Ki Teze

In Seinem Ebenbild

Foto: Getty Images

Etliche Vorschriften im Wochenabschnitt Ki Teze betreffen Frauen, und auf den ersten Blick mögen diese Gebote durchaus positiv erscheinen. Schützen sie denn nicht Frauen vor männlicher Willkür in einer patriarchalen Gesellschaft? Aber bei näherer Betrachtung gerät man ins Nachdenken.

Der Soldat, der sich eine schöne Kriegsgefangene als Beute nimmt, muss einen Monat lang warten, bevor er sie »zur Frau« nimmt, und wenn sie ihm nicht mehr gefällt, muss er sie gehen lassen. Was bedeutet das? Die Frau soll sich die Haare scheren, das Gefangenenkleid, also ihre eigenen Kleider, ablegen, ihre Eltern beweinen, und dann, so sagen die Auslegenden, wenn sie durch all das gar nicht mehr so anziehend erscheint wie im Moment ihrer Gefangennahme, erst dann darf er sie heiraten.

Dem Verlangen nachgeben

Die Frage ist allerdings, ob er wirklich so lange wartet, bis er seinem Verlangen nachgibt. Und falls sie ihm am Ende nicht mehr gefällt, darf er sie nicht wie eine Sklavin behandeln oder gar verkaufen. Sie dürfte nach eigenem Willen gehen – doch erst, wenn er sie nicht mehr haben will. Damit bleibt sie dem Mann ausgeliefert, der sie als »Kriegsbeute« gefangen genommen hat.

Fast könnte man meinen, es wäre ihr Glück, wenn er irgendwann keinen Gefallen mehr an ihr findet und sie gehen lässt. Aber was dann? Kann sie etwa einfach wieder zurück dorthin, wo sie vorher gelebt hat? Kann sie nun ein unbeschwertes, selbstbestimmtes Leben führen?

Einmal davon abgesehen, dass dies in jenen Zeiten für eine Frau im Lebensplan nicht vorgesehen war, konnte sie auch damals nicht einfach neu anfangen. Eine alleinstehende Frau stand am untersten Ende der sozialen Rangordnung, noch dazu nach einem solchen Schicksal.

Doch Frauen und Mädchen sind nicht einfach Gegenstände ohne Rechte und ohne Gefühle, auch in biblischen Zeiten nicht, selbst wenn sie nicht selten so behandelt wurden. Sie sind Menschen und als solche dem Mann ebenbürtig. Heißt es etwa nicht im 1. Buch Mose (1,27), dass der Ewige den Menschen »be-zalmo«, in Seinem Bilde, schuf, und zwar als männlich und weiblich?

Gewalt in der Stadt: Die Ehebrecherin sollte zusammen mit dem Täter hingerichtet werden

Während manche Gebote in unserer Parascha tatsächlich zur Gewährleistung der Rechte von Frauen betrachtet werden können, wirken andere befremdlich. So galt ein verlobtes Mädchen, dem Gewalt innerhalb der Stadt angetan wird, als Ehebrecherin und sollte zusammen mit dem Täter hingerichtet werden, der Mann für seine Tat und das Mädchen, weil es nicht geschrien hat, was als ihr Einverständnis gedeutet wird.

War das Opfer ein nicht verlobtes Mädchen, dann sah das Gesetz vor, dass der Mann ihrem Vater den Brautpreis bezahlen und das Mädchen heiraten musste, und er durfte sich auch niemals von ihr scheiden lassen. Ob Vergewaltiger oder Verführer, der Mann konnte sich wohl kaum beschweren, dass seine Frau nun eben keine Jungfrau mehr war. Was das Mädchen dazu sagte, war nicht von Bedeutung. Wer fragte schon nach ihren Gefühlen?

Allerdings gab es wohl auch damals schon den Fall, dass ein Vater seine Tochter nicht auf eine solche Weise mit dem betreffenden Mann verheiraten wollte. Dann musste der Mann zwar den vollen Brautpreis an den Vater entrichten, aber ohne das Mädchen hernach zur Frau nehmen zu können (2. Buch Mose 22, 15–16). Gleichwohl galt das Mädchen nun auch nicht mehr als ideale Partie, weil ihr Ansehen beschädigt war. Sicherlich, all das sollte gewährleisten, dass das Mädchen oder die Frau nicht unversorgt blieb, und diese soziale Versorgung garantierte letztlich nur ein Leben als Ehefrau. Insofern sollte ihr das Recht auf eine gültige Heirat erhalten bleiben, selbst wenn es eine Eheschließung zweiter Klasse war.

