Lech Lecha

Held des Glaubens

Awraham ist der Prototyp eines Kämpfers. Foto: Getty Images / istock

Mit dem Zuruf »Lech lecha!« legt Gott den Grundstein für seinen Bund mit Israel und bestimmt Awraham »zum Vater vieler Nationen« (1. Buch Mose 17,5). Und so berufen sich heute Judentum, Christentum und Islam, die drei großen monotheistischen, sogenannten abrahamitischen Religionen auf ihn. Gegenwärtig gibt es 56 islamische und mehr als 80 christliche Länder sowie einen jüdischen Staat.

Dementsprechend wäre durchaus eine Heldengeschichte zu Awrahams Person zu erwarten. Doch führte er keine nennenswerten Kriege, trat nicht als Spitzenpolitiker eines Imperiums ins Rampenlicht und auch nicht als Prophet oder begnadeter Gemeindeleiter in Erscheinung.

BUND Im Gegensatz zu Mosche erfahren wir in der Tora nichts über die Kindheit und Jugend Awrahams. Von Noach wird berichtet, dass er der einzige Zaddik seiner Zeit gewesen ist. Über Awraham teilt uns die Tora lediglich mit, dass auf seinen Sohn Jizchak die Verheißungen des Gottesbundes übergehen. Und auch, als der Ewige Awraham befiehlt, seinen Geburtsort Ur zu verlassen, wird nicht mitgeteilt, warum Gottes Wahl ausgerechnet auf ihn fällt.

Wir erfahren zwar nicht, warum Awraham ausgewählt wird, aber die Tora teilt uns mit, wozu dies geschieht. Im Zuge der Namensänderung von Awram zu Awraham erklärt Gott: »Denn Ich habe dich gemacht zum Vater vieler Völker.«

Im Midrasch lesen wir von drei Begebenheiten, die uns Einblick in den besonderen Charakter Awrahams geben. Wir können in ihm geradezu den Gottesentdecker sehen. So wird erzählt, dass sein Vater Terach eine Werkstatt betrieb, in der er Götzen anfertigte. Als der Sohn sich dort einmal allein aufhielt, nutzte er die Gelegenheit und zerstörte mit einem großen Hammer sämtliche Werke Terachs.

Als dieser zurückkehrte, war er schockiert von dem Anblick, der sich ihm in der verwüsteten Werkstatt bot. Entgeistert fragte er nach dem Täter. Awraham verwies auf eine Skulptur, vor der er den Hammer hatte liegen lassen, und antwortete: »Das war die große Skulptur, zu deren Füßen der Hammer liegt.«

Terach entgegnete: »Dieser Götze besteht nur aus Holz und Stein. Er kann doch nichts ausrichten!« Da erwiderte Awraham: »Und warum verbeugst du dich dann vor ihm?«

Hier wird uns Awraham als Prototyp eines Kämpfers gegen die Welt des Paganismus und des Aberglaubens vorgestellt.

PALAST In einem zweiten, etwas mysteriös anmutenden Midrasch wird erzählt, wie Awraham an einem brennenden Palast vorübergeht. Er fragt: »Ist dieser Palast ohne Besitzer?« Eine Stimme antwortet: »Ich bin der Besitzer dieses Palastes!«

Mit der Symbolik dieser Geschichte wird uns Gott als Eigentümer des Palastes, der Welt, nahegebracht. Der Ewige hat sie dem Menschen anvertraut, doch der vernachlässigt seine Verantwortung für Gottes Schöpfung und lässt sie ungerührt »abbrennen«. Nur Awraham erhört den Hilferuf Gottes und beginnt, das Feuer zu löschen. Er kann sich mit der Zerstörung von Gottes Welt und der darin herrschenden Ungerechtigkeit, die durch menschliches Handeln verursacht wird, nicht abfinden. Hier wird uns Awraham als Vorkämpfer für die Gerechtigkeit vor Augen geführt.

Einen dritten hervorstechenden Charakterzug Awrahams beschreibt Maimonides, der Rambam (1138–1204): Bereits als Kind begann Awraham, aufmerksam die Natur und seine Umgebung zu erforschen. Er war davon begeistert, wie sich Tag und Nacht abwechseln, die Sonne, der Mond und die Sterne sich rechtzeitig aktivieren, während den Menschen nichts Besseres einfiel, als Götzen aus Holz und Steinen anzubeten und ihnen zu dienen. Der Verstand des Jungen konnte es nicht fassen, wie sich Menschen einem so primitiven Kult hingeben konnten.

Der junge Awraham zog aus seinen Beobachtungen den Schluss: Über der Natur müsse es einen Mächtigen geben, den wir Gott nennen. Hier offenbart sich Awraham als Philosoph, der die Existenz Gottes beweist.

PROFIL Diese drei Charakterzüge Awrahams stehen für das Profil des Judentums insgesamt. In der Orientierung und Nachfolge seines Erzvaters gehört es zum Auftrag des Judentums, sich gegen alle Formen von Götzendienst zu wenden und an der Erkenntnis des einen Gottes festzuhalten. Es sollte zur Identität eines Juden gehören, sich für Gesetz und Gerechtigkeit in der Gesellschaft einzusetzen. Albert Einstein sprach von der jüdischen Liebe zur Gerechtigkeit und war froh, ein Jude zu sein.
Es bleibt jedoch anzumerken, dass diese bisher aufgeführten Charakteristika Awrahams nicht auf Quellen der Tora zurückgehen.

