Laubhütte

Im Schatten Seiner Flügel

Das bedeutendste Schriftwerk der jüdischen Mystik, der Sohar, nennt die Sukka einen »Schatten des Vertrauens«. So heißt es: »Siehe, wenn die Menschenkinder sich in den Schatten des Vertrauens (die Sukka) hineinsetzen, so weitet die Schechina (die g’ttliche Präsenz) ihre Flügel über sie aus …« (3,103b). Was aber heißt es eigentlich, auf G’tt zu vertrauen, und wie ist in diesem Zusammenhang die Formulierung »Schatten des Vertrauens« zu verstehen? Und was hat das alles mit Sukkot zu tun?

Das hebräische Wort für Glaube und Vertrauen ist »Emuna«. Es ist etymologisch eng verwandt mit Begriffen wie »Amin« (vertrauenswürdig), »Imun« (Training), »Amen«, die Formel, mit der Juden, Christen und Muslime ihre Gebete abschließen, und »Aman« (Künstler). Diese Begriffe haben alle etwas gemeinsam, und zwar die Tatsache, dass sie die Früchte der Zukunft enthüllen, die in der Gegenwart noch verborgen sind.

Das hebräische Wort für Glaube und Vertrauen ist »Emuna«

Beispielsweise sieht ein Sportler vor seinem inneren Auge, was sein durchtrainierter Körper bald leisten könnte – so wie ein Künstler bereits das künftige Bild vor sich hat, während er noch auf das leere Blatt schaut. Wir glauben, unser Gebet zeigt seine Wirkung, auch wenn unsere Wünsche nicht wie von Zauberhand sofort umgesetzt werden. Und eine vertrauenswürdige Person erhält einen Vertrauensvorschuss, auch wenn sie noch nichts bewiesen hat. »Emuna« – der Glaube an den Schöpfer – ist keine intellektuelle Überzeugung, sondern ein Weg, dem man in Richtung einer noch nicht erkennbaren Zukunft folgt. Der Psalmist formuliert das folgendermaßen: »Den Weg der Emuna habe ich gewählt« (119,30).

Nirgendwo wird das Wort Amen so oft erwähnt wie im Kaddisch. Dabei scheint das Gebet, das wir nach dem Tod eines nahen Verwandten sprechen, zunächst recht widersprüchlich: Der Text ist eine einzige Lobpreisung G’ttes, indem seine Großartigkeit und die baldige Ankunft des Messias angesprochen werden, ohne dass dabei ein Wort über Tod und Trauer verloren wird.

Der Grund dafür lautet: Gerade, wenn der Tod uns umgibt und Zweifel an G’ttes Wegen sich breitmachen könnten, rufen wir uns die Größe G’ttes sowie seines Plans, und damit auch unsere Emuna daran, in Erinnerung. Der optimale Moment – um bei dem Bild des inneren Auges zu bleiben – ist eben genau dann, wenn das äußere Auge mit dem genauen Gegenteil konfrontiert wird.

Die Sukka drückt das Konzept von Emuna perfekt aus. Es wird langsam kälter, die Nächte werden länger und die Tage kürzer. Aber genau jetzt fordert uns die Tora dazu auf, unser trautes Heim zu verlassen und in ein fragiles, provisorisches Haus zu ziehen. Denn nicht dicke Betonwände bieten uns Schutz, sondern nur unser Schöpfer selbs

Die Sukka steht auch für die Barmherzigkeit des Schöpfers

Das ist die Idee dahinter, warum man sich in die Sukka setzen soll. Im Schatten des Vertrauens, also im Unsichtbaren statt im Sichtbaren, sollen wir unseren Halt finden. Die Sukka ist daher auch ein Sinnbild für das vergängliche Leben im Diesseits, das instabil und voller Brüche ist – genau dort befindet sich der Ort, um Vertrauen zu lernen. Im Schatten der Sukka zu sitzen, bedeutet, im Schatten des Vertrauens zu sitzen, da die Sukka eine materielle Manifestation des Vertrauens ist.

Die Sukka steht auch für die Barmherzigkeit des Schöpfers. Sie gibt uns die Möglichkeit, unser Schicksal zum Besseren zu verändern. Laut unseren Weisen wird an Rosch Haschana das g’ttliche Gericht über den Menschen gehalten. Danach haben wir zehn Tage Zeit, Einfluss auf das Urteil zu nehmen und es zu verändern, bevor es dann an Jom Kippur besiegelt wird.

Doch die Weisen lehren uns auch, dass das Urteil, das an Jom Kippur besiegelt wird, erst am letzten Tag von Sukkot »abgesendet« wird. Ab Simchat Tora wird das g’ttliche Urteil ausgeführt. Konkret bedeutet das: In all den Tagen des Sukkotfestes können wir unsere Zukunft noch zum Besseren verändern, indem wir das Gebot der Sukka im Äußeren und das Gebot des Vertrauens im Inneren erfüllen.

Besonders in diesem Jahr, in dem das jüdische Volk sich in einer schwierigen Situation befindet und die Wunden des 7. Oktober noch immer nicht verheilt sind, ist Sukkot eine Möglichkeit, um sich darauf zurückzubesinnen, dass alles in der Hand unseres Schöpfers liegt – und wir dies durch unsere Taten beeinflussen können.

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