Kult

Katzen, Tote und die Sonne

Ägyptische Mythologie: Katzengöttin Bastet, Tochter des Sonnengottes Re Foto: Thinkstock

An diesem Schabbat beginnen wir die Lesung des zweiten Buches Mose. Es wird in der jüdischen Welt »Sefer Schemot«, das Buch der Namen, genannt und fängt damit an, dass die Namen von Jakows Nachfahren aufgezählt werden, die wegen der drohenden Hungersnot nach Ägypten zogen. In der nichtjüdischen Welt wird das Buch »Exodus« (deutsch: Auszug) genannt, da es davon erzählt, wie die Kinder Israels aus dem Sklavenhaus Ägypten auszogen.

Wer den Wochenabschnitt Schemot liest, fragt sich, wie wohl der Pharao hieß, der die Unterdrückung und Versklavung der Israeliten einleitete. Die Schrift erwähnt den Namen jenes Herrschers nicht. Er wird nur als »der Pharao« bezeichnet. Das liegt daran, dass es der Tora in erster Linie darum geht, die gnadenvolle Fürsorge G’ttes gegenüber Seinem Volk herauszuheben. Unnötige Details werden bewusst ausgeblendet.

Auch ägyptische Quellen, die über den Auszug der Israeliten berichten, sind nicht sehr aufschlussreich. Altertumswissenschaftler sind sich bis heute uneins über den Namen des Pharaos jener Zeit. Amenophis IV., Tutmosis III. und Ramses II. sind die am häufigsten angeführten Namen für den Pharao des Exodus.

Für die Tora schien es wichtig zu sein, die grundsätzlichen Unterschiede zwischen der ägyptischen und der israelitischen Weltanschauung hervorzuheben. Denn vor allem die Gottesauffassung und das Menschenbild der Ägypter sind völlig anders als die der Israeliten.

Pyramiden
Für die Welt des Altertums war das alte Ägypten das Land der Wunder. Sieben Bauwerke galten in der Antike als Weltwunder. Zu ihnen gehörten die Pyramiden in Ägypten, die von einer Riesenschar von Sklaven – unter ihnen auch jüdische – erbaut wurden. Nicht weniger bewundernswert waren die Leistungen, die die alten Ägypter in Kunst und Wissenschaft vollbrachten.

Doch bei der Beurteilung der Kultur eines Landes muss man auch andere Gesichtspunkte berücksichtigen wie die Gottesvorstellungen. So pflegten die alten Ägypter einen Totenkult und beteten Götzen aus Holz und Stein an, vor allem Tiere. Wo ein solcher Kult herrscht, kann der Wert des Menschen nicht hoch sein. Der Mensch, vor allem der Sklave, war bei den Ägyptern bedeutungslos. Man verbeugte sich vor den Götzen und opferte das Leben von Hunderten und Tausenden von Sklaven.

Die Geschichte der Israeliten ist deshalb nichts anderes als ein lauter Protest gegen jegliche Art von Götzendienst und gegen die unzähligen Formen der Unmenschlichkeit.

Paläste Ein historisches Beispiel verdeutlicht die unüberbrückbaren Gegensätze zwischen Israel und Ägypten weiter: König Jehojakim, ein Zeitgenosse des späteren Pharaos Necho II., wollte sich, wie alle ägyptischen Herrscher, von Sklaven Paläste bauen lassen. In Israel galt dies jedoch als ein Verstoß gegen die Menschenwürde.

So protestierte der Prophet Jirmejahu vor dem königlichen Palast und rief: »Wehe dem, der seinen Palast mit Ungerechtigkeit baut, seine Gemächer mit Unrecht; der seinen Nächsten ohne Entgelt arbeiten lässt und ihm seinen Lohn nicht gibt. (...) Bist du König geworden, um mit Zedern zu prunken? (...) Deine Augen und dein Herz sind nur auf deinen Vorteil gerichtet, auf das Blut der Schuldlosen, das du vergießt, auf Bedrückung und Erpressung, die du verübst« (Jirmejahu 22, 13–17).

