Gesellschaft

Lob der Beziehungsarbeit

Eroberung ist auch innerhalb der Ehe wichtig. Foto: Thinkstock

Als der Talmud (Makkot 24a) ein Beispiel für einen Menschen bringen wollte, der sich durch Rechtschaffenheit auszeichnet (hebräisch: Poel Zedek), nannte er den Namen Abba Chilkia. Wer mehr über Tun und Lassen dieses frommen Mannes, der vor ungefähr 2000 Jahren lebte, erfahren und Wesentliches über die Beziehungen zwischen Mann und Frau lernen will, sollte folgende Geschichte näher betrachten, die im Traktat Taanit (23a und b) steht.

Dort heißt es: »Wenn (Abba Chilkia) zum Himmel flehte, fiel Regen auf die Erde. Einst bedurfte die Welt des Regens, und die Weisen sandten zu ihm ein Paar Jünger, auf dass er um Regen flehe. Diese gingen zu ihm nach Hause, trafen ihn aber nicht an; hierauf gingen sie aufs Feld und fanden ihn dort beim Graben. Sie grüßten ihn, er aber wandte ihnen sein Gesicht nicht zu.«

Tagelöhner Warum hat Abba Chilkia nicht höflich geantwortet, als die Jünger ihn auf dem Feld ansprachen? Der Meister erklärte ihnen später, als Tagelöhner habe er seine Arbeit nicht unterbrechen dürfen. Abba Chilkias Arbeitsmoral mag uns übertrieben streng erscheinen: Welcher Arbeitgeber wird etwas dagegen haben, wenn sein Angestellter einen Gruß erwidert? Andererseits wissen wir, wie schnell jemand, ohne dass er dies überhaupt will, in ein längeres Gespräch verwickelt wird.

Abba Chilkias Verhalten macht uns jedenfalls darauf aufmerksam, dass ein Arbeitnehmer stets die Interessen des Arbeitgebers zu wahren hat. Um nur zwei Beispiele aus dem heutigen Bürobetrieb zu erwähnen: Darf man während der Arbeitszeit Telefongespräche führen, die nicht mit dem bezahlten Job zusammenhängen? Zweitens: Ist es erlaubt, private E-Mails zu checken? Bemerkenswert ist, dass Rabbiner Mosche Chaim Luzzatto in seinem klassischen Werk Der Pfad der Gerechten (Kapitel 11) das Beispiel von Abba Chilkia anführt, um vor Diebstahl von Arbeitszeit zu warnen.

Um zu der Talmudstelle zurückzukehren: »Als er (Abba Chilkia) die Stadt erreichte, kam ihm seine Frau geschmückt entgegen.« Seine neugierigen Jünger wollten später wissen: Weshalb kam dem Meister seine Ehefrau geschmückt entgegen? Abba Chilkias Antwort lautete: Damit ich mein Auge nicht auf eine andere Frau werfe. Diese kurze Episode zeigt uns eine besondere Form der Fürsorge, die lebensklug und nachahmenswert ist. Eine Ehefrau macht sich für ihren Mann schön und geht ihm entgegen. Er seinerseits weiß ihre Bemühungen zu würdigen.

Partnerschaft Weiter heißt es: »Als er an sein Haus kam, trat seine Frau zuerst ein, danach er, und zum Schluss traten die Jünger ein.« Hervorzuheben ist hier das Zusammenspiel von Abba Chilkia und seiner Ehefrau; man kann diese Partnerschaft als vorbildlich bezeichnen.

Auf seine Initiative hin beteten beide Ehepartner gleichzeitig um Regen, wie wir im Text lesen: »Hierauf sprach er zu seiner Frau: Ich weiß, dass die Jünger wegen des Regens gekommen sind; gehen wir auf den Söller und flehen um Erbarmen. Wenn der Heilige, gepriesen sei Er, vielleicht gnädig ist und Regen kommt, so soll man dies nicht uns zugutehalten. Daraufhin stiegen sie auf den Söller; er stellte sich in die eine Ecke zum Beten und sie sich in die andere, und die Wolken kamen zuerst von der Seite der Frau.«

Für die Tatsache, dass die Wolken zuerst von der Seite seiner Frau kamen, wusste Abba Chilkia sogar zwei Gründe anzugeben. Er stellte neidlos fest, dass in Bezug auf die Frevler, die in der Nachbarschaft wohnten, die Verhaltensweise seiner Frau in den Augen des Ewigen offensichtlich wohlgefälliger war als sein eigenes Vorgehen. Beim Eintritt in die Wohnung gab Abba Chilkia seiner Frau den Vortritt, nicht den Besuchern.

Was können wir von Abba Chilkia lernen? Dass die Werbung von Mann und Frau umeinander keineswegs mit der Hochzeit endet. Vielmehr sollte die »Eroberungsarbeit« im langjährigen Eheleben immer wieder neu belebt werden!

Schelach Lecha

Mit der Kraft des Ewigen

Die biblische Erzählung lehrt, dass sich mit Gottvertrauen auch aktuelle Herausforderungen bewältigen lassen

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  12.06.2026

Talmudisches

Spiel des Lebens

Was unsere Weisen über Fußball lehrten

von Avi Frenkel  12.06.2026

Fußball-WM

Darf man einem Kraken glauben?

Was das Judentum über Orakel, Omen und Vorhersagen lehrt

von Rabbiner Dovid Gernetz  11.06.2026

Dresden

Elnet: Initiative soll Neugier auf jüdisches Leben wecken

Die Kampagne ist Teil des Themenjahres »Tacheles. Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen 2026« und wird zunächst sechs Wochen sichtbar sein

 11.06.2026

Interview

»Verbinde dich mit etwas Größerem«

Rabbiner Levi Shmotkin landete mit »Worte fürs Leben« einen Bestseller. Ein Gespräch über die Stärke, sich von Krieg und antisemitischen Bedrohungen nicht lähmen zu lassen

von Detlef David Kauschke  09.06.2026

Beha’alotcha

Macht der Gewohnheit

Die Tora zeigt am Beispiel Aharons, warum die tägliche Pflicht den Menschen wachsen lässt

von Avi Frenkel  05.06.2026

Talmudisches

Geister

Was antike jüdische Überlieferungen über Besucher aus dem Jenseits erzählen

von Rabbinerin Yael Deusel  04.06.2026

München/Jerusalem

Rabbinerkonferenz weist Kritik an deutschen Yad-Vashem-Standorten zurück

Die geplanten Außenstellen von Yad Vashem in Deutschland stoßen auch auf Skepsis. Doch die Orthodoxe Rabbinerkonferenz warnt davor, die Arbeit der Gedenkstätte zum Gegenstand politischer Abrechnungen zu machen

 31.05.2026

Bonn

»Es ist ein Bruch eingetreten.«

Rabbiner Andreas Nachama betonte, dass Jüdinnen und Juden immer weiter in eine »Defensivposition« gebracht würden. Eine Studientagung des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit lotete aus, wie es anders gehen könnte

von Leticia Witte  31.05.2026