Mehr Verständnis für die Situation eines (verlobten) Mädchens, das »auf dem Feld« überfallen wurde

Mehr Verständnis für die Situation eines (verlobten) Mädchens, dem Gewalt angetan wurde, finden wir in Ki Teze allerdings für den Fall, dass das Mädchen außerhalb der Ortschaft, »auf dem Feld«, überfallen wurde. Das Mädchen sei schuldlos, denn keiner sei in der Nähe gewesen, um es zu retten. Den Mann aber erwartete die Todesstrafe. Seine Tat wird einem vorsätzlichen Totschlag gleichgesetzt, was es für die Frau letztlich auch war, in emotionaler ebenso wie in gesellschaftlicher Hinsicht.

Welches Licht werfen diese Gebote auf die rechtliche Stellung von Frauen? Der britische Oberrabbiner Joseph H. Hertz (1872–1946) schreibt in seinem Kommentar dazu, dass ihre Bedeutung im biblischen Judentum häufig missverstanden werde, und er postuliert kühn, dass doch bereits die Frauen der Patriarchen ihren Männern nahezu gleichberechtigt gewesen seien, und in den nachfolgenden Generationen sei sogar eine vollständige Gleichberechtigung erreicht worden. Als Beleg für diese Aussage zitiert er unter anderem den Propheten Micha (6,4), der Mirjam gemeinsam mit Mosche und Aharon als die drei Führenden der Bnej Jisrael in der Exodusgeschichte nennt.

Und doch heißt es in Ki Teze (5. Buch Mose 24,9): »Gedenke, was der Ewige Mirjam tat auf dem Weg, da ihr ausgezogen seid aus Mizrajim.« Waren es nicht zwei, Mirjam und Aharon, die damals gegen Mosche gelästert haben sollen? Der Aussatz betraf aber nur Mirjam, die Frau. Und ausgerechnet damit soll man sich an Mirjam erinnern? Dies mag ein Beispiel sein für den Blick, den so mancher traditionelle Ausleger auf Frauen hatte.

Einen Schlüssel zum Verständnis kann uns das Gebot vom Vogelnest geben

Aber ist das wirklich vom Ewigen so gewollt? Einen Schlüssel zum Verständnis kann uns das Gebot vom Vogelnest geben, das besagt, man müsse die Vogelmutter fliegen lassen, dann dürfe man sich die Eier und die Küken nehmen. Zwar wird diese Mizwa oft interpretiert als Symbol für Barmherzigkeit, wie sie vom Ewigen geboten wird. Aber das ist sie eben nicht, denn wenn man die Barmherzigkeit des Ewigen auch nur ansatzweise richtig verstehen würde, dürfte man weder die Vogelmutter noch ihre Jungen für sich nehmen. Ebenso dürfte sich der Soldat erst gar keine Frau als Kriegsbeute nehmen, ein Mann keiner Frau Gewalt antun.

Damit sind auch andere Vorschriften, die Frauen betreffen, zu hinterfragen nach dem, was der Ewige tatsächlich geboten hat, und vor dem Hintergrund dessen, dass Mann und Frau gleichermaßen in Seinem Ebenbild erschaffen sind.

Die Autorin ist Rabbinerin der Liberalen Jüdischen Gemeinde Mischkan ha-Tfila Bamberg und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).

inhalt
In diesem Wochenabschnitt Ki Teze werden Verordnungen wiederholt, die Familie, Tiere und Besitz betreffen. Dann folgen Verordnungen zum Zusammenleben in einer Gesellschaft, wie etwa Gesetze zu verbotenen sexuellen Beziehungen, dem Verhalten gegenüber Nicht-Israeliten, Schwüren und der Ehescheidung. Es schließen sich Details zu Darlehen, dem korrekten Umgang mit Maßen und Gewichten sowie Sozialgesetze an.
5. Buch Mose 21,10 – 25,19

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