Redezeit

»Ich lebe, wie ich leben will«

»Judentum ist für mich Wahrheit«: Indira Weis Foto: imago

Frau Weis, Sie sind vor einigen Jahren zum Judentum übergetreten. Warum?
Die Vorfahren meines Vaters waren ungarische Juden, die zum Christentum konvertierten, um nicht länger gesellschaftlich ausgegrenzt zu werden. Ausschlaggebend war dann letztlich meine mir bis dahin unbekannte Tante, die mir ausführlich von unserer jüdischen Familiengeschichte berichtete. Ab dem Zeitpunkt wollte ich mehr über das Judentum erfahren und bin mit meinem Vater nach Israel gereist.

Was haben Sie dort erlebt?
An der Kotel angekommen, weinte ich fast eine Stunde im Gebet und konnte mir nicht erklären, woher die Tränen kamen. Wieder zurück in Deutschland, fasste ich den Entschluss, auf Karriere und roten Teppich zu verzichten und nach Jerusalem zu gehen, um die Tora zu studieren. Dort wollte ich nicht übertreten, sondern einfach nur lernen. Aber als ich dann Hebräisch und alle Gebete und die Paraschot übersetzen konnte, fing ich an zu glauben. Es war das Überzeugendste und Wahrhaftigste, was ich je in meinem Leben gelesen hatte. Auf einmal wollte ich übertreten, und aus anfänglich geplanten zwei Monaten Israel wurden mehr als zwei Jahre.

Sie haben dann in einer Jerusalemer Frauenjeschiwa gelebt. Ein größerer Kontrast zu Ihrem bisherigen Leben im Scheinwerferlicht wäre kaum denkbar.
Ja, aber es war mir eine innere Notwendigkeit, diesen Schritt zu gehen. Es tat ungemein gut, mich von dieser oberflächlichen Welt zu trennen. Von morgens bis abends habe ich nichts anderes getan, als Hebräisch und die Tora zu lernen. Dabei stellte ich fest: Das Judentum ist für mich die Wahrheit, ich bin Jüdin.

Was genau haben Sie im Judentum gefunden?

Ich habe eine Erklärung für vieles gefunden, wofür ich bisher keine Antwort kannte: einen G‐tt, den ich mir nun aber nicht erklären will, da Haschem keine menschlichen Eigenschaften hat und wir nicht einmal seinen Namen kennen. Eine Antwort darauf, wieso es all diese Mizwot gibt und was es bedeutet, sie zu halten; warum es Juden und Gojim gibt, und was auch das wiederum bedeutet. Was das Ziel von »Am Israel« ist und warum wir Moschiach wollen.

In den vergangenen Jahren galt es unter Stars wie Madonna und Britney Spears als chic, sich zur Kabbala zu bekennen. Kommt es vor, dass man Ihre Konversion in diese Reihe zu stellen versucht?
Nun, das, was Madonna und Britney Spears für sich entdeckt haben, ist ja nichts anderes als eine Lifestyle‐Kabbala, das kann man nicht ernst nehmen. Damit habe ich nichts zu tun, ich habe die Tora studiert und bei orthodoxen Rabbinern den Giur gemacht. Aber ich verstehe schon den Konflikt, den manche Leute in Bezug auf meine Person haben. Sie fragen sich, wie ich es ernst mit dem Judentum meinen kann, wenn ich gleichzeitig ins RTL-»Dschungelcamp« gehe oder Fotos von mir im »Playboy« erscheinen, weil das alles andere als »tzniut« ist. Ich kenne die Halacha sehr wohl en detail, aber ich kenne auch die Menschen und kam zu einer für mich wichtigen Erkenntnis.

Die da lautet?
Lieber lebe ich, wie ich leben will, als ein falsches Spiel zu spielen. Ich schade niemandem, wenn ich ins Dschungelcamp gehe, allerhöchstens mir selbst, und damit kann ich leben. Ich bin keine Heuchlerin, die vorgibt, superreligiös zu sein, nein, jeder kann sehen, was ich tue oder auch nicht, und diese Transparenz ist viel ehrlicher. Das ist mir lieber als die Menschen, und dazu gehören leider auch Rabbiner, die vordergründig Mizwot predigen, aber deren Handeln nicht immer dem entspricht, was Tora und Halacha vorsehen. Und im Gegensatz zu den Menschen, die mich kritisieren, zeige ich nicht mit dem Finger auf andere. Laschon Hara ist das Allerschlimmste, dagegen ist das Dschungelcamp fast schon eine gute Tat (lacht).

