Ernährung

Koschere Cola?

Das wohl bekannteste Getränk der Welt: Cola-Cola Foto: picture alliance / PHOTOPQR/LE PARISIEN/MAXPPP

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Koschere Cola?

Warum die Orthodox Union in den USA und das Rabbinat in Israel ein Getränk zertifizieren, in dem ursprünglich tierisches Glycerin enthalten war

von Rabbiner Dovid Gernetz  03.08.2023 09:46 Uhr

Coca-Cola ist das bekannteste und meist konsumierte Erfrischungsgetränk der Welt. Weltweit werden in 200 Ländern täglich fast zwei Milliarden Portionen Coca-Cola verkauft.

Das Getränk, das im Jahr 1886 vom Apotheker John Stith Pemberton aus Atlanta als Mittel gegen Kopfschmerzen und Müdigkeit zusammengemischt wurde und aufgrund des ursprünglich enthaltenen Kokains eigentlich als Medizin zum Lindern von Kopfschmerzen gedacht war, entwickelte sich zu einer Marke, die mit einem Umsatz von 58 Milliarden US-Dollar im Jahr 2022 zu den Top Ten der wertvollsten Unternehmen der Welt gehört.

Doch hinter der markanten Coca-Cola-Konturflasche mit dem typischen weißen Schriftzug auf dem grellroten Hintergrund verbirgt sich viel mehr als nur ein Erfrischungsgetränk. Durch geschickte Werbekampagnen ist es dem US-Unternehmen mit Sitz in Atlanta gelungen, sich als Symbol der westlichen Kultur zu etablieren.

VERBRAUCH In der Liste des Pro-Kopf-Verbrauchs liegt Israel übrigens mit. 60,9 Litern pro Jahr auf Platz 13 und Deutschland auf Platz 17 mit 45,84 Litern. Die Cola, die in Israel verkauft wird, wird vom Rabbinat in Tel Aviv und dem »Badatz (Beit Din Zedek Landau)« in Bnei Brak zertifiziert, wo sich auch eine Coca-Cola-Fabrik befindet. Das erwähnte Badatz wurde von Rabbi Moshe Landau gegründet und geführt und hat sich auf Koscher-Zertifizierung von Nahrungsprodukten spezialisiert.

In den USA ist die OU (Orthodox Union) dafür verantwortlich. Rabbiner Moshe Landau und Rabbiner Yerachmiel Morrison von der OU gehören zu der Handvoll Menschen, denen die geheime Formel des Sirups bekannt war. Einige Male pro Jahr wird das koschere Coca-Cola-Konzentrat unter ihrer Aufsicht hergestellt und an bestimmte Coca-Cola Fabriken verschifft, wo es mit Kohlensäure versetzt, abgefüllt und verpackt wird.

Doch wie kam es dazu, dass dieses Getränk koscher wurde? Seit der Gründung der Coca-Cola Company hat sie ihren Sitz in Atlanta, Georgia. Im 20. Jahrhundert war Rabbiner Tuvia (Tobias) Geffen, ein Einwanderer aus Osteuropa, der Oberrabbiner von Atlanta und Leiter der südlichen Abteilung der Union of Orthodox Rabbis in den USA.

Es ist unklar, ob Rabbiner Geffen von Coca-Cola angesprochen wurde oder ob es seine Initiative war. Jedenfalls wurde der Rabbiner 1935 von der Firma damit beauftragt, zu überprüfen, ob alle Zutaten und der Herstellungsprozess mit den Gesetzen der Kaschrut übereinstimmen.

zutaten Seine Nachforschungen ergaben, dass alle Zutaten bis auf eine Ausnahme koscher waren. Bei der problematischen Zutat handelte es sich um Glycerin tierischen Ursprungs, eine der Hauptbestandteile. Laut dem amerikanischen Publizisten William Poundstone, der auch Physik studiert hat (er schrieb das Buchs Big Secrets von 1983), waren im Originalrezept 19 Gramm Glycerin enthalten.

