Symbol

Herodes’ Erbe

Nach römischer Art: siebenarmiger Leuchter auf zweistufigem Sockel Foto: Fotolia

Der Wochenabschnitt Beha’alotcha setzt mit dem Befehl Gottes an Mosche ein: »Rede mit Aharon und sprich zu ihm: Wenn du die Lampen aufsetzt, sollst du sie so setzen, dass sie alle sieben von dem Leuchter nach vorwärts scheinen« (4. Buch Mose 8,2).

Die Tora schreibt, dass der Künstler Bezalel ben Uri die Menora nach den göttlichen Vorschriften hergestellt hat. Sie bekommt nach 2. Buch Mose 35,14 ihren Platz im Mischkan, der Stiftshütte, und Aharon erhält den Auftrag, ihre Lichter anzuzünden.

Schon im 2. Buch Mose 27,21 ergeht diese Mizwa an die Priester. Dort heißt es: »In der Stiftshütte, außen vor dem Vorhang, der vor der Lade mit dem Gesetz hängt, sollen Aharon und seine Söhne den Leuchter zurechtmachen, dass er brenne vom Abend bis zum Morgen vor dem Herrn. Das soll eine ewige Ordnung sein für ihre Nachkommen bei den Israeliten.«

Bauanleitung Die Tora gibt uns im 2. Buch Mose 25, 31–40 eine ausführliche Bauanleitung der Menora. Wir erfahren, dass der Leuchter, den Bezalel anfertigte, aus einem einzigen Stück Gold getrieben war. 50 Kilo schwer soll es gewesen sein, berichtet Flavius Josephus.

Die Menora bestand aus einem kastenartigen Sockel, der auf drei Füßen ruhte. Aus diesem Fundament strebte ein Mittelschaft hervor, an dessen oberem Ende ein länglich-schmaler Kelch angebracht war. Von beiden Seiten zweigten jeweils drei Arme ab, die ebenfalls in Kelche mündeten. Alle sieben Röhren (der Mittelschaft und die sechs Seitenarme) waren mit knospen- und blütenförmigen Ornamenten verziert. Die seitlichen Röhren wuchsen bis zum Mittelschaft empor, sodass alle sieben Lampen in gleicher Höhe liegen.

Raschi (1040–1105) erklärt, dass das Wort »jericha« den kastenförmigen Sockel der Menora bezeichne, von dem drei Füße ausgingen. Auch Maimonides, der Rambam (1135–1204), ist Raschis Meinung (Rambam Sefer Hilchot Beit Habchira 3,3). Ihre Beschreibungen sind zudem identisch mit verschiedenen archäologischen Befunden, die davon zeugen, dass die Menora im Tempel tatsächlich auf drei Füßen stand.

Legenden Der Schein der Menora ist ein Symbol für Reinheit, Freude und Freundschaft, wobei die Tora selbst das Licht ist, bildet sie doch das Rückgrat des Judentums. Entsprechend fassen jüdische Legenden die sechs Lichter der Menora als Symbole der verschiedenen Wissenschaften auf. Die siebte Kerze versinnbildlicht die Tora, weil sie mit ihrem Inhalt die Wissenschaften spirituell bereichert und mit ihrer geistigen Energie zu Erkenntnissen führt. Es gibt große Wissenschaftler, die erklärt haben, dass sie mit ihrer Arbeit eine Interpretation der göttlichen Gedanken zu geben versuchen, wie sie uns in der Tora überliefert werden.

In der Zeit Mosches und Aharons war die Menora das Sinnbild für die Einheit des Volkes Israel. Im Salomonischen Tempel versinnbildlichte sie vor allem Gottes Anwesenheit. In der Zeit des Propheten Secharja stand sie für den Glauben und den Sieg Gottes: »Nicht durch Macht und nicht durch Kraft, sondern durch meinen Geistbraus hat Er, der Ewige der Scharen, gesprochen« (Secharja 4,6).

In der Zeit der Hasmonäer war der Leuchter das Symbol für die Übereignung des Volkes Israel an seinen Gott, für seinen Glauben und Gehorsam ihm gegenüber und die Freiheit des Gewissens. Wer das Licht der Menora sah, sollte sich gewiss sein, dass das Volk Israel über seine Unterdrücker siegen werde. 1948 wurde die Menora zum Staatswappen Israels.

archäologie Nach der Zerstörung des Tempels gab es einen Wandel, und Gebete traten an die Stelle der Opfer. Doch die Lichter der Menora lassen ihr Licht weiter erstrahlen. So bemerkt schon Nachmanides, der Ramban (1194–1270), dass die Kerzen am Schabbat und an Chanukka trotz der Tempelzerstörung in jüdischen Häusern weiter angezündet werden.

