Ruhe!

Kraft schöpfen

Hawdala: Der Schabbat ist vom Zünden der Kerzen am Freitagabend bis zu seinem Ende der Familie vorbehalten. Foto: Fotolia

Nachdem er sechs Tage lang erschaffen hat, tut Gott etwas ganz Bemerkenswertes, bemerkenswert für den allmächtigen Gott der monotheistischen Religionen. Er ruht. »Und Gott vollendete am siebenten Tag sein Werk, das er gemacht, und er ruhte am siebenten Tag von all seinem Werk, das er gemacht. Da segnete Gott den siebenten Tag und heiligte ihn; denn an ihm ruhte er von all seinem Werk, das er zu wirken geschaffen«(1. Buch Moses 2,2–3, Tur-Sinai).

Der hebräische Text verwendet das Wort »aufhören« statt ruhen. Daher lautet auch die wörtliche Übersetzung des hebräischen Wortes Schabbat »aufhören«, »einstellen«. Am siebten Tag stellte Gott das Erschaffen ein.

Das Ruhen ist ein Nebenprodukt des Einstellens der Schöpfungsarbeit. Die biblische Idee von einem Schabbattag ist eines der großen Geschenke an die Menschheit. Sie ist so wichtig, dass sie auf Gottes Original-Top-Ten-Aufgabenliste an vierter Stelle steht: »Wahre den Schabbattag, ihn zu heiligen, wie der Ewige, dein Gott, dir geboten hat« (5. Buch Moses 5,12).

Zivilisation In seinem Klassiker Der Sabbat schrieb Abraham Joshua Heschel, ein großer Philosoph des 20. Jahrhunderts: »Einen Tag in der Woche für die Freiheit abzusondern, einen Tag, an dem wir die Instrumente nicht gebrauchen, die so leicht zu Vernichtungswaffen gemacht wurden, einen Tag, an dem wir für uns sind, einen Tag, an dem wir uns vom Gewöhnlichen lösen, einen Tag, an dem wir die Götzen der technischen Zivilisation nicht anbeten, einen Tag des Waffenstillstands im Wirtschafts- kampf mit unseren Mitmenschen – gibt es eine Einrichtung, die mehr Hoffnung für den Fortschritt des Menschen in sich trägt als der Sabbat?«

Ruhe – für dich selbst, für deine Lieben. Fred wurde gefragt, warum er beschlossen habe, den Schabbat einzuhalten. Er antwortete einfach: »Ich könnte nicht ohne leben. Ich habe volle 24 Stunden für meine Familie und meine Freunde, für das Gebet in der Gemeinschaft, für das Studium von Bibelabschnitten, für eine entspannte Mahlzeit, für ein Nachmittagsschläfchen und einen Spaziergang. Jede Woche. 52 Wochen im Jahr. Bis ich 70 Jahre alt bin, werde ich beinahe zehn Jahre Schabbatzeit genossen haben. Zehn Jahre!«

Als Teenager lernte ich eine Lektion über eines der Geschenke des Schabbats. Das Geschäft unserer Familie in Omaha hieß Louis Market. Es bestand aus einem großen Lebensmittelladen im ersten Gebäude und einer Getränkehandlung im zweiten. Mein Großvater Louis Paperny hatte es gegründet. Er war aus Russland eingewandert und hatte als Hausierer mit Obst und Gemüse begonnen. Als seine vier Töchter heirateten, beteiligte er alle vier Schwiegersöhne zu gleichen Teilen an seinem Unternehmen.

freitagabend Mein Vater Alan, der Erfinder, arbeitete unglaublich viel in dem Laden. Ständig war er auf den Beinen, bediente Kunden, füllte Regale nach und leitete die Hilfskräfte an. Er arbeitete bis zur Erschöpfung. Am meisten Arbeit gab es am Freitagabend und am Samstag. Am Freitag wurden allgemein die Löhne ausbezahlt, und sogleich gingen die Menschen Lebensmittel einkaufen.

Aber am Freitagabend arbeitete mein Vater nie. Der jüdische Schabbat beginnt mit dem Sonnenuntergang am Freitagabend und dauert bis zum Sonnenuntergang am Samstagabend. Meine Mutter bestand darauf, den Schabbat mit dem traditionellen Ritual und dem Mahl einzuleiten, genau wie es ihre Mutter getan hatte, als sie noch ein Kind war. Von uns vier Männern – die Söhne Ronnie, Bobby und Dougie sowie Dad – wurde erwartet, dass wir bei Tisch erschienen. Obwohl mein Vater ständig davon sprach, wie sehr er den berühmten Agnostiker Spinoza bewunderte, und obwohl er sich nicht sicher war, ob er überhaupt an Gott glaubte, ergab er sich doch pflichtschuldig in Moms Hingabe an das Familienessen.

In der Junior High School trat ich dann ins sogenannte Flegelalter der frühen Pubertät ein. Eines Freitagnachmittags trieb ich mich mit Freunden in unserem Einkaufszentrum am Ort herum und hatte jede Menge Spaß – bis ich auf die Uhr sah: Sie zeigte 19.30 Uhr. Am Freitagnachmittag musste ich um 18 Uhr zu Hause sein. Ich sprang in den Bus und stolzierte um 20 Uhr ins Haus. Ich wusste, ich würde Ärger bekommen, aber ich hatte nicht die leiseste Vorstellung, dass ich eine der wichtigsten Lektionen meines Lebens lernen sollte.

schabbatmahl Mom sprach am Telefon mit der Polizei. Sie weinte hysterisch, weil sie sich Sorgen machte, dass ich einen Unfall gehabt haben oder gar erschossen worden sein könnte. Dad sah, dass ich kam, umarmte mich mit einem erleichterten Stoßseufzer und wurde dann wütend: »Ronnie, wo warst du? Du hast das Schabbatmahl verpasst!« Ich antwortete, wie es nur ein Pubertierender fertigbringt: »Und wenn schon, Dad. Du glaubst doch sowieso nicht an das ganze religiöse Zeug!«

Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, was dann passiert ist. Aber als ich aufwachte, führten mein Vater und ich eines jener Vater-Sohn-Gespräche, die ich mein Leben lang nicht vergessen werde.