An dieser Stelle entbrannte ein Streit zwischen den halachischen Autoritäten in den Vereinigten Staaten, ob dieser Befund Coca-Cola treif, also »unkoscher« macht. Laut dem Schulchan Aruch (Yoreh Deah Siman 98) stellt eine unkoschere Substanz, die weniger als 1,6 Prozent des Gesamtvolumens ausmacht, kein halachisches Problem dar (»Bitul«).

Dies gilt jedoch nur, wenn der Geschmack der Subs­tanz nicht ausgemacht werden kann und sie ohne Absicht beigemischt wird. Das beabsichtigte Beimischen ist aufgrund des Prinzips »Ain Mevattelin Issur Lechatchila« (»man hebt kein Verbot vorsätzlich auf«) verboten. Falls dies dennoch geschehen ist, darf der »Täter« und derjenige, für den das Nahrungsmittel produziert wurde, es nicht konsumieren.

hersteller Was ist jedoch, wenn ein nichtjüdischer Hersteller das Produkt gemischt hat und man es kauft? Der Raschbaz (Rabbiner Schimschon Ben Zemach Duran, 1361–1444) ist der Ansicht, dass der Kauf ebenfalls von den Weisen verboten wurde. Zahlreiche Gelehrte teilen seine Ansicht.

Die überwiegende Mehrheit der Gelehrten ist allerdings damit nicht einverstanden. Sie gestattet den Kauf von Coca-Cola, jedoch nur unter der Bedingung, dass die verbotene Substanz nicht auf regulärer Basis beigemischt wird und auch nicht zum üblichen Herstellungsprozess gehört.

Doch im Fall von Coca-Cola gehört Glycerin zweifellos zum üblichen Herstellungsprozess. Aus diesem Grund kam Rabbiner Geffen zu dem Schluss, das Coca-Cola-Rezept sei treif. Er schlug den Produzenten vor, das tierische Glycerin durch pflanzliches Glycerin der Firma Procter & Gamble zu ersetzen. Erstaunlicherweise war die Coca-Cola Company damit einverstanden. Doch nicht alle rabbinischen Kollegen von Rabbiner Geffen teilten seine Meinung, dass tierisches Glycerin unter diesen Umständen ein halachisches Problem darstellt und eine Veränderung vonnöten sei.

PESSACH Rabbi Geffen schlug aber noch eine weitere Veränderung vor, damit Coca-Cola auch an Pessach genossen werden kann: Laut dem aschkenasischen Brauch sind Kitnijot (Hülsenfrüchte) an Pessach nicht gestattet. Neben Reis fällt auch Mais unter diese Kategorie. Somit stellte der Süßstoff High Fructose Corn Sirup (Maissirup) für die aschkenasischen Juden ein ernstes halachisches Problem dar (das Konzept von Bitul kann für Pessach nicht angewendet werden).

Gemeinsam mit den Chemikern des Unternehmens kamen Rabbiner aber zu dem Schluss, dass der an Pessach problematische Süßstoff durch Rohrzuckersirup ersetzt werden kann, ohne den Geschmack zu verändern.

Bis heute werden speziell für diese Feiertage Koscher-für-Pessach-Produkte mit Rohrzuckersirup anstatt von Maissirup hergestellt. Diese Coca-Cola-Flaschen werden mit einem gelben Deckel als »Koscher für Pessach« markiert.

kaschrut Rabbiner Tuvia Geffen hielt seine halachische Diskussion bezüglich der Kaschrut von Coca-Cola in seinen Responsen Sefer Karnei HaHod fest. Bis zu seinem Tod am 10. Februar 1970 war er Oberrabbiner von Atlanta und wurde auch dort begraben. Im Volksmund wird er deshalb auch der »Coca-Cola-Rabbi« genannt.

Wenn Sie also das nächste Mal genussvoll eine eiskalte Coca-Cola (oder Coca-Cola Light) schlürfen, denken Sie kurz über Rabbi Tuvia Geffen und seine Botschaft nach. Mit seinem festen Willen konnte er eine große Firma wie die Coca-Cola Company tatsächlich dazu bringen, ihre Formel zu verändern!

Der Autor ist Rabbiner und Dozent am Rabbinerseminar zu Berlin.

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