Deshalb sprach der Herr über Jehojakim: »Man wird ihm nicht die Totenklage halten. (…) Ein Eselsbegräbnis wird er bekommen (…) draußen vor den Toren Jerusalems« (22, 18–19).

Supermacht In der Haftara, der Prophetenlesung, wird am Schabbat Schemot aus dem 27. bis 29. Kapitel des Buches Jeschaja vorgetragen. Der Prophet Jeschaja ben Amos stammte aus Jerusalem und lebte im 8. Jahrhundert v.d.Z. Er war politisch sehr engagiert. Zu seiner Zeit stand Assyrien, die damalige Supermacht, im Zenit seiner Macht. Neben vielen anderen, kleineren Staaten eroberten die Assyrer auch den nördlich von Judäa gelegenen jüdischen Staat der zehn Stämme, genannt Israel. Judäa konnte diesem Schicksal nur durch Glück entrinnen.

Diese politische Lage voller Bedrohungen bildet den Hintergrund der Reden Jeschajas. Der Prophet sprach häufig über die g’ttliche Fügung, die dazu verhelfen kann, die Krisen der eigenen Geschichte zu überwinden. Seine konsequente friedliebende Haltung ließ ihn zu einem Gegner der damaligen »Falken«, der protzigen und falschen Patrioten werden.

Der Zusammenhang zwischen dieser Haftara und dem Wochenabschnitt Schemot ist deutlich: Die Tora berichtet über die Leiden der Versklavung der Kinder Israels in Ägypten. Wir wissen, dass die Peiniger, die Fronvögte Ägyptens, später bestraft wurden. Auf diese entscheidende Erfahrung in der Geschichte des Volkes Israels weist der Prophet in seiner Rede hin. Die Zweifler werden belehrt, dass die Gerechtigkeit letztendlich den Sieg davontragen wird.

In seiner Rede entwirft Jeschaja eindrückliche Bilder vom drohenden Untergang und sagt die Erneuerung und Erfüllung alter Hoffnungen voraus. Der 13. Vers des 27. Kapitels bietet dafür das beste Beispiel: »An jenem Tag wird man das große Schofar, die Posaune, blasen. Dann kehren die Vertriebenen (Israeliten) aus Aschur heim, und die in Ägypten Verstreuten kommen zurück. Sie werden den Herrn in Jerusalem auf dem heiligen Berg anbeten.«

Eine Voraussetzung der messianischen Erlösungshoffnung sieht das jüdische Volk auch aufgrund dieses Verses in der Heimholung der Versprengten aus der Diaspora. Der Vers wird häufig in der Liturgie der Hohen Feiertage, zum Beispiel an Rosch Haschana, zitiert. So drückt auch das Schofarblasen an den Neujahrstagen die messianische Hoffnung aus, das günstige Urteil G’ttes über seine Geschöpfe könnte die Erlösung näherbringen.

Der Autor war von 1981 bis 2002 Landesrabbiner von Württemberg.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Schemot erzählt von einem neuen Pharao, der die Kinder Israels versklavt. Er ordnet an, alle männlichen Erstgeborenen der Hebräer zu töten. Eine Frau aus dem Stamm Levi will ihren Sohn retten und setzt ihn in einem Körbchen auf dem Nil aus. Pharaos Tochter findet das Kind, adoptiert es und gibt ihm den Namen Mosche. Der Junge wächst im Haus
des Pharao auf. Erwachsen geworden, erschlägt Mosche im Eifer einen Ägypter und muss fliehen. Er kommt nach Midian und heiratet dort die Tochter des Priesters Jithro. Der Ewige spricht zu Mosche aus einem brennenden Dornbusch und beauftragt ihn, zum Pharao zu gehen und die Kinder Israels aus Ägypten hinauszuführen.
2. Buch Mose 1,1 – 6,1

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