Bedingung

»Ich bin euer Gott«

Verheißenes Land: Luftaufnahme der Stadt Jerusalem Foto: imago

Der Abschnitt Waera setzt den Bericht über das Elend der Kinder Israels in Ägypten fort. Das Maß ist voll, Gott mischt sich ein. Er schickt Mosche mit dem Auftrag zum Pharao, das Volk Israel ziehen zu lassen, damit es fortan Gott dienen könne. Dieser Appell hat zur Folge, dass der Pharao sein Herz verhärtet und sich die Arbeitsbedingungen der hebräischen Sklaven verschärfen. Mosche beschwert sich daraufhin bei Gott, und der Ewige verspricht dem Volk Israel eine Zukunftsperspektive: »Ich bin der Ewige. Ich werde euch von den Lastarbeiten der Ägypter befreien ..., euch retten ..., euch erlösen ..., euch zum Volk nehmen« (2. Buch Mose 6, 6–8).

Vier Verben bezeichnen hier vier Aktionen der künftigen Befreiung, die drei fundamentale Ziele verfolgt: Beendigung der Sklaverei in Ägypten, Einzug ins verheißene Land Gottes und unserer Vorfahren Awraham, Jizchak und Jakow sowie die spirituelle Verbindung zwischen Gott und Seinem Volk: »Ich will euch annehmen zu Meinem Volk und werde euer Gott sein« (6,7).

Befreiung Der Jerusalemer Talmud (Pessachim 10) schreibt, dass die vier versprochenen Aktionen der Grund dafür sind, dass wir am Sederabend vier Gläser Wein trinken. Sie symbolisieren die Phasen der göttlichen Befreiung. Jedoch fällt auf, dass der Talmud nicht nur vier, sondern fünf Ausdrücke der Erlösung nennt. Mit dem fünften ist die Zusage gemeint: »Und ich werde euch in das Land bringen« (6,8).

Wo aber ist am Sederabend das fünfte Glas geblieben, das für die Verheißung? Es muss sich bei unseren Weisen offenbar die Meinung durchgesetzt haben, man könne auf das geografische Zeichen des Landes verzichten.

Bevor die fünfte Aktion genannt und stattfinden wird, kommt es allerdings zu einem interessanten Einschub: »Ihr sollt wissen, dass ich euer Gott bin.« Die Anerkennung Gottes als Herrn ist für Israel die Vorbedingung dafür, dass es ins verheißene Land einziehen und dort wohnen kann.

Zeitpunkt Unser Abschnitt beinhaltet das klassische Organisationsmodell einer Befreiungsaktion, zu der eine herausgehobene Führungspersönlichkeit mit Autorität gehört. Den Zeitpunkt der Befreiung der Kinder Israels aus der ägyptischen Knechtschaft setzt Gott fest. Für ihn ist die Zeit reif dafür – auch wenn es die Bedrückten selbst ganz und gar nicht sind. Sie haben sich in ihrem Elend eingerichtet, sodass sie nicht einmal mehr in der Lage sind, Befreiung und Freiheit überhaupt zu denken.

Entsprechend mürrisch und misstrauisch begegnen sie ihrem von Gott beauftragten Führer Mosche, zumal er als Stotterer des für seine Führungsrolle notwendigen Redetalents entbehrt. Bei ihm muss Gott sozusagen erst einmal nachbessern und sein Selbstvertrauen aufbauen, indem er ihm göttliches Vertrauen und mitmenschlichen Beistand schenkt: »Da sprach der Ewige zu Mosche: Siehe, ich habe dich als Gott über Pharao gesetzt, und dein Bruder Aaron sei dein Prophet.

Du sollst ihm alles sagen, was ich dir auftragen werde, und dein Bruder Aaron soll zu Pharao reden« (7, 1–2). Eine Abfolge von Autorität ist hier zu erkennen. Von Gott ausgehend wird sie zunächst an Mosche verliehen. Von ihm geht sie auf seinen älteren Bruder über, sofern er Aaron die Worte Gottes übermittelt und dieser schließlich als sein Sprachrohr fungiert. Außerdem geht es bei dieser Befreiungsaktion darum, die Ängste und Zweifel der Gegner zu beseitigen und die Legitimation der Führung zu verstärken.

Schlüssel Nach den zehn Plagen lässt der Pharao die Kinder Israels schließlich ziehen. Der Weg ist geebnet, und nun wartet Gott, der Befreier, darauf, dass das Volk sich ihm aus freien Stücken zuwendet. Die Schlüssel dafür, ob es das verheißene Land betreten wird, liegen in der Hand des Volkes selbst. Es hängt von der inneren Einstellung Israels ab. Die Inbesitznahme des verheißenen Landes und das Wohnen darin können nur gelingen und Bestand haben, wenn sie in einer tiefen Spiritualität des jüdischen Volkes verwurzelt sind.

Diese Gedanken räumen dem fünften Glas vielleicht seinen Platz am Sederabend ein. Es könnte uns heute die Erlösungsbotschaft wieder nahebringen, die die Toraprophezeiung ausspricht: »Und ihr sollt erkennen, dass ich euer Gott bin.« Dieses Wissen bietet allem menschlichen Hochmut die Stirn. Das Glas mit Genuss zu trinken, gelingt uns besonders dann, wenn wir in Bescheidenheit verinnerlichen, dass Gott unser Erlöser ist.

Der Autor war bis 2011 Landesrabbiner von Sachsen.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Waera erzählt, wie die Kinder Israels Mosche und Aharon kein Gehör schenkten, obwohl der Name des Ewigen ihnen von Mosche offenbart worden war. Mosche verwandelt vor den Augen des Pharao seinen Stab in ein Krokodil und fordert den Herrscher auf, die Kinder Israels ziehen zu lassen. Der Pharao aber bleibt hart, und so kommen die ersten sieben Plagen über Ägypten: Blut, Frösche, Ungeziefer, wilde Tiere, Viehseuche, Aussatz und Hagelschlag. Auch danach bleibt der Pharao hart und lässt die Kinder Israels nicht ziehen.
2. Buch Mose 6,2 – 9,35

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