Pidjon Ha-Ben

Gottes Kinder

Pidjon Ha-Ben-Zeremonie für den Urenkel von Rabbiner Chaim Kanievsky, einer anerkannten halachischen Autorität, im August 2014 in Bnei Brak Foto: Flash 90

Der Wochenabschnitt, den wir an diesem Schabbat in unseren Synagogen vortragen, eröffnet die Lesung des vierten Buches der Tora, Bemidbar. Es behandelt die Ereignisse, die sich nach dem Auszug aus Ägypten während der Wanderung der Israeliten in der Wüste zugetragen haben.

Der erste Abschnitt dieses Buches wird immer vor dem biblischen Wallfahrtsfest Schawuot vorgetragen. Schawuot, auch Wochenfest genannt, ist das Fest der Offenbarung und somit das Fest der Tora.
Dafür, dass man den Abschnitt Bemidbar (Deutsch: »in der Wüste«) gerade an diesem Schabbat liest, fanden die Schriftgelehrten einen passenden Hinweis: Das jüdische Volk erhielt die Tora in der Wüste, kurz nach seiner Befreiung.

Das hat folgenden Grund: Wenn G’tt den Israeliten die Schrift inmitten des blühenden Landes, in dem »Milch und Honig fließen«, geschenkt hätte, wären sie vermutlich nur schwer dafür zu begeistern gewesen. In der Wüste jedoch, unter widrigen Lebensumständen, fand das G’tteswort seinen Weg in die Herzen der Israeliten.

Leviten Der Wochenabschnitt Bemidbar enthält unter anderem das Gebot, die Erstgeborenen auszulösen: »Denn die Erstgeborenen sind Mein seit der Zeit, da Ich alle Erstgeburt schlug in Ägyptenland; da heiligte Ich mir alle Erstgeburt in Israel« (4. Buch Mose 3,13).

Für das Verständnis dieser Mizwa fällt auch folgender Vers aus der Parascha ins Gewicht: »Nimm die Leviten anstatt aller Erstgeborenen unter den Kindern Israel und das Vieh der Leviten anstatt ihres Viehes; und Mir sollen die Leviten gehören, Mir, G’tt« (4. Buch Mose 3,45).

Bis heute ist es üblich, dass, wenn in einer Familie zuerst ein Junge auf die Welt kommt, der Vater ihn symbolisch bei einem Kohen, einem Nachfolger des Hohepriesters Aharon, »auslösen« muss.

Heiligtum Ursprünglich waren die erstgeborenen Söhne als Bedienstete im Heiligtum vorgesehen. Doch nach dem Vorfall mit dem Goldenen Kalb, an dem außer dem Stamm Levi das ganze Volk beteiligt war, setzte G’tt die Leviten über die Erstgeborenen für diese heilige Rolle ein, denn auch die Erstgeborenen hatten Verfehlungen begangen.

Obwohl der Kohen (Priester) heute keinen Tempeldienst mehr verrichten kann, halten wir die Hoffnung aufrecht, dass er seine heiligen Aufgaben eines Tages vielleicht doch wahrnehmen wird. Dieser Gedanke ist Teil unserer messianischen Hoffnung. Diese spirituelle Verbindung mit der klassischen Rolle des Kohen führt dazu, dass wir uns als zeitlose Bestätigung seines einstigen Vermächtnisses veranlasst fühlen, gemäß der Anordnung unserer Gelehrten das erstgeborene Kind sinnbildlich von dem Kohen »freizukaufen«.

Wenn die Mutter des Jungen die Tochter eines Leviten oder eines Kohen ist, oder wenn der Vater ein Levit oder Kohen ist, dann ist die Auslösung natürlich nicht erforderlich.

Silbermünze Das kurze Ritual der Auslösung wird als »Pidjon Ha-Ben« (auf Deutsch: »Auslösung des Sohnes«) bezeichnet. Man führt dieses Ritual am 31. Tag nach der Geburt durch. Die Auslösung erfolgt durch die Entrichtung einer geringen Summe an einen, vorzugsweise gesetzestreuen, Kohen. In der Regel gibt man ihm eine Silbermünze im Wert von etwa 100 Gramm Silber, in biblischen Zeiten waren es fünf Silberschekel.

Diese Mizwa der Auslösung der Erstgeborenen hat noch einen tieferen Sinn: Sie soll uns an den Auszug aus Ägypten erinnern, als die ägyptischen Erstgeborenen während der zehnten Plage sterben mussten, G’tt jedoch die jüdischen Jungen verschonte.

Beim Ritual des Pidjon Ha-Ben bringt der Vater seinen erstgeborenen Sohn zu einem Kohen, teilt ihm mit, dass das Kind ein Erstgeborener ist und sagt: »Meine jüdische Frau hat mir diesen erstgeborenen Sohn geschenkt.«

Auch wenn der Säugling nicht der Erstgeborene seines Vaters ist, aber der seiner Mutter, muss er ausgelöst werden. Während der Vater dem Kohen das Geld für die Auslösung überreicht, spricht er die beiden traditionellen Segenssprüche: »Gesegnet seist Du, G’tt, unser G’tt, König des Universums, der uns geheiligt hat mit Seinen Geboten und uns die Auslösung eines Sohnes befohlen hat.« Und dann: »Gesegnet seist Du, G’tt, unser G’tt, König des Universums, der uns Leben und Bestand gegeben und uns diese Zeit hat erreichen lassen.«

Kontinuität Die Mizwa der Auslösung des Erstgeborenen wird im 4. Buch Mose 18, 15–16 erläutert und vertieft. Sie will als Kontinuität im G’ttesvolk und als ein Hinweis auf die Barmherzigkeit G’ttes verstanden werden und möchte in uns das Gefühl stärken, dass unsere Kinder kein Gegenstand und nicht unser Eigentum sind. Mit dem Akt von Pidjon Ha-Ben wollen wir demonstrieren, dass wir den Erstgeborenen vor G’tt bringen und in die Gemeinde einführen.

Auf eine interessante interreligiöse Parallele stieß ich beim Lesen eines Artikels des Wiener Erzbischofs Christoph Schönborn über Mariä Lichtmess, einen katholischen Feiertag, der am 2. Februar begangen wird. Der Kardinal schreibt: »Da Jesus der erste Sohn war, galt er als Eigentum G’ttes und musste von den Eltern einen Monat nach seiner Geburt zuerst ausgelöst werden: Er wurde zum Priester gebracht und vor G’tt dargestellt.«

zeremonie Das würde bedeuten, dass das kirchliche Fest Mariä Lichtmess der Tag ist, an dem Jesus vom Priester ausgelöst wurde. Diese Zeremonie ist in vielen Kirchen künstlerisch dargestellt.

Es gebührt dem Kardinal Anerkennung dafür, dass er eine so lange verschüttete Spur einer jüdischen Zeremonie heute in der Kirche für jeden sichtbar macht.

Der Autor war von 1981 bis 2002 Landesrabbiner von Württemberg.

Paraschat Bemidbar
Am Anfang steht die Zählung aller wehrfähigen Männer, mit Ausnahme der Leviten. Sie sind vom Militärdienst befreit und nehmen die Stelle der Erstgeborenen Israels ein. Ihnen wird der Dienst im Stiftszelt übertragen. Bei ihnen soll von nun an jeder Erstgeborene ausgelöst werden. Zudem wird geregelt, welche Familien für den Auf- und Abbau des Stiftszelts verantwortlich sind.
4. Buch Mose 1,1 – 4,20

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