Mizwa

»In Seinen Wegen wandeln«

Geradlinig: Dem Menschen ist geboten, rechtschaffen und ehrlich zu sein. Foto: dpa

Mizwa

»In Seinen Wegen wandeln«

Die Tora lehrt, dass die Israeliten wie G’tt barmherzig, mildtätig und langmütig sein sollen

von Yizhak Ahren  03.11.2014 18:34 Uhr

An Awraham erging der Ruf G’ttes: »Geh aus deinem Land und deinem Geburtsort und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das ich dir zeigen werde. Und ich werde dich machen zu einem großen Volk und dich segnen und groß machen deinen Ruf; und du sollst ein Segen sein. Und ich werde segnen, die dich segnen, und wer dir flucht, den werde ich verwünschen, und es werden sich segnen mit dir alle Geschlechter des Erdbodens« (1. Buch Mose 12, 1–3).

Da wir davon ausgehen können, die Erwählung Awrahams sei nicht von Willkür diktiert, stellt sich die Frage: Warum wurde gerade Awraham berufen? Die Schrift begründet an dieser Stelle nicht einmal andeutungsweise, warum Awraham zu einem großen Volk werden sollte.

Gestützt auf Aussagen im Midrasch beschreibt Maimonides, der Rambam (1135–1204), in seinem Kodex (Hilchot Awodat Kochawim, Kapitel 1,3) Awrahams außergewöhnliche Leistungen, die seine Erwählung verständlich machen: Aufgewachsen in einer heidnischen Familie, hat Awraham aus eigener Kraft G’tt erkannt und ist dann als Bilderstürmer gegen den herrschenden Götzendienst aufgetreten. Man kann behaupten, dass der Ewige den ersten monotheistischen Missionar erwählte. Der folgenreichen Wahl war ein entschiedener Einsatz für den Monotheismus vorangegangen.

Erwählung In der Tora finden wir erst im Wochenabschnitt Wajera eine Begründung für die Erwählung Awrahams. Zu Beginn des Abschnitts über Awrahams Fürbitte für Sdom heißt es: »Und der Ewige sprach: Sollte ich verbergen vor Awraham, was ich tun will? Und Awraham wird ja werden zu einem Volk, groß und mächtig, und mit ihm werden sich alle Völker der Erde segnen. Denn ich habe ihn ersehen, dass er es hinterlasse seinen Söhnen und seinem Hause nach ihm, dass sie wahren den Weg des Ewigen, zu tun Gebühr und Recht – damit der Ewige kommen lasse auf Awraham, was er über ihn ausgesprochen hat« (1. Buch Mose 18, 17–19). Awraham wurde demnach erwählt, weil der Ewige wusste, dass er seine Nachkommen verpflichten werde, den Weg G’ttes zu hüten. Awrahams pädagogische Arbeit war also der von uns gesuchte Grund der Erwählung.

Die Leitwerte der offensichtlich sehr wichtigen Erziehungsarbeit lauten im Original: »Zedaka« und »Mischpat«. Was bedeuten diese hebräischen Begriffe? In der oben angeführten Bibelübersetzung von Leopold Zunz (1794–1886) lesen wir: »Gebühr und Recht«; Naftali Herz Tur-Sinai (1886–1973) übersetzte: »Gerechtigkeit und Recht«; Rabbiner Samson Raphael Hirschs (1808–1888) auf den ersten Blick verblüffende Übertragung lautet: »Pflichtmilde und Recht«.

Im Kommentar zur Stelle erläutert Hirsch seine Übersetzung: »Mischpat bezeichnet eine solche Leistung, die ein Mensch von dem anderen aus sich zu fordern ein Recht hat; Zedaka bezeichnet eine solche Leistung, auf die ein Mensch an den anderen aus sich kein Recht besitzt, auf die ihm aber G’tt an den andern den Anspruch erteilt, die er aus sich nicht zu fordern, wohl aber im Namen G’ttes von dem andern zu erwarten berechtigt ist. Mischpat ist das einfache Recht, Zedaka die Wohltat, aber als Pflicht begriffen.« Das von G’tt diktierte »Testament« Awrahams an seine Kinder stellt zwei Grundwerte heraus, die diese stets beachten sollen.

Amida Übrigens werden Juden nicht nur einmal im Jahr bei der Vorlesung des Wochenabschnitts Wajera an Zedaka und Mischpat erinnert. An jedem Wochentag sprechen Beter im zentralen Achtzehngebet, das dreimal täglich gesagt wird: »Gesegnet seist Du, G’tt, Milde und Recht liebender König.« Der König der Welt liebt Zedaka und Mischpat – diese Tatsache sollte unser Tun und Lassen bestimmen!

Im Talmud (Jewamot 79a) wird gelehrt, dass drei Eigenschaften die Israeliten kennzeichnen: Sie sind barmherzig, schamhaft und mildtätig. Als Beleg für die Mildtätigkeit der Juden wird der im Mittelpunkt unserer Betrachtung stehende Vers angeführt: »Damit er (Awraham) seine Kinder und sein Haus nach ihm verpflichte, dass sie den Weg des Ewigen hüten, Pflichtmilde und Recht zu üben.« Der Talmud zieht den Schluss, dass man Menschen ohne die genannten drei Eigenschaften nicht in das jüdische Volk aufnehmen sollte.

