Sexualität

Koschere Begierde

Verkörperung der Leidenschaft: Paar beim Tango Argentino Foto: dpa

Die hebräische Bibel empfiehlt, eine Ehe auf der Grundlage von sinnlicher Begierde aufzubauen – anders als das Neue Testament, das die Rolle der Liebe betont. In unseren Schriften dagegen ist Sinnenlust nicht nur eine Empfehlung, sondern ein Gebot. Sie glauben mir nicht? Sehen Sie nach. Zweimal in der Tora, im 2. Buch Mose 20,14 und im 5. Buch Mose 5, 18, heißt es im letzten der Zehn Gebote: »Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib«.

Denken Sie darüber eine Minute nach. Die logische Schlussfolgerung lautet: Du sollst dein eigenes Weib begehren! Denn wenn Lust und Begierde etwas Falsches wären, würde das Gebot lauten: Du sollst überhaupt kein Weib begehren. So steht es aber nicht im Text.

Hohelied Natürlich geht es dabei nicht um verbotene Lust. Die Bibel bezeichnet die Lust als heilig, und die Lust eines Mannes auf seine Frau ist Gott lieb und teuer. Der anschaulichste Beweis für den erhabenen Platz der Sexualität im Judentum ist das wunderschöne Liebesgedicht Schir Haschirim (Hohelied). Die Hebräische Bibel umfasst 24 Bücher – und der Talmud sagt, dass das Hohelied das heiligste von ihnen ist. Es wird im Talmud sogar als Kodesch Hakodaschim, als das »Allerheiligste«, bezeichnet.

Wenn Sie das Hohelied lesen, sind Sie vielleicht verwirrt – denn in dem gesamten Buch geht es um einen Mann und eine Frau, die sich vor Begierde nacheinander verzehren. Auf den ersten Blick wirkt das Lied völlig unbiblisch. Sie werden sich vielleicht sogar fragen, was es überhaupt im biblischen Kanon zu suchen hat. Lesen Sie einige der Verse – Sie werden empört sein.

Hier einige Beispiele: »Er küsste mich mit dem Kusse seines Mundes; denn deine Liebe ist lieblicher als Wein« (2,1); »Deine beiden Brüste sind wie junge Zwillinge von Gazellen, die unter den Lilien weiden« (4,5); »Dein Wuchs ist hoch wie ein Palmbaum. (...) Ich sprach: Ich will auf den Palmbaum steigen und seine Zweige ergreifen. Lass deine Brüste sein wie Trauben am Weinstock und den Duft deines Atems wie Äpfel; lass deinen Mund sein wie guten Wein« (7, 7–10).

erotik Die erotische Natur des Hoheliedes hat viele Gelehrte dazu veranlasst, es allegorisch auszulegen. Maimonides, der Rambam, den viele als den größten Rabbiner aller Zeiten betrachten, verstand das Hohelied im 12. Jahrhundert als erweiterte Metapher für die Liebe zwischen der individuellen frommen Seele und Gott. Die allegorischen Interpretationen haben ihre Gültigkeit, und ohne Zweifel ist das Hohelied erfüllt von tiefer spiritueller und mystischer Bedeutung.

Doch ebenso wenig kann bestritten werden, dass es sich bei dieser Schrift um eine hocherotische Geschichte in Versform handelt, die eine Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau feiert. Dies abzustreiten, bedeutet, die zentrale Botschaft des Hoheliedes zu verpassen. Eine rabbinische Tradition lehrt, dass kein biblischer Vers jemals seine wörtliche Bedeutung verliert. Wir müssen also herausfinden, warum das Hohelied in der Bibel so heilig ist.

Leidenschaft Und hier ist das Geheimnis dieses Textes – und vieler anderer Dinge im Leben: Gott ist ein Flächenbrand, ein tobendes Inferno, die Erschütterung selbst. Mosche begegnete Gott in einem brennenden Dornbusch. Gott erschien den Israeliten als Feuersäule, als er sie durch die Wüste Sinai führte. In unserer Beziehung zu Gott, und genauso in unserer Beziehung zu allem, was uns umgibt, müssen wir also die Leidenschaft finden.

Und darin liegt das verborgene Geheimnis des Hoheliedes und die Grundlage des Eros: Niemals frönen die Liebhaber ihrer Lust füreinander. Sie leben in einem ewigen Status des Hungers. Sie begegnen sich nie. Ihre Lust wird niemals vollzogen. Sie suchen und vermissen einander ständig, aber sie stehen sich gegenseitig nicht zur Verfügung. Im Hohelied wird das liebende Paar nie als verheiratet bezeichnet. Es scheint eher, als seien Mann und Frau sündige und verbotene, aber ultimativ platonische Geliebte.

Langeweile Einer der Gründe dafür, warum eine Ehe manchmal so langweilig wird, ist der, dass sie so legal ist. Sexualität ist erlaubt und wird erwartet, sie gilt sogar als verpflichtend. Wie also kann die Ehe, die auf einem Vertrag und auf Exklusivität beruht, gleichzeitig von den Freuden der Sünde und des Eros profitieren?

Die Antwort ist, dass das Leben im Allgemeinen und die Ehe im Besonderen sündiger werden müssen. So seltsam es klingt – innerhalb der Ehe muss Platz sein für einen sündigen Unterboden, eine Art verbotenen Vertrag, der den erotischen Funken erzeugt.

