Recht

Haschisch und Halacha

»Tikkun Olam«: Das Tel Aviver Unternehmen bietet Cannabis-Produkte für Schwerstkranke an. Foto: Fotolia

Am 2. November konnten die Bürger des US‐Bundesstaates Kalifornien nicht nur darüber abstimmen, wer neuer Gouverneur werden soll. Sie konnten auch entscheiden, ob der Anbau und Besitz kleiner Mengen Haschisch in Zukunft erlaubt sein sollte. Doch haben sie mehrheitlich dagegen votiert.

Wäre die Abstimmung anders ausgegangen, wäre in Kalifornien auch eine halachische Restriktion des Konsums von Cannabis weggefallen – denn laut Halacha ist es nicht erlaubt, die Gesetze des Landes zu brechen. Wäre die Droge staatlicherseits freigegeben, würde auch die religiöse Beschränkung aufgehoben.

In Israel hat kürzlich ein Fachausschuss des Gesundheitsministeriums die Aufnahme von Cannabis in die Liste von Medikamenten empfohlen. Schon in einem halben Jahr soll Marihuana ganz legal in Apotheken erworben werden können.

Tora Häufig wird auf Rabbiner Arjeh Kaplan verwiesen, wenn es um die jüdische Bewertung von Cannabiskonsum geht. Der orthodoxe Rabbiner (1934–1983), der in seinem kurzen Leben ungewöhnlich viel und umfangreich publizierte, formulierte die Theorie, das »heilige Salböl«, wie es etwa im 2. Buch Moses (30,25 ) beschrieben wird, könne Cannabis enthalten haben. Die Zusammensetzung dieses Öls wird im Toratext detailliert be‐schrieben. Aus der Aufzählung der Zutaten identifizierte Kaplan das »Kene Bosem« in seinem Kommentar The Living Torah als Cannabis.

Die meisten Übersetzer und Kommentatoren haben jedoch Kene Bosem als »wohlriechenden Kalmus« übersetzt. Noch heute gibt es das Kalmusöl, welches aus einer Pflanze gewonnen wird, die der Familie der Aronstabgewächse zugerechnet wird. Aber auch aus der Kalmuswurzel könnte eine Droge gewonnen werden. Sie hat ebenfalls eine halluzinogene Wirkung, ist jedoch in den meisten Ländern vollkommen legal und wirkt auch anders als Cannabis, und der eigentliche Wirkstoff THC ist nicht enthalten. Jedoch wird auch in der Tora Kalmus nur als eine Zutat des Öls genannt und nicht als Stoff, der in irgendeiner Art und Weise konsumiert worden ist.

Einige »fromme« Raucher werten jedoch die bloße Möglichkeit als Hinweis darauf, dass es so schlecht nicht sein kann. Interessanterweise war es der israelische Chemiker Raphael Mechoulam, der zuerst Tetrahydrocannabinol, also kurz THC, isolierte und chemisch untersuchte und so viel dazu beigetragen hat, dass man heute versteht, wie THC wirkt und funktioniert. Vollständig ist das jedoch noch nicht gelungen.

Medizin Rabbiner Jeffrey Kahn, der von der jüdischen Wochenzeitung Jewish Daily Forward als »Washingtons Marihuana Rabbi« bezeichnet wurde, eröffnete im August das »Takoma Wellness Center«. Er erklärte im Vorfeld, die »Entkriminalisierung des Konsums der Droge« sei »eine wichtige religiöse Angelegenheit«. Jedoch ist die medizinische Nutzung in den USA, wie bereits erwähnt, nicht in allen Bundesstaaten untersagt, und genau auf diese Anwendung hat sich Rabbiner Kahn spezialisiert. So begründet er auch die religiöse Notwendigkeit.

Es ist bekannt, dass THC gegen Übelkeit und Erbrechen helfen kann, etwa im Zusammenhang mit der Chemotherapie bei Krebserkrankungen. Auch bei Medikamenten, die HIV‐Patienten verabreicht werden, können Übelkeit und Erbrechen eine mögliche Nebenwirkung sein. Die den Brechreiz lindernde Wirkung sowie eine appetitanregende Funktion des THC können den Patienten nicht nur dabei helfen, die Nebenwirkungen auszublenden, sondern auch an Gewicht zuzunehmen. Als Marinol ist ein entsprechendes Medikament in den USA bereits zugelassen.

