Haftara

Kraft der Umkehr

Jonas und der Wal: Bild von Pieter Lastman (1621) Foto: dpa

Das Buch Jona gehört zu den kurzen Büchern der Bibel. Es findet sich in der Sammlung der »Neviim Acharonim« (Hintere Propheten) wieder. Diese umfasst 15 prophetische Bücher, von denen die letzten zwölf nach der jüdischen Tradition auch als nur ein Buch gezählt werden, das sogenannte Zwölfprophetenbuch (Teré Asar).

In dieser Zusammenstellung bildet das Jonabuch eine Ausnahme. Der rote Faden des Buches ist die Geschichte des gleichnamigen Propheten. Eine Sammlung von Prophezeiungen aber sucht man vergebens – bis auf Jonas knappe Ansage: »Es sind noch 40 Tage, so wird Ninive untergehen« (3,4).

DATIERUNG Über die Zeit der Abfassung des Jonabuches erhalten wir keine Hinweise. Nur in 2. Könige 14,25 wird ein Prophet dieses Namens erwähnt, Jona Ben Amittai, der etwa 790–700 vor unserer Zeitrechnung prophezeite. Das würde die Geschichte im achten Jahrhundert ansiedeln. Ninive, die Hauptstadt des mächtigen Assyrien, wurde 612 von den Babyloniern zerstört. Die meisten Forscher lassen die Sprache des Buches und historische Einzelheiten aber eher auf eine jüngere Datierung schließen, etwa zur Zeit des Zweiten Tempels.

Das Buch Jona beginnt mit dem Befehl Gottes, Jona solle nach Ninive gehen und den Einwohnern ihren Untergang ankündigen. Interessant ist hier schon, dass Jona – wie der Prophet Elia – von Gott beauftragt wird, im Ausland zu wirken, also die Grenzen Israels zu überschreiten. Die Bosheit Ninives ist dem Ewigen zu Ohren gekommen und in seinen Augen nicht mehr tragbar. Jona jedoch folgt seinem Ruf nicht und versucht, Gott aus den Augen zu kommen, indem er sich auf ein Schiff absetzt, das Kurs auf Tarschisch nimmt, in genau die entgegengesetzte Richtung von Ninive.

Es kommt zu einer stürmischen, lebensbedrohlichen Seefahrt, die erst wieder in ruhigere Gewässer kommt, als Jona der Besatzung rät, ihn ins Meer zu werfen. Dort wird er von einem großen Fisch verschlungen und auf Gottes Geheiß wieder an Land gespien. Erst jetzt erledigt Jona seinen Auftrag. Und tatsächlich bekehrt sich die Bevölkerung Ninives von ihren bösen Wegen – und Gott erbarmt sich aller. So bezeugt das Buch Jona die Kraft der Teschuwa und das göttliche Erbarmen.

LITURGIE Aus diesem Grund nimmt es in der jüdischen Liturgie als Haftara an Jom Kippur einen herausragenden Rang ein. So haben es unsere Weisen im Traktat Megilla festgelegt: »Zum Minchagebet liest man über Blutschande und die Haftara Jona« (31,1). Und im Machsor von Vitry heißt es: »Und der dritte Aufruf gilt dem Jona-Maftir, wegen der Umkehr der Niniviten.« Auch wird dieses Buch zu Jom Kippur deshalb vorgetragen, weil es Zeugnis davon ablegt: Kein Mensch kann in Wahrheit vor Gott fliehen. Es gibt keinen Ort, an dem er sich vor dem Schöpfer verbergen könnte.

Das erste Kapitel erzählt von Gottes Mitleid mit der Besatzung des Schiffes. Er lässt sie nicht im Sturm auf hoher See wegen Jonas Sünde untergehen. Sie waren unschuldig. Sie verhielten sich gegenüber Jona geradezu fürsorglich. Die heidnischen Seeleute forderten ihn dazu auf, seinen Gott in der Not anzurufen. Am Ende hören wir von ihrer Hinwendung zum Gott Israels. Im Blick auf die gewalttätige Bevölkerung Ninives erwartet man eine ähnliche Vernichtungsaktion Gottes wie die, die mit der Sintflutgeschichte erzählt wird.