Ich habe einmal einen verheirateten Mann beraten, der sagte, er hätte eine Affäre, weil seine Geliebte ihm das Gefühl gab, mehr zu sein als ein Ernährer. Bei seiner Frau hatte er das Gefühl, das Einzige, was für sie zählte, war seine Rolle als Brötchengeber, als verlässlicher Partner und guter Vater. Doch die andere Frau drang bis in sein Herz vor, behauptete er: Sie wollte seine Gefühle erfahren, wollte wissen, was ihn wirklich quälte. Seine eigene Frau, so sagte er weiter, liebte ihn, aber sie wollte ihn nicht wirklich kennen und erfahren.

Natürlich können wir diese Worte als Rationalisierung und Ausrede abtun. Der betreffende Mann wollte seine unmoralische Handlungsweise rechtfertigen. Aber es gibt keine Rechtfertigung für Ehebruch. Er ist eine schreckliche Sünde, die unvorstellbaren Schmerz verursachen kann. Dennoch treffe ich viele Ehemänner, die glauben, dass sie dafür geliebt werden, was sie liefern, und nicht dafür, wer sie sind.

Mysterium Auf Frauen trifft selbstverständlich dasselbe zu. Jede Frau ist, um einen Ausspruch von Winston Churchill zu entlehnen, »ein Rätsel innerhalb eines Geheimnisses, umgeben von einem Mysterium«. Jedes Geheimnis möchte enthüllt werden, genau wie jede dunkle Nacht durch die Strahlen der Morgensonne beendet wird. Eine Frau möchte, dass ein Mann ihr Geheimnis kennt. Sie möchte weniger, dass man ihr die Kleider auszieht, als dass man ihr hilft, ihre inneren Hüllen abzustreifen. Die meisten Männer können nur das erste gut. Beim zweiten sind viele, und vor allem Ehemänner, tendenziell grauenvoll.

Zurück zur Bibel: Hier gibt es zwei Arten von Ehen, die »Freundschaftsehe« und die »Lustehe«. Falls Sie erwarten, dass die Bibel eine kollegiale, freundschaftliche und ruhige Ehe propagiert, werden Sie feststellen, dass es bei den Ehen in der Tora viel stärker um Lust geht als um Liebe oder um Freundschaft.

Patriarchen Die Geschichten aller drei Patriarchen, Awraham, Jizchak und Jakow zeigen, dass der Archetyp der Ehe in der Tora auf glühender Leidenschaft basiert. Die »Lustehe« dagegen, im Gegensatz zur kuscheligen »Freundschaftsehe«, beruht zum Teil auch auf Distanz.

Awraham und Sara verbrachten nicht jede Stunde gemeinsam. Sie achteten darauf, einen gewissen Abstand aufrechtzuerhalten. Im 1. Buch Mose 8,9 wird Awraham von drei mysteriösen Besuchern gefragt: »Wo ist deine Frau Sara?« Er sagte: »Dort, in dem Zelt.«

Raschi erklärt, dass Awraham damit die Tugendhaftigkeit seiner Frau lobte: Sie war bescheiden und achtete darauf, sich den männlichen Gästen nicht zur Schau zu stellen. Doch darüber hinaus hatte sie ihren eigenen Bereich. Sie hatte ihre Domäne, und er hatte seine. Ein Paar, das getrennte Interessen und Aktivitäten verfolgt, kann einander mehr geben, wenn es wieder danach zusammenkommt. Die Trennung macht die Gemeinschaft noch besser.

Bei der »Freundschaftsehe« sagt ein Mann über eine Frau: »Sie ist mein bester Freund«. Ich habe diesen Ausdruck nie verstanden und fand ihn immer ein bisschen beleidigend. Was machen Sie mit Ihrem »besten Freund« – schauen Sie zusammen Fußball? Sind Sie keine Liebenden, sondern wohnen Sie in einer gemeinsamen WG? Wenn Sie über den Begriff »bester Freund« nachdenken, dann geht es dabei um eine sehr familiäre Beziehung, die nicht auf tiefer Begierde beruht. Und ich verspreche Ihnen: Sie werden Ihren besten Freund nicht heiraten.

Ich möchte damit nicht sagen, dass ein verheiratetes Paar sich nicht auch als Freunde betrachten sollte. Freundschaft ist ein essenzieller und fundamentaler Teil einer jeden glücklichen Ehe. Aber wenn Mann und Frau sich primär als Freunde auffassen, dann verpassen sie einen wichtigen Aspekt ihrer Beziehung.

Lebensfreude Ohne Eros zu leben, in Ignoranz zu existieren, ohne das Verlangen nach tiefer Erkenntnis: Das ist ein Leben in Finsternis. Mit »Dvekut« zu leben, mit starker Anhaftung an Gott und an den eigenen Ehepartner – das ist ein Leben voller Leidenschaft, Aufregung und Erschütterung: ein Leben, das sich zu leben lohnt!

Der amerikanische orthodoxe Rabbi Shmuley Boteach gilt als einer der prominentesten Rabbiner weltweit. Er ist Autor zahlreicher Bestseller wie »Kosher Sex« und »Kosher Jesus«. Sein neues Buch »Kosher Lust – Love is not the Answer« erschien im Mai bei Gefen, Jerusalem/New York. Übersetzung und Abdruck von Auszügen aus dem Buch mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Lech Lecha

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