Umsturz

Heilige Rebellion

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Der Tanach ist in fast alle Sprachen übersetzt worden, ins Deutsche sogar schon mehrfach. Einige Geschichten und Weisungen der Bibel kennt in der westlichen Welt jeder gebildete Mensch. Und doch ist vielen nicht bewusst, dass die Tora etliche Revolutionen ermöglicht und indirekt bewirkt hat.

Der israelische Historiker Yuval Noah Harari, Verfasser des Bestsellers Eine kurze Geschichte der Menschheit (2011), erklärte einmal, er habe das Judentum in seinem Buch deshalb nicht diskutiert, weil es eine unbedeutende und einflusslose Religion sei. Der angesehene israelische Bibelwissenschaftler Amnon Shapira (1935–2023) hält Hararis Behauptung für ausgesprochen falsch. Shapira hat jahrelang (bis kurz vor seinem Tod) versucht zu beweisen, dass der jüdischen Religion zahlreiche Innovationen zu verdanken sind. In einer umfangreichen Studie behandelt er 80 Revolutionen, die er auf jeweils vier Seiten darstellt. Shapira betont ausdrücklich, dass seine Liste der Innovationen ergänzt werden könnte.

Amnon Shapira war ein außerordentlich belesener Mann. Im Grunde hat er nur Befunde anderer Forscher eifrig zusammengetragen; zu Beginn jedes Kapitels nennt der Autor die Namen der Frauen und Männer, auf deren Arbeiten er sich stützt. Das vorliegende hebräische Buch, sein »Vermächtnis«, hat Shapira sowohl für jüdische als auch für nichtjüdische Leser geschrieben. Um den Leserkreis wesentlich zu erweitern, soll in Amerika bald eine Übersetzung ins Englische erscheinen.

Das vorliegende hebräische Buch, sein »Vermächtnis«, hat Shapira sowohl für jüdische als auch für nichtjüdische Leser geschrieben

Im Rahmen einer Buchbesprechung ist es nicht möglich, 80 Innovationen ausführlich zu referieren. Deshalb seien hier nur wenige Beispiele erwähnt. Zuvor jedoch erscheint eine kurze Bemerkung zu Shapiras Methode angebracht. Wie kann jemand erkennen, dass der biblische Text eine Revolution fordert und fördert? Indem man bestimmte Vorschriften der Tora mit den entsprechenden Normen der antiken Reiche Mesopotamien und Ägypten vergleicht.

So war es zum Beispiel in der antiken Welt gang und gäbe, im Falle eines Krieges die Obstbäume des Feindes zu vernichten. Die Tora hingegen befiehlt: »Wenn du eine Stadt viele Tage belagerst, sie durch Krieg in deine Gewalt zu bringen, so sollst du ihren Baum nicht verderben, eine Axt an ihn zu schwingen; denn von ihm sollst du essen, ihn aber nicht fällen« (5. Buch Mose 20,19).

Ein zweites Beispiel: In biblischen Zeiten hatten Herrscher im Nahen Osten unbegrenzte Macht. Sie konnten tun und lassen, was sie wollten. Demgegenüber hat die Tora die Möglichkeiten eines jüdischen Königs sehr eingeschränkt: »Auch soll er (der König) sich nicht viele Frauen nehmen, dass sein Herz nicht abtrünnig werde, und Gold und Silber soll er nicht in Menge anschaffen« (5. Buch Mose 17,17).

Der Autor stellt weit verbreitete Vorurteile infrage

Etliche Meinungen, die Shapira referiert, dürften die Leser überraschen. Denn der Autor stellt weit verbreitete Vorurteile infrage. Er zitiert unter anderem den Philosophen Schmuel Hugo Bergman (1883–1975): »Nicht nur widerspricht die biblische Religion keineswegs der Demokratie, sie ist vielmehr ihre wahre Basis.« Dieser Ansicht war auch der Politiker David Ben Gurion. Deshalb kommt in der von ihm redigierten Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel der Begriff »Demokratie« nicht vor – spricht man von einem »jüdischen Staat«, so ist impliziert, dass dieser Staat demokratisch ist.

In mehr als 40 Kapiteln behandelt Shapira Themen, die mit einer Verbesserung der Welt (hebräisch: Tikkun Olam) zu tun haben. In der Tat ist Tikkun Olam ein Grundzug der jüdischen Religion. Am Beispiel des säkularen Messianismus kann man sich deutlich machen, wie weit der Einfluss der biblischen Texte reicht. Freilich besteht immer die Gefahr einer Verkehrung der ursprünglichen Intention durch einseitige Auslegungen. Nach Shapiras Überzeugung ist Fundamentalismus ein solcher Irrweg.

Zustimmend verweist Shapira auf das Konzept der »heiligen Rebellion« von Schmuel Chajim Landau (1892–1928). Damit ist nicht eine Rebellion gegen die Religion gemeint, sondern ein Aufstand für die Tora: Schlechte Wirklichkeiten sollte man aufbrechen und durch bessere Verhältnisse ersetzen – Tikkun Olam erfordert Revolutionen.

Amnon Shapira: »What Innovations has Judaism Brought to the World? The Bible – 80 Revolutions« (hebräisch). Teper Publishers, Ganey Tiqva 2023, 441 S., 118 NIS

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