Halachisch gesehen dürfte die medizinische Nutzung des Cannabis weniger Kopfschmerzen bereiten als der Konsum als reine Droge, welche die Wahrnehmung des Menschen beeinflusst.

Gefahren Rabbiner Mosche Feinstein (1895–1986) hat sich in der orthodoxen Welt mit seinen halachischen Entscheidungen und den entsprechenden Begründungen einen besonderen Status erworben. Er hat sich zudem häufig Themen zugewandt, die von aktueller Bedeutung waren.

Bereits 1973 beschäftigte er sich mit dem Thema. Er kam zu dem Schluss, dass das Rauchen von Haschisch zum einen nicht erlaubt sei, weil es den Körper schädige. Andererseits erlaubte er das Rauchen von Tabak und wies deshalb auch auf die »sozialen« und »psychischen« Gefahren des Drogenkonsums hin.

So verglich er den Cannabiskonsumenten mit dem »Ben Sorer Umsoreh«, den rebellischen Sohn, aus der Tora (5. Buch Moses 21,18), welcher Fleisch und Wein von seinem Vater stiehlt und es verschlingt. Für diesen wird in der Tora die Todesstrafe gefordert. Nicht etwa, weil er nicht mehr auf seinen Vater hört, sondern weil er, wie es im Traktat Sanhedrin 72a heißt, von seinen physischen Begierden getrieben wird und dafür eines Tages auch rauben und töten würde, um sein Verlangen zu stillen. Eine recht alte Schilderung von dem, was wir heute unter dem Begriff Beschaffungskriminalität kennen. Dies gelte, nach Rabbiner Feinstein, auch bei Drogen, die den Konsumenten abhängig machen.

Das ist jedoch ein besonders heftiges Streitthema zwischen Befürwortern und Gegnern des legalen Konsums der Droge. Gegner sehen Cannabis in erster Linie als Einstieg in eine Drogenkarriere. Befürworter verweisen darauf, dass Cannabis in geringerem Maße körperlich und seelisch abhängig mache als etwa Alkohol oder Zigaretten.

Einen dritte Punkt führt Feinstein noch ins Feld, im Zusammenhang mit der Mizwa »Kedoschim Tihiju«, heilig sollt ihr sein. Er betont, dass man seine Aufmerksamkeit nur den wichtigen Dingen des Lebens zuwenden und nicht seine sozialen und religiösen Pflichten vernachlässigen solle. Doch genau dies sei der Fall, wenn man sich dem Drogenkonsum hingebe.

Fakten Ein Problem einer modernen, unvoreingenommenen Beurteilung des Cannabiskonsums könnte die tatsächliche Faktenlage sein. Wurde zunächst das Rauchen von Zigaretten als harmlos eingeschätzt und durchaus als Vergnügen angesehen, so hat sich doch die Erkenntnis durchgesetzt, dass Zigaretten gesundheitsschädlich sind. Entsprechend verbieten Rabbiner den Nikotingenuss. Selbst der Alkoholkonsum wird zwar bekanntermaßen »geboten«, aber es wird auch gleichzeitig auf seine Gefahren hingewiesen. Etwa mit Verweis auf die Tora, die berichtet, wie Noach betrunken einschläft.

Es gibt Hinweise darauf, dass Cannabiskonsum abhängig macht, jedoch werden entsprechende Studien oft angezweifelt. Wenn in einigen Jahren die Wissenschaft mehr Fakten gesammelt hat, könnte es durchaus sein, dass sich die halachische Haltung bestätigt oder ändert. Vorerst ist dies bei uns in Deutschland ohnehin keine dringende Frage, denn staatliches Recht darf man laut Halacha nicht brechen. Und hierzulande ist der Anbau, Handel und Besitz von Cannabis laut Betäubungsmittelgesetz verboten.

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