Jehoschua Bin Nun erwähnt zwar, dass Awrahams Vater Terach Götzen diente (Jehoschua 24,2). Aber im 1. Buch Mose erfahren wir davon nichts. Und was die Erzählung vom brennenden Palast betrifft, lässt sich ihre Aussage vielleicht mit Awrahams Diskussion mit Gott über die Errettung der Gerechten in Sodom und Gomorrha verbinden (1. Buch Mose 18,25).

rolle Was sagt nun die Tora über Awraham? Schlicht und einfach: Er wurde zum Vater vieler Völker erwählt (18,19). Alles, was von ihm erzählt wird, wie zum Beispiel die Geschichten von der Erwartung eines Nachkommen, die Geburt Jischmaels, die Spannungen zwischen Sara und Hagar, die Geburt Jizchaks und seine Bindung, all diese Erzählungen haben zum Ziel, uns Awraham in der Rolle des verantwortlichen Vaters nahezubringen.

So erklärt sich, warum das Judentum die Elternschaft als eine tragende Säule für jede stabile Gesellschaft ansieht. Deshalb haben wir am ersten Tag von Rosch Haschana die Geschichten von den zwei großen Müttern Sara und Chana gelesen. Awraham als Held des jüdischen Glaubens ist einfach ein Vater. Er ist ein Elternteil und weiß genau, was es bedeutet, Vater zu sein. So sind im Normalfall jüdische Eltern mit Geduld und mit Zugang zu ihren Kindern ausgestattet, um sie auf das Leben in dieser Welt vorzubereiten.

Sind die Kinder auch noch klein, machen sich Vater und Mutter schon Gedanken um sie, was aus ihnen einmal werden könnte, was sie einmal lernen oder studieren könnten. Das Judentum setzt immer bei dem Natürlichen an und heiligt es. Es lädt das Materielle mit Spiritualität auf und erkennt das Wunder in einem normalen, unauffälligen Weg.

Awraham und Sara sind die zwei Figuren, die uns bis heute über die Elternschaft unterrichten, wie sie uns von Gott aufgetragen wurde und unsere Lebensziele bestimmen soll.

Der Autor ist Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).


inhalt
Der Wochenabschnitt Lech Lecha erzählt, wie Awram und Sara ihre Heimatstadt Charan verlassen und nach Kena’an ziehen. Awrams ägyptische Magd Hagar schenkt ihm einen Sohn, Jischmael. Der Ewige schließt mit Awram einen Bund und gibt ihm einen neuen Namen: Awraham. Als Zeichen für den Bund soll von nun an jedes männliche Neugeborene am achten Lebenstag beschnitten werden.
1. Buch Mose 12,1 – 17,27

Interview

»Verbinde dich mit etwas Größerem«

Rabbiner Levi Shmotkin landete mit »Worte fürs Leben« einen Bestseller. Ein Gespräch über die Stärke, sich von Krieg und antisemitischen Bedrohungen nicht lähmen zu lassen

von Detlef David Kauschke  09.06.2026

Beha’alotcha

Macht der Gewohnheit

Die Tora zeigt am Beispiel Aharons, warum die tägliche Pflicht den Menschen wachsen lässt

von Avi Frenkel  05.06.2026

Talmudisches

Geister

Was antike jüdische Überlieferungen über Besucher aus dem Jenseits erzählen

von Rabbinerin Yael Deusel  04.06.2026

München/Jerusalem

Rabbinerkonferenz weist Kritik an deutschen Yad-Vashem-Standorten zurück

Die geplanten Außenstellen von Yad Vashem in Deutschland stoßen auch auf Skepsis. Doch die Orthodoxe Rabbinerkonferenz warnt davor, die Arbeit der Gedenkstätte zum Gegenstand politischer Abrechnungen zu machen

 31.05.2026

Bonn

»Es ist ein Bruch eingetreten.«

Rabbiner Andreas Nachama betonte, dass Jüdinnen und Juden immer weiter in eine »Defensivposition« gebracht würden. Eine Studientagung des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit lotete aus, wie es anders gehen könnte

von Leticia Witte  31.05.2026

Antwerpen

Belgien: Empörung über Anklage gegen jüdische Beschneider

Wegen Anklagen gegen zwei jüdische Beschneider kritisieren jüdische Vertreter die belgischen Behörden scharf. Die European Jewish Association wirft der Staatsanwaltschaft vor, die Religionsfreiheit zu verletzen - Belgien weist dies zurück

von Marlene Brey  27.05.2026

Nasso

Raum für die g’ttliche Präsenz

Warum das Lesen dieses Wochenabschnitts beim Finden eines Ehepartners hilfreich sein soll

von Vyacheslav Dobrovych  24.05.2026

Essay

Erinnerungen an Schawuot in Be’eri

Unsere Autorin ist in dem Kibbuz aufgewachsen, der durch das Massaker traurige Bekanntheit erlangte. Eines der prägendsten Feste ihrer Kindheit war das Wochenfest – wird jene Freude je wieder zurückkehren?

von Eshkar Eldan Cohen  21.05.2026

Schawuot 2

Mit offener Hand

Das Gebot des Zehnten ist weit mehr als eine soziale Maßnahme. Es ist eine geistige Übung

von Rabbiner Joel Berger  21.05.2026