Schabbat

Macht der Worte

Man kann sich verpflichten, keine Zitronen mehr zu essen. Sie erhalten dann für denjenigen den Status »nichtkoscher«. Foto: Thinkstock

Der Doppelabschnitt Mattot-Massej beginnt mit Vorschriften zu »Nedarim« und »Schwu’ot«. Beide finden wir gleich im zweiten Satz der Parascha: »Wenn jemand ein Neder tut für den Ewigen oder eine Schwu’a schwört, um dadurch seine Seele zu binden, dann soll er sein Wort nicht entheiligen« (4. Buch Mose 30,3).

In deutschen Tora-Übersetzungen sind die beiden Begriffe in der Regel mit ungefähren Entsprechungen übertragen, aber genau dies birgt die Gefahr, dass wir sie falsch verstehen. Häufig steht da »Schwur« oder »Gelübde«. Was aber steckt wirklich hinter dem Konzept des Neders und der Schwu’a?

Definition Eine Person kann einen Neder tun, sich also zu einem bestimmten Verhalten verpflichten, indem sie diese Absicht laut ausspricht. Dies kann die Person auch in Bezug auf eine Sache tun. So könnte sich jemand dazu verpflichten, in Zukunft oder für einen beliebigen Zeitraum keine Zitronen mehr zu essen. Das Verblüffende daran ist, dass für diese Person die Zitrone den Status einer nichtkoscheren Frucht erhält. Sie darf von dieser Person nicht mehr gegessen werden.

Eine andere Art des Neder wäre, sich selbst eine bestimmte Mizwa aufzuerlegen. Maimonides, der Rambam (1135–1204), beschreibt dies recht ausführlich in seinen Hilchot Nedarim (1). Und der Talmud diskutiert nahezu alle Aspekte im gleichnamigen Traktat Nedarim.

Anders als beim Neder geht es bei einer Schwu’a nicht um einen Gegenstand, sondern um einen Akt. Mit einer Schwu’a kann man sich auferlegen, eine bestimmte Sache zu tun. Der Talmud erklärt, bei einem Neder sei ein Objekt betroffen, bei einer Schwu’a jedoch die Person (Nedarim 2a und 2b). Diese kleine Spitzfindigkeit wird sich noch quer durch die jüdische religiöse Literatur ziehen und sich zu einem interessanten Prinzip entwickeln.

So erklärt Rabbiner Joseph Ber Soloveitchik (1903–1993) die Zitrone zu einem Ding mit der Bezeichnung »Cheftza« und den Menschen in dieser Situation zu etwas mit der Bezeichnung »Gavra«. Im übertragenen Sinne wäre die Zitrone das Objekt (Cheftza) und der Mensch das Subjekt (Gavra).

Diese Zuordnung leitet Soloveitchik aus der »Litauer Methode« des Talmudlernens ab, die sein Großvater Chajm Soloveitchik (1853–1918) begründet hat. Diese Methode legt besonderes Augenmerk darauf, Fragen und Diskussionen des Talmuds in konkrete Definitionen zu übertragen. Das erlaubt es, wiederkehrende Muster in Kategorien einzuteilen. So kann man mit dieser Einteilung beobachten, dass es Mizwot gibt, die sich auf Personen beziehen, und Mizwot, die sich auf eine Sache beziehen. Wer ist Objekt, und wer ist Subjekt?

Konsequenzen Diese Definitionen haben es dem Schüler der jüdischen Rechtsliteratur und der Auslegungen der Tora erlaubt, diese Welt ein wenig strukturierter zu betrachten. Aber das bleibt keine akademische Übung. Für Rabbiner Joseph Ber Soloveitchik hatte es weitreichende Konsequenzen. Nach seiner Auffassung sollte der Mensch auf der Welt nicht »Cheftza« sein, sondern »Gawra« – also nicht Objekt, sondern Subjekt. Er sollte die Welt selbst gestalten und weiter an ihr bauen.

Durch einen Neder hat der Mensch mit seinen Worten den Zustand einer Sache, in unserem Beispiel eine Zitrone, verändert und ein verbindliches Verbot ausgesprochen. Er hat in diesem Augenblick getan, was der Ewige in der Tora tat: Er hat ein verbindliches Gebot formuliert und sich damit eine aktive Rolle in der Welt zugesprochen – ganz im Sinne des Talmuds, der sagt, der Mensch sei »G’ttes Partner bei der Erschaffung der Welt« (Schabbat 10a, 119b).