Das Judentum macht es Konvertiten bekanntlich nicht gerade leicht überzutreten.
Es war nicht nur nicht leicht, sondern superhart! Schließlich habe ich meine Prüfung vor dem Beit Din in Jerusalem abgelegt. Wie es üblich ist, wurde auch ich vom Rabbiner dreimal abgelehnt. Warum willst du dir das antun, überleg‘ es dir noch einmal – nach diesem Motto verliefen meine ersten Gespräche mit ihm. Er wusste aber, dass es mir ernst war.

Wird Ihnen manchmal das Recht, als Jüdin zu reden, abgesprochen, weil Sie konvertiert sind?
Bisher ist mir das erst einmal passiert. Das war ein orthodoxer Rabbiner in Israel, der nicht wusste, dass ich übergetreten bin. Er wollte mich mit seinem Sohn verkuppeln, und als er erfuhr, dass ich Konvertitin bin, war er, nun ja, not amused. Dabei sagt die Halacha, dass Konvertiten besonderen Respekt genießen sollen, da sie ihre ursprünglichen Wurzeln aus Liebe zum Judentum zurückgelassen haben. In Deutschland hingegen hat mich die jüdische Gemeinschaft in München und Frankfurt außerordentlich herzlich aufgenommen. Die Familie Habermann und die Rajbers aus München haben mich schon zum Schabbes eingeladen und ich bin froh, dass es solche Menschen gibt, die sich derart vorbildlich bemühen, jemanden wie mich einzugemeinden.

Wie hat eigentlich Ihre Familie auf die Konversion reagiert?
Für die war es anfänglich schon gewöhnungsbedürftig. Als ich in Israel in der Jeschiwa lebte, hatte ich auch fast keinen Kontakt nach Deutschland. Niemand wusste so richtig, was ich dort mache. Zuerst haben sie gar nicht glauben können, dass ich derart asketisch lebe. Alle dachten, die macht uns was vor, während sie in Tel Aviv am Strand liegt. Beim ersten Besuch in Jerusalem musste Mama dann weinen, als sie meine Matratze auf dem Boden sah, die ich mir mit zwei anderen Mädchen teilte – es war Winter, und wir hatten keine Heizung. Mittlerweile finden meine Eltern das super. Meine Mutter war sogar in Jerusalem bei meinem Giur anwesend.

Frau Weis, zum Abschluss eine indiskrete Frage. Ist es Ihnen wichtig, dass der Vater Ihrer zukünftigen Kinder jüdisch ist? Dürfen sich unsere männlichen Leser noch Hoffnung machen?
Früher war mir das, ehrlich gesagt, eminent wichtig. Zurzeit aber bin ich vergeben und glücklich mit Jay Kahn, der nicht jüdisch ist. Die Frage nach einem jüdischen Mann stellt sich doch sowieso eher schwierig dar. Welcher der jungen jüdischen Männer heutzutage kennt sich denn noch aus und könnte meinem Sohn alle Gebete beibringen oder die Paraschot erklären? Diese Aufgabe müsste ich dann sowieso selbst übernehmen, von daher: Jungs, geht wieder wenigstens a bisserl die Tora lernen! Wenn ich das kann, könnt ihr das auch! (lacht)


Indira Weis, 1977 in Groß‐Gerau als Verena Weis geboren, ist seit der zweiten Staffel der RTL2‐Casting‐Show »Popstars« einem größeren Publikum bekannt. Sie schaffte es 2001 bis ins Finale und wurde Mitglied von »Bro’Sis«. Die erste Single »I Believe« verkaufte sich schon in der Veröffentlichungswoche über 800.000 Mal, das Album »Never Forget« schaffte es auf Platz 1 der Charts.

Im Mai 2003 verließ Indira »Bro’Sis«, um sich neu zu orientieren. Nach ihrem Ausstieg widmete sie sich der Schauspielerei und wirkte unter anderem in »Der Kriminalist« und »Traumhotel Karibik« mit. 2007 bis 2009 studierte Indira die Tora in Jerusalem und lernte Hebräisch. In dieser Zeit konvertierte sie zum Judentum. Zurück in Deutschland arbeitete sie an neuen Musikproduktionen. Im Januar 2011 nahm sie an dem ebenso erfolgreichen wie kontrovers diskutierten RTL‐Sendung »Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!« teil. Für großen Gesprächsstoff bei den Zuschauern sorgten ihre Nacktfotos im »Playboy« sowie ihre angeblich inszenierte Beziehung zum Dschungelcamp‐Teilnehmer Jay Kahn.

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