Paraschat Tezawe

Liebe und Gerechtigkeit im Herzen

G’tt will in uns wohnen und nicht im Tempel, der nur ein Mittel zum Zweck ist. Foto: Getty Images / istock

Im Wochenabschnitt Tezawe wird das jüdische Volk aufgefordert, im tragbaren Heiligtum, dem Mischkan, ein ewig leuchtendes Licht zu installieren. Das Gebot wird mit folgenden Worten eingeleitet: »Und du befehle (tezawe) den Kindern Israels.« Daher heißt unser Wochenabschnitt auch Tezawe.

Aber wozu braucht G’tt, der über räumliche und zeitliche Grenzen hinweg existiert, ein irdisches Heiligtum? Warum braucht ein allwissender G’tt die vielen Details des Mischkan? Mit diesen Fragen haben sich in den vergangenen Jahrhunderten zahlreiche Rabbiner und Philosophen beschäftigt. Wir scheinen die Antwort auf diese Frage in unserem letzten Wochenabschnitt zu finden: »Macht Mir ein Heiligtum, und Ich werde in euch (und nicht in ihm!) wohnen« (25,8).

Details Der Bau des Tempels und die Beschäftigung mit den Angelegenheiten des Tempels soll einen Einfluss auf den Menschen haben. G’tt will in uns wohnen und nicht im Tempel, der nur ein Mittel zum Zweck ist. Der Mensch selbst, seine Seele, soll zum eigentlichen Tempel werden. Durch die Begegnung mit dem Heiligtum in all seinen Details soll der Mensch zu einem Domizil der Heiligkeit werden und Inspiration für den Alltag schöpfen. Der Tempel dient dem Menschen, damit er sich mit G’tt verbinde – und nicht anders herum.

Die Propheten des Tanach senden diese Botschaft immer wieder in das Volk hinaus: »›Was soll Mir die Menge eurer Opfer?‹, spricht G’tt. ›Ich bin satt der Brandopfer von Widdern und des Fettes von Mastkälbern und habe keinen Gefallen am Blut der Stiere, der Lämmer und der Böcke. (…) Schafft Mir eure bösen Taten aus den Augen! Lasst ab vom Bösen! Lernt, Gutes zu tun! Trachtet nach Recht, helft den Unterdrückten, schafft den Waisen Recht, führt der Witwen Sache!‹« (Jeschajahu 1, 11–17).

In vielen Kulturen wurde das Menschenopfer als Forderung der Gottheiten zur Aufrechterhaltung des Segens verstanden.

Auch der Prophet Amos sagt im Namen G’ttes : »Euer fettes Schlachtopfer sehe Ich nicht an« (5,22). Stattdessen fordert er: »Hasst das Böse und liebt das Gute, richtet das Recht auf im Tor« (5,15).
Mit derselben Botschaft fährt der Prophet Micha fort: »Wird G’tt Gefallen haben an Tausenden Widdern, an unzähligen Strömen von Öl? (…) Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was G’tt von dir fordert: Nur Recht zu tun und Liebe zu üben und demütig wandeln mit G’tt« (6, 6–8).

Opfergaben Das jüdische Volk hat einen G’tt, der Liebe und Gerechtigkeit fordert und für den die Opfergaben nur ein Mittel zum Zweck sind. Dieses G’ttesbild ist in der Welt der Antike sehr neu gewesen und steht im Kontrast zu den heidnischen Kulturen der restlichen Welt. In den Religionen der mittelamerikanischen Kulturen forderten die Götter Menschenopfer. Meist wurden Kriegsgefangene geopfert, aber man brachte auch Kinder als Opfer dar, denn der »Segen der Götter« sollte weiterhin Bestand haben. Die Menschenopfer wurden von den Priestern verbrannt, gehäutet oder mit Pfeilen durchbohrt. Auch die germanischen Stämme kannten Menschenopfer. Und sie betrieben kultischen Kannibalismus.

In vielen weiteren Kulturen wurde das Menschenopfer als die natürliche Forderung der Gottheiten zur Aufrechterhaltung des Segens verstanden. Der G’tt der Juden zerstörte im sechsten Jahrhundert v.d.Z. seinen eigenen Tempel aufgrund von Mord, Götzendienst und des Inzests, der außerhalb des Tempels tobte. Laut dem Talmud ließ G’tt einige Hundert Jahre später seinen eigenen Tempel verbrennen, da die Menschen sich untereinander hassten.

Was steckt also hinter der Symbolik des ewig leuchtenden Lichtes im Mischkan zu Beginn unseres Wochenabschnitts?

