Paraschat Mikez

Mangelndes Vertrauen

Strafe: Josef muss länger hinter Gittern bleiben, weil er den Obermundschenk bat, ihn aus dem Gefängnis zu befreien. Foto: Getty Images / istock

Der Wochenabschnitt Mikez wird jedes Jahr am Schabbat von Chanukka gelesen. Schon der Tur, Rabbi Jaakov ben Ascher (1283–1340), schlussfolgerte daraus, dass zwischen dem Wochenabschnitt und den Feiertagen ein Zusammenhang besteht.

Den wohl ausgefallensten Bezug stellt Rabbiner Zwi Elimelech Schapira (1783–1841) in seinem Werk Bnej Issasschar her. Dort gibt er die Anzahl der Wörter des Abschnitts Mikez mit 2025 an – eine Zahl, die auf Chanukka hinweisen soll. Dabei rechnet Schapira wie folgt: Das hebräische Wort Ner (Kerze) hat den Zahlenwert 250. Multipliziert mit acht Tagen Chanukka ergibt es 2000. Und 25 ist das Datum des Festes: 25. Kislew.

Die berühmteste Parallele ist die aus dem Traum des Pharaos, in dem die schwachen und mageren Kühe sieben fette Kühe verschlingen. Dies soll symbolisch für das Wunder des Sieges der wenigen Makkabäer über die riesige Armee der Griechen stehen. Auch träumte der Pharao von sieben Ähren auf nur einem Halm – ein Bild, das für die Menora, den goldenen Leuchter, steht. Auf wundersame Weise brannten seine Lichter statt nur einen Tag ganze acht Tage. Unsere Weisen ordnen das Wunder des Sieges in die Kategorie der natürlichen oder logisch erklärbaren Wunder ein. Das Ölwunder hingegen ist für sie ein übernatürliches.

TRÄUME Die Hauptfigur unseres Wochenabschnitts ist Josef. Die Tora beschreibt, wie der Pharao der Bedeutung seiner Träume auf den Grund gehen möchte. Da erinnert sich der Obermundschenk plötzlich an Josef, der ihm zwei Jahre zuvor einen Traum deutete. Also lässt der Pharao Josef zu sich kommen.

Wie Josef im weiteren Verlauf der Geschichte zum zweiten Mann in Ägypten aufsteigt, ist gut bekannt. Weniger bekannt ist, dass Josef zwei weitere Jahre im Gefängnis bleiben musste, als Strafe dafür, dass er den Versuch unternommen hatte, den Obermundschenk zu bitten, seiner zu gedenken und ihn aus dem Gefängnis zu befreien (Midrasch Tanchuma 39,9). Dass es zwei Jahre sind, ist kein Zufall, erklärt der Midrasch, sondern sie stehen für zwei Begriffe in der Bitte an den Obermundschenk: »meiner gedenken« und »erwähne mich« (1. Buch Mose 40,14).

Dieser Midrasch bedarf einer Erklärung, denn er wirft mehrere Fragen auf: Ist es erlaubt, Anstrengungen zu unternehmen, um sich selbst zu helfen, wenn Josef doch für den unternommenen Versuch, sich selbst zu helfen, so hart bestraft wurde? Darf man passiv bleiben und auf G’tt vertrauen, dass Er schon helfen werde – oder ist das Fahrlässigkeit? Steckt hinter den Versuchen, sich selbst zu helfen, mangelndes G’ttvertrauen? Oder ist man zu bequem, wenn man darauf vertraut, dass G’tt schon alles richten werde?

Aus den theoretischen Fragen werden schnell praktische: Soll man im Krankheitsfall sofort einen Arzt aufsuchen oder erst einmal in die Synagoge gehen und für die Genesung beten? Soll man Überstunden machen, um das Einkommen zu erhöhen, oder darauf hoffen, dass der Ewige einem das Geld auf anderem Weg schicken wird?

KRANKHEIT Als einmal Rabbi Akiwa, Rabbi Jischmael und ein Begleiter unterwegs waren, begegnete ihnen ein Kranker. Dieser bat Rabbi Akiwa um einen Rat, wie er wieder genesen könne. Rabbi Akiwa kam der Bitte nach. Bald fragte ihn der Begleiter, ob der Mann seine Krankheit nicht von G’tt bekommen habe, und wieso greife Rabbi Akiwa dann ein?