Wie geschieht das? In unserem Fall durch die Sprache. In Rabbiner Soloveitchiks Essay Redemption, Prayer, Talmud Tora (1978) ist ein Mensch dann frei, wenn er sich artikulieren kann. In anderen Worten: Wenn er nicht mehr nur Objekt, Cheftza, ist. Ein Sklave, so schreibt Soloveitchik, hat keine Geschichte, die er erzählen kann. Er ist völlig von der Existenz seines Besitzers abhängig. Das jüdische Volk ist kein Volk von Sklaven mehr, und wir sind heute auch keine Sklaven mehr. Wir können, wenn wir wollen, sogar einen Neder aussprechen – allerdings sind wir dann auch verpflichtet, das Versprechen zu halten, so wie die anderen Gebote der Tora.

Macht Mit seiner Sprache hat der Mensch die Macht, den Status von Objekten zu verändern. Es ist nicht weit hergeholt, zu behaupten, dass dies bereits bei der Schöpfung des Menschen festgelegt wurde. In der Schöpfungsgeschichte wird erzählt, dass der Mensch G’ttes Partner bei der Weiterentwicklung der Welt sei. Aus diesem Grund übersetzt Onkelos in der Schöpfungsgeschichte die »lebendige Seele« (nefesch chaja) mit »sprechender Geist« (ruach memalla).

Zudem gibt der Mensch allem Lebendigen in seinem Garten Namen (1. Buch Mose 2,19). Der Namensgeber ist derjenige, der handelt. Er ist das Subjekt. Es geht hier also nicht nur um Sprache im Sinne von »Achte auf das Gesagte«, sondern auch um die Tatsache, dass der Mensch in der Lage sein muss zu sprechen, seine Geschichte zu erzählen und eigene Entscheidungen zu treffen. Das verbindet ihn mit seiner Aufgabe, die Welt weiter aufzubauen.

Wenn wir innerhalb der Tora zurückschauen ins erste Buch, dann finden wir das Wort »Neder« auch im Zusammenhang mit Jakow: »Und Jakow tat einen Neder und sprach: ›Wenn der Ewige mit mir ist, … dann wird diese Steinsäule ein Haus für den Ewigen sein‹« (28,20).

Etwas später in der hebräischen Bibel, in Psalm 132, sagt König David, er schwöre, nicht zu schlafen, bis er einen Ort für den Ewigen gefunden hat. In beiden Fällen führt das Versprechen zu einem Ort für G’tt.

Das fiel schon Kommentatoren früherer Epochen auf. So meinte Rabbiner Bachja ben Ascher (1255–1340), das Wort »Neder« leite sich von »Dirah laSchem« ab, einem »Aufenthaltsort für den Ewigen«. Überall dort, wo ein Neder getan wird, mache man Platz für G’tt. Diese juristische Formulierung greift also weiter zurück, als man zunächst annehmen könnte, und erinnert den Menschen daran, dass er aktiv sein muss, um die Welt zu verändern.

Der Autor ist Mitglied der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen.

Paraschat Matot
Dieser Wochenabschnitt erzählt von Mosches letztem militärischen Unternehmen, dem Feldzug gegen die Midjaniter. Die Israeliten teilen die Beute auf und besiedeln das Land.
4. Buch Mose 30,2 – 32,42

Paraschat Mass’ej
»Reisen« ist die deutsche Übersetzung des Wochenabschnitts. Er beginnt mit einer Liste aller Stationen der Reise, durch die Wildnis von Ägypten bis zum Jordan. Mosche sagt den Israeliten, sie müssten die Bewohner des Landes vertreiben und ihre Götzenbilder zerstören.
4. Buch Mose 33,1 – 36,13

Judenhass

Kölner Rabbiner wirbt für mehr Zivilcourage bei Übergriffen

Yechiel Brukner war selbst wiederholt Schmähungen in öffentlichen Verkehrsmitteln ausgesetzt

 21.11.2019

Schriften

Eis und Wasser in einem Strom

Gedanken über das Verhältnis von Halacha und Aggada im Talmud und in der Tora

von Yizhak Ahren  21.11.2019

Bräuche

Schwarze Katze klopft auf Holz

Welche Rolle spielt der Aberglaube im Judentum – und welchen Sinn erfüllt er bis heute?

von Daniel Neumann  21.11.2019

Wajera

Kraft der Liebe

Warum das gute Verhältnis zwischen Ehepartnern in der Tora eine große Rolle spielt

von Vyacheslav Dobrovych  15.11.2019

Talmudisches

Die Verdienste eines Kerkermeisters

Von der Wirksamkeit des Gebets

von Yizhak Ahren  15.11.2019

Perspektive

Das Schöne ist kein Selbstzweck

Jahrhundertelang schien sich das Judentum kaum mit Ästhetik beschäftigt zu haben

von Rabbiner Raphael Evers  14.11.2019