Einsicht

Krönungszeremonie

Awinu Malkenu, das Gebet für die zehn Bußtage: »Unser Vater, unser König, wir haben keinen König außer dir.« Foto: imago

Es heißt, dass jedem jüdischen Feiertag ein spezielles inhaltliches Konzept zugedacht ist, welches sich auch aus dem historischen Kontext ergibt. So handelt die Pessachgeschichte von den Anfängen des Auszugs aus Ägypten: Die inhaltliche Auseinandersetzung schließt Konzepte wie geistige und körperliche Befreiung sowie die Geburt eines Volkes mit ein. Schawuot ist der Feiertag, mit dem wir jährlich das historische Ereignis der Übergabe der Tora zelebrieren. Doch was geschah an Rosch Haschana? Bei näherer Betrachtung stellt man fest, dass es der einzige Feiertag ist, den die Tora nicht mit einem biblischen Ereignis des jüdischen Volkes in Verbindung bringt. Ist es lediglich ein Tag, an dem wir Schofar blasen und uns über den Anfang eines neuen Jahres freuen sollen?

Konzept Der Rosch-Haschana-Liturgie entnehmen wir das dort häufig erwähnte Konzept von »und dann wird G’tt König über die ganze Welt sein«. Rosch Haschana ist der jährliche Krönungstag G’ttes. Doch weshalb benötigt Er als allmächtiges Wesen einen Krönungstag, und inwiefern ist die jährliche Wiederholung des Andenkens an G’tt als König für uns relevant?
Um die Bedeutung dieser Fragen und und die Relevanz einer Krönung in der heutigen Zeit, in der wir weitgehend ohne Monarchen leben, nachvollziehen zu können, muss man sich Folgendes vergegenwärtigen: Ein König im eigentlichen Sinn ist kein Diktator, der sich durch Tyrannei und Gewalt seine Position sichert, um Macht und Luxus zu erhalten. Obwohl dies oft in der Geschichte der Menschheit der Fall war, ist es nicht das, was das Judentum unter einem König versteht.

Im Judentum steht der König für sein Volk, er ist sein geistiges Vorbild, regiert mit Gerechtigkeit und Integrität. Nach biblischer Anweisung muss sich ein jüdischer König zwei eigene Torarollen schreiben und eine davon stets bei sich tragen, vor allem, wenn er Recht spricht. Er soll sich dadurch ständig bewusst sein, dass G’tt der Richter über die Menschheit ist, dass Er über ihm steht und er sich vor Ihm rechtfertigen muss. Der König darf lediglich G’ttes Gesetz auf Erden zur Anwendung bringen, beispielsweise bei der Schlichtung zwischen zwei Parteien im Falle eines Rechtsstreites. Er darf sich weder mit zu vielen Frauen verheiraten noch zu viele Pferde oder Gold und Silber besitzen. Sowohl persönliche als auch materielle Ausschweifungen würden ihn von seiner eigentlichen Pflicht ablenken, seine Verantwortung dem Volk gegenüber wahrzunehmen. Korruption, Selbstsucht und Dekadenz sind nicht akzeptabel, sie widersprechen den jüdischen Werten von Gerechtigkeit und Bescheidenheit, denen sich vor allem der König wid-men muss. Er muss das tun, was für sein Volk am besten ist, auch wenn es für das Volk manchmal unangenehm ist. Letztendlich ist ein König im idealen Sinn eine Person, deren Hauptaufgabe es ist, sich um die Bedürfnisse und Erfordernisse des Volkes zu kümmern. Geht es meinen Untertanen gut? Benötigen sie Essen oder Kleidung? Sind sie auf meinen Schutz angewiesen? Ein guter König hat nur das Wohlergehen seines Volkes im Sinn.

Ereignisse Sich an Rosch Haschana mit der Idee von G’tt als König auseinanderzusetzen, bedeutet, sich der Involvierung
G’ttes in seinem eigenen Leben bewusst zu werden. Alle Geschehnisse in der Welt, von weltpolitischen Ereignissen bis hin zum Umstand, dass heute die U-Bahn, die mich zur Arbeit gebracht hat, rechtzeitig gekommen ist, gehen letztendlich darauf zurück, dass G’tt die Geschicke der Welt und die jedes einzelnen Menschen überschaut und lenkt. Dieses Konzept wird im Judentum als »Haschgacha pratit« bezeichnet, jedes minutiöse Detail im Leben eines Menschen wird von G’tt persönlich überwacht. Nichts ist dem Zufall überlassen, kein Detail ist zu unwichtig, als dass G’tt sich nicht damit abmühen würde. Keine Situation, vor allem keine unangenehme, widerfährt uns, ohne dass G’tt in jedem Moment bei uns ist. Jeder Moment der Freude in unserem Leben hat seinen Ursprung in einem g’ttlichen Entschluss. Jeder Moment unseres Leidens ist von G’tt genau kalkuliert, um gewährleisten zu können, dass es bewirken kann, das Gute in uns hervorzubringen. All dies bestätigen wir an Rosch Haschana, indem wir realisieren, dass Er der König ist, der sich einzig um das Wohlergehen seiner Untertanen sorgt.

Anerkennung Natürlich macht es für ein omnipotentes Wesen keinen Unterschied, ob es jemand als das anerkennt und würdigt, was es ist oder nicht. Per Definition hat Er alles, nichts fehlt Ihm, und nichts kann durch unsere Anerkennung hinzugefügt werden, sonst wäre G’tt nicht vorher schon vollständig und allmächtig gewesen. Die Anerkennung und Realisierung der Involvierung G’ttes in unserem Leben kommt aber uns zugute. Sie erfüllt uns mit dem Gefühl, dass wir nicht alleine sind, dass sich jemand ständig um uns sorgt und um unser Wohlergehen bemüht ist. Sie erfüllt uns mit Dankbarkeit und Freude, dass jeder einzelne Mensch die uneingeschränkte Aufmerksamkeit G’ttes, bis ins kleinste persönliche Detail seines Lebens, verdient.

Wir leben in einer Welt, in der die Bedeutung der Familie immer mehr verloren geht, in der sich die Ereignisse in der Welt und die technischen Errungenschaften überschlagen und nur noch schwer zu überschauen und zu verstehen sind. In dieser Welt der Globalisierung, in der sich Menschen gleichzeitig so allein fühlen wie nie zuvor, kann einen gerade dieses Bewusstsein mit einem Gefühl großen Trostes und großer Sicherheit erfüllen.

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