Archäologische Funde lassen uns fragen, wo, wann und warum der Sockel der Menora verschiedenartige Ausgestaltung fand. Wie kam es, dass die drei Füße durch einen zweistufigen Sockel ersetzt wurden? Entspricht die im Titusbogen und heute im israelischen Staatswappen dargestellte Menora überhaupt derjenigen, die früher im Tempel stand?

Der israelische Kunsthistoriker Daniel Sperber bejaht diese Frage. Auf dem doppelstufigen Sockel der nach der Zerstörung des Tempels und von den Römern mitgeführten Menora sind zwei Adler eingraviert, die einen Blätterstrauß halten. Daneben sind zwei Meeresmonster und verschiedene Drachen mit Fischschwänzen zu erkennen.

Eine derartig gestaltete Menora ist im Judentum verboten, weil sie nicht koscher ist. Es heißt in der Mischna: »Wenn jemand Gegenstände mit Abbildungen von Sonne, Mond oder Drachen findet, soll er sie ins Tote Meer werfen« (Avoda sara 3,3).

Wir haben guten Grund, uns zu fragen, ob solche Darstellungen von Drachen im zweiten Tempel tatsächlich ihren Platz hatten. Sperber meint: Ja. Er sieht seine Annahme durch einen Menorafund dieser Ausgestaltung in einem römischen Tempel der türkischen Stadt Didima bestätigt. Die dort gefundene Menora gleicht derjenigen im Titusbogen mit dem doppelten Sockel in Rippenform und den eingravierten Drachenfiguren.

Die Grundform der Menora wurde von den Römern aus dem Judentum zunächst übernommen, aber dann auch angepasst und verändert, um durch ihre Umgestaltung die Macht des Römischen Reiches zu demonstrieren. So hat sich nach Sperbers Einschätzung König Herodes (37–14 v.d.Z.) dieser römischen Menoragestaltung bedient, um sich mit der Darstellung von Symbolen aus dem Apollo-Kult bei Kaiser Augustus beliebt zu machen. Zudem untermauerte und verstärkte er damit ganz bewusst die Macht der Römer im Land.

Es liegt auf der Hand, dass mit der Umgestaltung der Menora durch die römischen Besatzer die Macht des Gottes Israels herabgesetzt werden sollte. Bis heute ruft deshalb der Anblick der nach römischem Vorbild gestalteten Menora auf dem israelischen Staatswappen beim kundigen Betrachter die Erinnerung an die Unterdrückung der Juden durch die Römer wach.

Dagegen bewahrt die Menora, die auf drei Füßen steht und keine heidnischen Verzierungen aufweist, für das jüdische Volk das Andenken an die Zeit der Hasmonäer, die vom Streben nach Unabhängigkeit beseelt waren. Deshalb stellt sich die Frage, ob es gut durchdacht war, die Menora des Titusbogens, also die römische Version, als offizielles Staatswappen zu wählen. Es ist schwer, darauf heute eine Antwort zu geben.

Der Autor war bis 2011 Landesrabbiner von Sachsen.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Beha’alotcha beginnt mit den Vorschriften für das Licht im Stiftszelt. Danach bringt er weitere Vorschriften für die Leviten. Außerdem wird ein zweites Pessachfest für diejenigen eingeführt, die es im Monat Nissan nicht feiern konnten. Ferner wird geschildert, wie am Tag eine Wolke und nachts eine Feuersäule die Anwesenheit des Ewigen am Stiftszelt anzeigen. Immer wenn die Wolke sich vom Stiftszelt entfernte, setzten auch die Kinder Israels ihren Zug fort.
4. Buch Mose 8,1 – 12,16

Talmudisches

Cäsar und die Rippe Adams

Wie der Kaiser Rabban Gamliel herausforderte

von Noemi Berger  20.09.2019

Ki Tawo

Das Gefühl, dazuzugehören

Was den Kindern Israels Herz und Augen öffnete – mehr als alle g’ttlichen Offenbarungen

von Rabbiner Jaron Engelmayer  20.09.2019

Drisha

In Yentls Fußstapfen

An der Bar-Ilan-Universität erscheint eine Zeitschrift von Frauen, die sich mit dem Talmud beschäftigen

von Yizhak Ahren  19.09.2019

Slichot

Schlaflos beim Minjan

Sefarden rezitieren sie schon seit Wochen. Nun beginnen auch die Aschkenasen mit den Bußgebeten

von Rabbiner Arie Folger  19.09.2019

USA

Rabbiner wird Mitglied in katholisch-islamischem Komitee

M. Bruce Lustig verstärkt das im Vatikan gegründete Gremium zur Förderung des interreligiösen Dialogs

 18.09.2019

Ki Teze

Ein Monat Bedenkzeit

Warum die Tora Soldaten vorschrieb, nach der Rückkehr aus dem Krieg erst einmal innezuhalten

von Rabbiner David Geballe  13.09.2019