jüdischen Witz: Warum tragen unverheiratete Männer während des Schabbat-Morgengottesdienstes keinen großen Tallit? Antwort: Damit die Mütter auf der Empore sehen können, wer ein passender Kandidat für ihre noch ledigen Töchter ist!

Allerdings lehrt der Talmud, dass die Zuweisung eines passenden Partners schon vor der Geburt im Himmel stattfindet – um genau zu sein, 40 Tage vor der Geburt eines Menschen (Sotah 2a). Im Jiddischen wird diese seelenverwandte Person »Baschert« genannt.
Und wer seine zweite Hälfte noch nicht gefunden haben sollte, für den hält die jüdische Tradition einen speziellen Tag bereit. Jede und jeder, die oder der noch auf der Suche ist, sollte an diesem Datum die Augen weit offen halten.

Weinlese Der besagte Tag ist der 15. Tag des jüdischen Monats Aw, auf Hebräisch »Tu beAw«. Ursprünglich markierte der Tag den Beginn der Weinlese. Im liturgischen Kalender wurde der fröhliche Feiertag »Chag haKeramim« (Fest der Weinberge) genannt und ausgelassen gefeiert.

Der Talmud, der die Bräuche vor der Zerstörung des Tempels für uns festgehalten hat, beschreibt, dass sich unverheiratete junge Frauen an diesem Tag weiß gekleidet und zwischen den Weinstöcken getanzt hätten, um die Aufmerksamkeit der jungen Männer zu gewinnen (Taanit 30b-31a).

Doch Tu beAw ist mehr als nur ein jüdischer »Valentinstag«. Gerade in Bezug auf die vielen Gedenk- und Feiertage, die unseren Kalender in den vergangenen Wochen und Monaten geprägt haben, ist es schön, dass unmittelbar auf den Fast- und Trauertag Tischa beAw ein so fröhlicher Feiertag folgt, der uns zurück ins Leben holt – und uns ohne Umschweife dazu auffordert, unsere Zukunft aktiv zu gestalten.

Damit hat dieser Feiertag, obwohl es auf den ersten Blick ganz anders wirkt, sogar sehr viel gemeinsam mit Jom Kippur. An beiden Tagen geht es um neue Pfade, die wir einschlagen können, und es geht um unsere Beziehungen zu anderen Menschen und unsere eigenen Werte. Der große Gelehrte Rabbi Simeon ben Gamliel vergleicht daher: »Es gab in Israel keine größeren Tage der Freude, als den 15. Tag des Aw und den Versöhnungstag« (Taanit 4,8). Gemeinsam ist beiden Tagen übrigens auch, dass sie das Potenzial der göttlichen Vergebung in sich tragen.

Während Tischa beAw der Tag ist, an dem Gott den Israeliten nach dem Auszug aus Ägypten den Einzug ins Gelobte Land für die folgenden 40 Jahre verweigerte, als Sühne für die Sünde des Golden Kalbes und die andauernden Rebellionen, so war der 15. Aw am Ende der Wüstenwanderung der Tag, an dem es Gott möglich war, seinem Volk zu vergeben und den Einzug nach Kanaan zu verkünden.

Was man geneigt ist, zu übersehen: Durch seine Leichtigkeit bricht der 15. Aw auch die eine oder andere Norm und kann somit unsere Augen auf das Wesentliche lenken: echte Partnerschaft, Vertrauen und Liebe.

Farbe Weiss Es ist überliefert, dass die jungen, in Weiß gekleideten Frauen während ihres Tanzes den Männern Folgendes zugerufen haben sollen: »Junger Mann, öffne deine Augen und sieh, was du für dich selbst auswählst. Richte deine Augen nicht nach der Schönheit aus, sondern achte auf eine gute Familie. Anmut ist trügerisch, und Schönheit ist vergänglich, aber eine Frau, die den Ewigen fürchtet, sie wird gepriesen.«

Die Frauen trugen Weiß, damit die Männer nicht sagen konnten, welche von ihnen arm oder reich sei. Während wir wohl zu Recht annehmen können, dass viele Ehen vor allem aufgrund von Normen, strategischen und materia-listischen Überlegungen heraus geschlossen wurden, lehrt uns Tu beAw, dass es noch andere, wichtigere Gründe gibt, den richtigen Partner zu finden.
Wir leben zwar einerseits in einer Welt, in der Status und Kleidung alles sein können, einer Welt, in der Social Media, TV und Filme unsere Ideale prägen, und in der YouTube leider viel zu oft bestimmt, wer eine Chance hat und wer nicht.

Freiräume Doch andererseits haben viele Generationen vor uns Freiräume erstritten, die uns heute eine Partnerwahl jenseits von Oberflächlichkeiten und überholten Konventionen ermöglichen.

In vielen jüdischen Gemeinden ist es längst eine Selbstverständlichkeit, dass der nichtjüdische Partner ebenso herzlich anerkannt und respektiert wird wie der jüdische. Lesben und Schwule müssen und sollen ihren Lebenspartner nicht länger verheimlichen, und mit der Öffnung der Ehe auf ziviler Ebene werden wir hoffentlich auch bald die eine oder andere Chuppa zwischen zwei Frauen oder zwei Männern, die sich lieben, in deutschen Gemeinden feiern können.

Himmel Tu beAw verdeutlicht uns, dass wir uns nicht an Oberflächlichkeiten festhalten dürfen, wenn wir uns nach dem Seelenverwandten umschauen, den der Himmel für uns vorgesehen hat.

Übrigens, Tu beAw ist ein perfekter Tag zum Heiraten. Und für diejenigen von uns, die schon verheiratet sind oder in einer Partnerschaft leben, ist es ein perfekter Tag, sich der Partnerschaft erneut bewusst zu werden und diese zu feiern. Tu beAw ist ein romantischer Tag, der geradezu nach einem Blumenstrauß und anderen Aufmerksamkeiten für unseren Seelenverwandten schreit.

Ach ja, und die, die noch keinen Partner gefunden haben: Gehen Sie doch am Schabbat mal in die Synagoge! Vielleicht ist Ihr Baschert ja zufälligerweise anwesend ...

Der Autor ist Rabbiner der Gemeinde Bet David in Johannesburg/Südafrika und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz.

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