Dies ist das G’ttesbild des Volkes Israel, des G’ttes Awrahams, Jizchaks und Jakows, der sich in den prophetischen Schriften offenbart und mit jedem Wort einen Kontrast zu all dem Götzendienst und den damit verbundenen menschenverachtenden Riten schafft.

Er grenzt sich aber auch von pseudo­frommen Traditionen ab, die ihn angeblich rühmen, doch dieses Rühmen führt nicht zu einem Frieden unter den Menschen, der echte Frömmigkeit ermöglicht.

Architektur Ausgehend von dem oben Gesagten sehen wir also, dass der wahre Tempel in der menschlichen Seele gebaut werden muss.
Die Beschreibung der Objekte, die Architektur und der Tagesablauf geben uns allerdings tiefe symbolische und teilweise auch mystische Einblicke in die innere Arbeit des Menschen, der sich selbst zu einem Tempel G’ttes transformieren möchte.

Was steckt also hinter der Symbolik des ewig leuchtenden Lichtes im Mischkan zu Beginn unseres Wochenabschnitts? Was kann uns dieses Objekt über unsere innere Arbeit lehren?

Das Geheimnis liegt darin, bei jeder Trainingseinheit präsent zu sein.

Vor einiger Zeit habe ich ein Interview mit einem berühmten Kraftsportler gelesen. Aus meiner Sicht enthielt es einen Hinweis auf das ewige Licht des Mischkan und dessen Verbindung zu unserem täglichen G’ttesdienst.
Der Sportler wurde nach der Quelle seines Erfolgs gefragt und antwortete: »Die meisten denken, man müsse jedes Mal ein perfektes Training absolvieren. Das ist falsch! Niemand kann immer einen guten Tag haben.

Das Geheimnis liegt darin, bei jeder Trainingseinheit präsent zu sein. Niemand wurde erfolgreich, weil er vier Tage trainierte und dann vier Monate Pause machte. Wer aber bei jedem Training anwesend ist, kann sicher sein, dass seine Leistung sich verbessert.«

VERPFLICHTUNG Der Midrasch erklärt, dass das im ersten Vers unseres Wochenabschnitts verwendete Wort »befehle« (hebräisch: »tezawe«) eine Aufforderung zu Enthusiasmus und Kontinuität zugleich impliziert. Es ist einfach, enthusiastisch zu sein, wenn es um eine einmalige Sache geht – doch schwieriger wird es bei einer alltäglichen Verpflichtung.

Das Licht im Tempel musste immer brennen, und genau deswegen wird das Wort »tezawe« verwendet. König Schlomo verglich die Tora mit Licht: »Denn die Mizwa ist eine Kerze und die Tora Licht« (Mischlei 6,23).

Der ideale Tempel ist, wie bereits ausgeführt, die menschliche Seele. Die Gebote der Tora sind gleich dem Licht im Tempel eine tägliche Angelegenheit und das bis zum letzten Tag unseres Lebens. Es liegt an uns, den Enthusiasmus zu finden, um Kontinuität zu schaffen.

Der Autor studiert Sozialarbeit in Berlin.

INHALT
Der Wochenabschnitt Tezawe berichtet davon, wie den Kindern Israels aufgetragen wird, ausschließlich reines Olivenöl für das ewige Licht, das Ner Tamid, zu verwenden. Auf Geheiß des Ewigen soll Mosche seinen Bruder Aharon und dessen Söhne Nadav, Avihu, Eleazar und Itamar zu Priestern machen. Für sie übermittelt die Parascha Bekleidungsvorschriften. In einer siebentägigen Zeremonie werden Aharon und seine Söhne in das Priesteramt eingeführt. Dazu wird Aharon angewiesen, Weihrauch auf einem Altar aus Akazienholz zu verbrennen.
2. Buch Mose 27,20 – 30,10

Religionsfreiheit

Beten und abstimmen

Warum gerade wir Juden an der Europawahl teilnehmen sollten

von Rabbiner Raphael Evers  23.05.2019

Lag Baomer

Tag des Leuchtens

Das fröhliche Fest in der Omerzeit eröffnet einen Weg zur tieferen Seite der Tora

von Rabbiner Avichai Apel  22.05.2019

Wittenberger Stadtkirche

»Judensau« darf wohl hängen bleiben

Am Freitag urteilt das Gericht über den Verbleib der Schmähplastik. Schon jetzt ist eine klare Tendenz erkennbar

von Johannes Süßmann  21.05.2019