Doch die Umkehr der Niniviten erreicht Gottes Abkehr von seinem Zorn und lässt sein Erbarmen über sie walten. Der Gott Awrahams, Jizchaks und Jakows wird uns hier als Gott des Universums vorgestellt. Als dieser allmächtige Gott profiliert Er sich im Buch Jona als ein Gott, der Erbarmen und Gnade vor Recht und Gesetz ergehen lässt.

GEFÜHLE Jona wollte, dass Gott ausschließlich Israel Liebe und Gnade erweist. Der Mann Gottes hatte für die Niniviten kein bisschen Mitleid übrig. Doch Gott lässt seine Gefühle sehen, wenn er Jona abschließend fragt: »Und mich sollte nicht jammern Ninive, eine so große Stadt, in der mehr als 120.000 Menschen sind, die nicht wissen, was rechts oder links ist, dazu auch viele Tiere?« (4,11)

Die Pädagogik, die der Ewige gegenüber Jona anwendet, lässt den Leser zu der Erkenntnis kommen: Der Gott des Propheten übt seine Barmherzigkeit nicht nur über Israel aus, sondern über alle Seine Geschöpfe und Völker, wenn sie sich von ihren bösen Wegen bekehren. Das Buch Jona rückt uns die Kraft der Teschuwa vor Augen, auf deren Wirkung wir am großen Versöhnungstag vor Gott unser ganzes Vertrauen setzen. Die Teschuwa ist von göttlicher Erhabenheit. Sie ist Gott ebenbürtig, stark wie der Ewige selbst. Unsere Umkehr kehrt den Ewigen und Allmächtigen von seinem Zorn ab.

Der Autor ist Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).

Matot-Mass’ej

Hand in Hand

In der biblischen Erzählung von der Verteilung des Landes wird ein wichtiges Prinzip deutlich

von Rabbinerin Yael Deusel  10.07.2026

Perspektive

»Viele Juden haben das Gefühl, zwischen beiden Seiten zu stehen«

Rabbiner Ammiel Hirsch gilt als eine der bekanntesten Stimmen des Reformjudentums in den USA. Ein Gespräch über Zionismus, Proteste vor Synagogen und den Bruch mit liberalen Milieus

von Alexandra Farkas Bandl  10.07.2026

Talmudisches

Der Garten Eden

Was unsere Weisen über das Paradies lehrten

von Vyacheslav Dobrovych  09.07.2026

Rabbinerausbildung

Levinson-Stiftung als Institut an der Uni Potsdam anerkannt

Neuer Meilenstein für die Ausbildung liberaler und konservativer Rabbinerinnen und Rabbiner sowie Kantorinnen und Kantoren

 07.07.2026

Religionsfreiheit

Oberrabbiner sieht religiöse Praktiken europaweit unter Druck

Bei einem Symposium in Amberg diskutierten Politiker, Vertreter von Religionsgemeinschaften und Juristen über die Einschränkungen der Religionsfreiheit

von Christoph Renzikowski  05.07.2026

Pinchas

Der Anfang aller Einsicht

Die Tora zeigt, dass wahre Größe mit Demut und Einfachheit beginnt

von Vyacheslav Dobrovych  03.07.2026

Talmudisches

Brot und Wunder

Was unsere Weisen über Armut und G’ttes Beistand lehren

von Rabbiner Avraham Radbil  03.07.2026

Erinnerung

Unsterbliche Buchstaben

Warum der erste Generaldirektor des israelischen Religionsministeriums mit seinem Vorhaben scheiterte, eine Zeremonie für in der Schoa vernichtete Bücher zu etablieren

von Valentin Suckut  02.07.2026

Halacha

Bauchnabel oder Nasenlöcher?

Beim Hildesheimer Vortrag in Berlin gab Chaim Saiman konkrete Einblicke in Fragestellungen des jüdischen Religionsgesetzes

von Leon Stork  02.07.2026