Im Weg des Ewigen zu wandeln, ist nach rabbinischer Auffassung mehr als bloß eine abstrakte Leitlinie für die Praxis. Der Wunsch, G’tt nachzustreben, den christliche Theologen Imitatio Dei nennen, wird von Maimonides in Sefer Hamizwot als ein positives Gebot gesehen. Wie jedes Tora-Gebot hat auch diese Mizwa zahlreiche Ausführungsbestimmungen. Rabbiner Samson Raphael Hirsch erklärt in seinem Buch Chorew (Paragraf 482), wie die 13 Attribute G’ttes, die im Wochenabschnitt Ki Tissa (2. Buch Mose 34, 6–7) aufgelistet sind, im Handeln des Menschen Punkt für Punkt umgesetzt werden können.

Hier sei aus Platzgründen lediglich ein Beispiel aus seinen Erläuterungen angeführt: »Wie Er langmütig ist – also zeige auch du Langmut! Sieh, wenn G’tt jede Sünde gleich bestrafte, wo wäre der Mensch, der heute noch lebte?! Aber G’tt ist langmütig, hat keine Freude an der Strafe des Bösen, sondern will, dass er sich bessere – und lebe! Er hat Geduld mit den Schwächen und Sünden seiner Menschen und gibt ihnen Zeit zum Wiedergutmachen, zur Besserung – und du schwaches Erdengeschöpf, selber voll Schwäche und Sünde, wolltest nicht Geduld haben mit den Schwächen deines Bruders? Wolltest auffahren bei jeder Beleidigung und wild dreinfahren – und nicht von deinem G’tt Langmut lernen?« Gerade weil es mehrere Züge von Imitatio Dei gibt, die nicht so oft besprochen werden, lohnt es sich, die Vorschriften dieser Mizwa sorgfältig zu studieren.

Selbsterziehung Wie Maimonides in seinem Kodex (Hilchot Deot, Kapitel 1) ausführt, verpflichtet uns das Gebot »Du sollst in Seinen Wegen wandeln« (5. Buch Mose 28,9) nicht nur dazu, barmherzig, gnadenvoll und langmütig zu anderen Menschen zu sein. Diese Mizwa verlangt von uns auch eine bestimmte Form der Selbsterziehung. Wir sollen uns Charaktereigenschaften der Mitte angewöhnen: »Der ›gerade‹ Weg ist das Mittelmaß bei jeder der Eigenschaften, die der Mensch hat. Es ist die Eigenschaft, die von beiden Extremen genau gleichen Abstand hat, sich weder dem einen noch dem anderen annähert.

Die alten Weisen haben uns daher anbefohlen, immer die Eigenschaften zu prüfen, sie genau auf das Mittelmaß einzustellen, sodass wir gesund bleiben.« Nach Maimonides hat unser Stammvater Awraham seinen Nachkommen die Lehre der Mittelmaßeigenschaften beigebracht – die Tora bezeichnet sie als den »Weg des Ewigen«.

Erwähnenswert ist eine praxisrelevante Bemerkung des Autors von Schne Luchot HaBrit, Rabbiner Jesaja HaLevi Horowitz (1565–1630). Er meint, es sei lobenswert, dem Beispiel Awrahams zu folgen und der Familie ein ethisches Testament zu hinterlassen. Rabbiner Joseph Herman Hertz (1872–1946) führt aus: »Die letzte Weisung eines jüdischen Vaters an seine Kinder ist, dass sie wandeln ›den Weg des Ewigen‹ und ein Leben der Rechtschaffenheit und Tugend führen. Oft sind solche Weisungen schriftlich niedergelegt worden.«

Der Autor ist Psychologe und hat an der Universität Köln gelehrt. Zuletzt erschien von ihm das Buch »Verknüpfungspunkte« (2010).

Inhalt
Der Wochenabschnitt Wajera erzählt davon, wie Awraham von drei göttlichen Boten Besuch bekommt. Sie teilen ihm mit, dass Sara einen Sohn zur Welt bringen wird. Awraham versucht, den Ewigen von seinem Plan abzubringen, die Städte Sodom und Amorra zu zerstören. Lot und seine beiden Töchter entgehen der Zerstörung, seine Frau jedoch erstarrt zu einer Salzsäule. Awimelech, der König von Gerar, nimmt Sara zur Frau, nachdem Awraham behauptet hat, sie sei seine Schwester. Dem alten Ehepaar Awraham und Sara wird ein Sohn geboren: Jizchak. Hagar und ihr Sohn Jischmael werden fortgeschickt. Am Ende der Parascha prüft der Ewige Awraham: Er befiehlt ihm, Jizchak zu opfern.
1. Buch Mose 18,1 – 22,24

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