Talmudisches

Geteiltes Leid

Manchmal weiß der Mensch mental nicht weiter und braucht die Hilfe anderer. Foto: Getty Images

Talmudisches

Geteiltes Leid

Was schon die Weisen der Antike über die Psychotherapie wussten

von Diana Kaplan  27.05.2022 08:49 Uhr

Der Talmud sagt in Joma 75a: »Ist Kummer im Herzen eines Menschen, so drücke er ihn nieder. Rabbi Ami und Rabbi Asi (erklärten es). Der eine erklärte, man schlage ihn aus dem Sinne, und der andere erklärte, man erzähle ihn anderen.«

So sah es auch König Schlomo. Er lehrt im Buch der Sprüche (12,25), dass man sich Rat holen sollte bei denjenigen, die einem helfen können: »Kummer im Herzen bedrückt den Menschen, ein gutes Wort aber heitert ihn auf.«

Dankbar Es ist eine der größten Mizwot, »Besimcha« zu sein, glücklich und fröhlich, dankbar für alles, was man hat. Jeder Mensch erlebt aber auch Phasen, in denen er nicht fröhlich sein oder Dankbarkeit empfinden kann.

Der Mensch ähnelt einem Instrument. Geht es ihm auf allen Ebenen gut, ist sein Leben in Balance und er ist in Harmonie mit sich und den anderen. Geht es ihm auf einer der Ebenen nicht gut, wird das ganze System aus der Balance gebracht und ist nicht länger harmonisch. Als die Corona-Krise im Frühjahr 2020 begann, bekamen es viele Menschen mit der Angst zu tun.

Ob man sich um die Gesundheit, das Geld, die Arbeit oder um alles gleichzeitig sorgte – keiner wusste, wie es weitergeht, und die Unsicherheit war groß. Viele mussten sich isolieren, die Angst wurde dadurch nicht kleiner, die Einsamkeit umso größer. Der psychischen Gesundheit war dies wenig zuträglich. Was sollte man tun?

Heute, zwei Jahre später, weiß man um die zahlreichen Möglichkeiten: Selbstfürsorge, Sport, Achtsamkeitstraining, Therapie. Die Welt Schritt für Schritt annehmen, die Unsicherheit zulassen, vor allem aber, fremde Hilfe zuzulassen, wenn man allein nicht weiterkommt.

Fähigkeiten Jeder Mensch wird geboren mit einzigartigen, nur ihm eigenen Fähigkeiten. Und es ist eines der Grundbedürfnisse des Menschen, sein Können in die Welt hinauszutragen, etwas mit der Welt zu teilen, der Welt zu dienen und etwas Kons­truktives zu schaffen. Doch manchmal stößt der Mensch an eine Barriere und braucht die Hilfe anderer.

Als die Corona-Krise im Frühjahr 2020 begann, bekamen es viele Menschen mit der Angst zu tun.

Mindy Blumenfeld, Psychotherapeutin und Autorin des Buches Therapy, Shmerapy, schrieb kürzlich in einem Artikel für die amerikanische Frauenzeitschrift »Binah«, dass Therapie einem Menschen helfen kann, Gewohnheiten und Muster zu durchbrechen, die er allein nicht durchbrechen kann. Sie benutzt dafür das Beispiel eines Autos, das andauernd dieselbe Strecke fährt und immer dieselben Spuren in der Erde hinterlässt.

Irgendwann werden diese Spuren so tief, dass das Auto nur noch diese Strecke fahren kann, ob der Fahrer will oder nicht. Die Therapie ist dabei wie der Regen, der die Furchen in der Erde wieder aufweicht, den Boden wieder locker und nicht so eingefahren werden lässt, damit der Autofahrer wieder eine Wahl haben kann, welche Strecke er nimmt.

Hilfe Es gibt zu diesem Thema eine schöne Geschichte, die Rebbetzin Feige Twerski in ihrem 2009 auf aish.com erschienenen Artikel »Coping with what’s eating you« (»Fertigwerden mit dem, was an uns nagt«) erwähnt.

Die Geschichte handelt von einem kleinen Jungen, der beim Spielen im Garten versucht, einen großen Stein von seinem Platz zu bewegen. Er schiebt und schiebt, doch vergeblich. Der Stein rührt sich nicht. Frustriert wendet er sich an seinen Vater, der, anstatt Mitgefühl zu zeigen, seinen Sohn ermahnt: »Du setzt nicht deine ganze Kraft ein.«

Der Junge wendet sich noch einmal dem Stein zu, schiebt und zieht, schnauft und prustet, aber wieder ohne Erfolg. Zu seiner Überraschung hört er, wie sein Vater ihn tadelt: »Aber mein Sohn, du setzt immer noch nicht deine ganze Kraft ein.« Erschöpft und müde schreit der Junge seinen Vater an: »Wie kannst du das sagen? Ich habe mein Bestes gegeben!« »Nein, das hast du nicht«, antwortet sein Vater, »du hast mich nicht gebeten, dir zu helfen.«

Die Herausforderungen des Lebens zu bewältigen, sagt Rebbetzin Twerski, »liegt in der Hand derjenigen, die (…) sich rechtzeitig Hilfe holen und dadurch zu ihrer vollen Kraft zurückfinden«.

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