Nachruf

Mahner und Gelehrter

Rabbiner Ernst Stein sel. A. (1929–2019) Foto: Margrit Schmidt

Morenu HaRaw Elieser ben Pinkas HaLevi: Er war ein unbestechlicher Mahner, einer, der kein gefälliger Chorist in der Erinnerungskultur war, sondern einer, der die Zerstörungen und Schändungen jüdischen Lebens in sich verkörperte. Rabbiner Ernst Stein war ein Mahner, der nicht nur viel wusste vom Leid. Nein, er wusste auch viel von der jüdischen Lebenswelt in Deutschland. Und er war ein jüdischer Gelehrter von Rang.

Am 29. Juni 2005 sagte er anlässlich des 150. Jahrestages der Weihe »seiner« Mannheimer Synagoge: »Dieses ›unser prächtiges, heiliges Haus‹ ist nicht mehr; es wurde zusammen mit allen anderen jüdischen Gotteshäusern dieses Landes Opfer der Feuersbrunst des verzehrenden Hasses.« Für ihn persönlich sei dieser Anlass mit Emotionen beladen und belastet; denn er gehörte zu den nur noch wenigen, die in dieser Synagoge als Kind gebetet hatten.

nachdenken »Daher wird manches Persönliche, das nur Augenzeugen, Miterlebende und Betroffene sahen und verspürten, hier einfließen. Für mich ist dies kein Anlass zum Feiern, der Freude, sondern des Gedenkens und Nachdenkens, des Nachdenkens, wie es war und wie es hätte sein können.« So sprach er: klar, aufrichtig, aus seinem Herzen, aber aus einem Herzen, das zutiefst verstört war.

Am 10. Mai 1929 wurde Ernst Stein in Mannheim geboren. Erst spät kehrte er nach dem Zweiten Weltkrieg aus Shanghai, wo er Barmizwa wurde, über Israel und Amerika nach Mannheim zurück. Als 40-Jähriger studierte er am Leo Baeck College, in Berlin fand er dann »seine« Gemeinde. Von 1980 bis 1996 war »Rabbiner-Stein-Zeit« in der Synagoge Pestalozzistraße.

Er war da, wenn es die jüdische Tradition gebot, bei freudigen wie bei traurigen Anlässen.

Rabbiner Stein betreute wie sein Freund und Vorbeter Estrongo Nachama auch die Ost-Berliner Gemeinde von West-Berlin aus. Er war da, wenn es die jüdische Tradition gebot, bei freudigen wie bei traurigen Anlässen, immer in seiner Synagoge: einer, der seine jüdische Aufgabe als Mizwa, als heilige und schöne Pflicht ansah.

erfahrungen Aber er war auch ein galliger Beobachter der Realität: Seine Predigten waren keine Hymnen für bundesdeutsche Politiker, sondern immer Konsequenz seiner Erfahrungen.

In Mannheim schloss er seine Predigt zum 150. Jubiläum der vorsätzlich zerstörten alten Synagoge mit den Worten: »Gedenken wühlt immer auf; alte Wunden schmerzen wieder. Wir sind jedoch eine Gemeinschaft der Hoffnung und der Hoffnungsträger; und wir – zusammen mit allen Menschen guten Willens – arbeiten einer immer besseren Zukunft entgegen. Die alte prächtige Hauptsynagoge, das Gedenken an sie, soll uns den Weg in diese Zukunft erhellen, leuchtendes Zeichen der Kraft und des Willens der jüdischen Gemeinde dieser Stadt.«

Esther Slevogt schrieb in der »taz« anlässlich seines 80. Geburtstages: »Das Jahr 2009 war sein Jahr, könnte man sagen. Nicht nur, dass die Berliner Jüdische Gemeinde ihren langjährigen liberalen Rabbiner Ernst M. Stein aus Anlass seines 80. Geburtstags zum ersten Mal wirklich gewürdigt hat. Im November verlieh ihm die Humboldt-Universität die Ehrendoktorwürde, womit Stein wahrscheinlich der einzige Ehrendoktor einer Berliner Universität ist, der keinen Schulabschluss hat.«

england Vor drei Monaten starb Ernst Steins Frau nach langer schwerer Krankheit. Die beiden waren tief und innerlich verbunden. Zwar war auch er schon von Krankheit gezeichnet, aber nach ihrem Ableben verschlechterte sich sein Gesundheitszustand rapide.

Er wird jetzt an ihrer Seite in England seine letzte Ruhe finden, denn beide wollten nicht in Deutschland, das sie so liebten und gleichzeitig fürchteten, beerdigt sein. Er hinterlässt zwei auf eigenen Füßen stehende erwachsene Kinder. Sein Andenken werde zum Segen!

 

 

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