Rabbi Akiwa fragte seinen Begleiter, ob er manchmal Hunger verspüre. Und als dieser die Frage bejahte, fragte ihn Rabbi Akiwa, warum er dann esse und nicht warte, bis der Ewige seinen Hunger stillt.
Dieser Dialog zeigt deutlich, dass der Ewige diese Welt keinesfalls erschaffen hat, um alle Wünsche der Menschen zu befriedigen. Vielmehr sollen wir uns anstrengen und unser Leben aktiv mitgestalten.

Der Mensch wurde erschaffen mit dem Bedürfnis zu handeln. Einerseits steigert dies sein Selbstwertgefühl, doch andererseits besteht die Gefahr, dass der Mensch dadurch hochmütig werden könnte und im Herzen sagt: »Meine Kraft und die Stärke meiner Hand haben mir dieses Vermögen geschaffen« (5. Buch Mose 8,17).

Davor warnt die Tora. Unsere Weisen meinen, dass die dem Menschen gegebene Möglichkeit, zu handeln und sein Leben zu gestalten, gleichfalls eine Prüfung ist, inwieweit er G’tt vertraut und an Ihn glaubt. Es geht um die Frage: Wird G’tt im Leben des Menschen noch Platz haben?

Aus genau diesem Grund wurde Josef bestraft, als er versuchte, seine Befreiung aus dem Gefängnis zu beschleunigen. Denn er setzte all seine Hoffnung auf den Mundschenk und erwähnte in seiner Bitte mit keinem Wort den Ewigen.

Zwei Jahre später steht Josef vor einer ähnlichen Situation: Entweder wird er befreit, oder er muss zurück ins Gefängnis. Doch Josef hat aus seinem Fehler gelernt und sagt zum Pharao, dass allein G’tt ihn antworten lassen wird (1. Buch Mose 41,16). Somit räumt Josef dem Ewigen Raum ein – und genau das führt ihn schließlich zum Erfolg.

BEISTAND Josef wurde in der Episode mit dem Mundschenk auch deshalb so streng be­straft, weil er aus der Vergangenheit hät­te gelernt haben sollen: nämlich dass der Ewige immer mit ihm war, sowohl, als er in die tiefe Grube geworfen wurde, als auch dann, als er im Haus seines ägyptischen Herrn diente, und auch dann, als er im Kerker saß.

Josef hätte in dieser Hinsicht auch manches von seinem Vater Jakow lernen können: Dieser sprach ein Gebet, weil er wusste, dass der positive Ausgang des Treffens mit seinem Bruder Esaw von G’tt abhängt, auch wenn er sich bestmöglich vorbereitet hatte.

Auch die Makkabäer verstanden, dass alles von G’tt abhängt. Sie riefen zwar zum Kampf gegen die Griechen auf, doch die Losung des Aufstands bestand aus den Anfangsbuchstaben der hebräischen Wörter »Wer ist wie Du bei den Göttern, Ewiger?« (2. Buch Mose 15,11) und bezog den Ewigen ins Tun mit ein.

Und auch nach dem errungenen Sieg bekannten sich die Makkabäer und schrieben das Wunder des Sieges dem Ewigen zu.

Daraus ist ersichtlich, dass es keineswegs verboten ist zu handeln – im Gegenteil: Es ist sogar erwünscht! Doch erst, wenn man den Ewigen ins Handeln einbezieht, wird es gelingen.

Und so entsteht die goldene Mitte: Tun und Handeln mit Glauben und Vertrauen. Gerade deshalb wird das Wunder des Sieges als das natürliche Wunder empfunden. Denn sobald der Ewige ins Handeln eingebunden wird, steht dem Erfolg nichts mehr im Weg.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Kultusgemeinde Groß‐Dortmund und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz.

 

INHALT

Paraschat Mikez erzählt von den Träumen des Pharaos, die niemand an seinem Hof deuten kann – außer Josef. Er sagt voraus, dass nach sieben üppigen Jahren sieben Jahre der Dürre kommen werden, und empfiehlt dem Pharao, Vorräte anzulegen. Der Herrscher betraut ihn mit dieser Aufgabe. Dann heiratet Josef: Er nimmt Asnat, die Tochter des ägyptischen Oberpriesters, zur Frau. Sie bringt die gemeinsamen Söhne Efraim und Menasche zur Welt. Dann kommen wegen der Dürre in Kanaan Josefs Brüder nach Ägypten, um dort Getreide zu kaufen.
1. Buch Mose 41,1 – 44,17

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