»Ich bin so enttäuscht von dir, Ronnie«, begann er. »Deine Mutter war außer sich. Wir hatten keine Ahnung, wo du warst und ob dir womöglich etwas passiert war. Es war schrecklich. Du weißt, wir erwarten, dass du am Freitagabend zum Abendessen zu Hause bist.«

»Es tut mir leid, Dad«, murmelte ich. »Ich hätte euch anrufen sollen. Ich habe gar nicht gemerkt, wie spät es schon war. Aber mir ist immer noch nicht klar, was am Schabbatmahl so besonders sein soll.«

»Dann will ich dir einmal etwas erklären, mein Sohn. Ich arbeite wie ein Hund, jeden Tag, die ganze Woche lang. Aber an einem Abend in der Woche nehme ich mir frei – Freitagabend. Nicht am Samstag, wenn alle unsere Freunde ausgehen und in der Stadt sind. Am Samstagabend nehme ich mir nie frei; ich nehme mir am Freitagabend frei. Weißt du, warum? Weil ich dann mit eurer Mutter und meinen Söhnen beim Essen zusammen sein kann, bei einem Essen ohne Zeitdruck, bei einem Essen, das am Esstisch eingenommen wird und nicht vor dem Fernseher, bei einem Essen, bei dem ich mit euch zusammensitzen und reden kann, über die Schule und darüber, wie die Woche für euch war. Dann streife ich meine Schuhe ab, und wir spielen ein Spiel oder lesen. Es ist unsere Familienzeit, es ist die schönste Zeit der ganzen Woche.«

Und dann weinte mein Vater zum ersten Mal in meinem Leben vor meinen Augen. Seine gefühlvollen Worte gingen mir durch und durch, und plötzlich wurde mir klar, worum es ihm ging. Ich verstand seine Wut und seine Enttäuschung darüber, dass ich so leichtfertig abgetan hatte, wie wichtig es war, um diese Zeit zu Hause zu sein. Für ihn und meine Mutter, die ebenfalls außer Haus arbeitete, war der Schabbat nicht nur eine Zeit zum Ausruhen. Damit, dass sie wöchentlich den Schabbat einleiteten, wollten sie wertvolle Zeit für uns als Familie sichern.

Erholung In einer Zeit, in der alle erschöpft sind von Schule, Arbeit, Kursen, Sport und endlosen Fahrdiensten für die Kinder ist Freizeit, die einzig und allein dem Zusammensein vorbehalten ist, eines der größten Geschenke, das wir einander machen können. Setze es auf deine Aufgabenliste.

Schöpfe Kraft, um Gottes Werk fortzusetzen. Schaue die Bibelstelle noch einmal genau an. In den meisten Übersetzungen aus dem Hebräischen heißt es: »Gott ... ruhte von allen seinen Werken, die Gott geschaffen und gemacht hatte« (1. Buch Mose 2, 2–3, Luther). Die wörtliche Übersetzung aus dem Hebräischen lautet aber: »Gott ... ruhte von allen Werken, die Er zu wirken geschaffen.«

Gott weiß, dass du Erholung brauchst. Der mittelalterliche Bibel-Kommentator Ibn Esra erklärt, dass der Gebrauch der Worte »zu wirken« anzeigt, dass das Schöpfungswerk am siebten Tag nicht vollendet war. Vielmehr hatte Gott bis dahin die Grundstrukturen der Welt vollendet, für die fortan Gottes Partner verantwortlich sein würden. Deshalb sollte die Übersetzung eigentlich lauten: »Gott ... ruhte von allen Werken, die Gott (für die Menschen) zum Weiterwirken erschaffen hatte.«

Gott ist darauf angewiesen, dass die Menschen, die nach dem Bilde Gottes ge-schaffen sind, das Werk der Schöpfung fortsetzen. Genauso, wie Gott das ursprüngliche Schöpfungswerk am siebten Tag eingestellt hat, so sollst auch du eine Pause machen in deinem fortdauernden Werk des Erschaffens, damit du dich erholen und neue Kräfte für die vor dir liegende Woche sammeln kannst.

Gott weiß, dass du Erholung benötigst. Bist du am Ende der Arbeitswoche nicht erschöpft? Wenn Gott bei der Schöpfung ei-
ne Pause eingelegt hat, solltest du das dann nicht auch tun? Gott ist darauf angewiesen, dass du an den übrigen sechs Wochentagen das Schöpfungswerk fortsetzt. Ruhe dich aus. Nimm dir einen Tag frei.

Nachdruck aus »Der Himmel sucht Mitarbeiter – Gottes Aufgaben-Liste für seine irdischen Helfer«, Crotona, Amerang 2011, 175 S., 15,95 €

Ron Wolfson stammt aus Omaha/ Nebraska und ist eine der bekanntesten jüdischen Stimmen der USA. Er lehrt als Professor für Pädagogik an der American Jewish University Los Angeles. Wolfson ist Bestsellerautor zahlreicher Bücher zu verschiedenen Themen des jüdischen Lebens (»The Shabbat Seder« u.a.). Der Crotona Verlag hat zwei davon (»Der Himmel sucht Mitarbeiter« und »Sieben Fragen, die die auch im Himmel gestellt werden«) in deutscher Übersetzung veröffentlicht.

Lech Lecha

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