Neulich beim Kiddusch

Geteert und gefedert

Sie duftet nach Erdbeeren, spielt auf Knopfdruck ein Geburtstagsständchen und ist mit etwa drei Kilo Glitzerpuder bestäubt: die Es-geht-nicht-kitschiger-Einladung zum Kiddusch von Vero, unserer unerträglichen Bekannten. Ihre verzogenen Zwillinge werden vier Jahre alt. »Mama und Papa geben ein kleines Fest für uns«, säuselt die Einladungskarte in zuckersüßer rosa Schrift. »Am Schabbat um 13 Uhr im kleinen Salon des Palais Auersperg«, hier höre ich auf zu lesen, weil mich ein Würgeanfall übermannt. Ab in die Tonne mit dem versnobten Ding! Mit spitzen Fingern reiche ich das parfümierte Billet an meinen Mann weiter. »Das kannst du nicht bringen«, sagt Alain. »Das ist ungefähr die zehnte Einladung, die du in den letzten Jahren abgesagt hast. Vero ist eine gute Bekannte von mir, sie wird glauben, du gehst ihr aus dem Weg.«

»Aber ich will Veronique ja aus dem Weg gehen! Ich kann sie nicht ausstehen! Sie nervt! Sie ist eine aufdringliche neureiche Quasselstrippe mit einem richtig miesen Geschmack, und sie hängt an mir wie eine Klette! Ich will da nicht hin!«

schwitzende hände Fieberhaft sinne ich tagelang nach einer Ausrede. Mumps, Masern, Hautausschlag, kranke Erbtante – diese Ausreden habe ich alle schon aufgebraucht. Am Freitag kommt mir endlich die rettende Idee. Ich wähle Veroniques Nummer, mit schwitzenden Händen umklammere ich den Telefonhörer und lasse eine Nachricht auf ihrem AB: »Hallo Vero, ich ... wir ... – also, Alain und ich haben uns getrennt. Ja. Ehm, es geht mir sehr schlecht, also, ich kann leider nicht zu deinem Fest kommen. Bis bald, deine Margie.«

Uff. Einfach, aber genial und wirkungsvoll. Das müsste reichen, um mir Vero und ihre unsäglichen Partys für die nächsten zehn Jahre vom Leibe zu halten. Und schon habe ich die unerträgliche Vero und ihr Fest wieder vergessen. Schließlich ist Freitag, und ich bin im Megastress. Hopp, hopp, schnell noch was kochen, shoppen und Sachen zur Reini- gung. Völlig außer Atem erreiche ich wenige Stunden später Emmas Schule und ergattere siegreich einen fantastischen Parkplatz.

Vor dem Schultor wie üblich ein Kreis schnatternder Mütter. Ich kann es kaum erwarten, wie üblich die neuesten Plotkes abzugreifen. Aber als die Mamis meiner gewahr werden, breitet sich peinliche Stille aus. »Hallo Mädels«, schmettere ich betont heiter. »Alles klar? Unterbreche ich da gerade was wichtiges?« Scheint so. Unter gemurmelten Entschuldigungen stieben alle auseinander, als wäre ich der Fuchs auf dem Hühnerhof.

Sieht so aus, als hätte Veronique wieder mal ihrem Ruf als Number-one-Plotkes-Umverteilerin alle Ehre gemacht, und das in einer absoluten Rekordzeit. Darauf war ich nicht vorbereitet. Meine Laune sinkt unter den Gefrierpunkt.

schrecklich Zu Hause begrüßt mich bereits das nervöse Gepiepse des Anrufbeantworters. 22 Nachrichten, blinkt die Anzeige. Ich drücke auf PLAY. »Hallooo, Alain, hier ist Vero«, flötet der Anrufbeantworter, »lieber Alain, du und die Kinder seid natürlich trotzdem herzlich eingeladen. Tut mir leid, dass ihr nicht mehr zusammen seid, aber naja, das habe ich schon seit Jahren kommen sehen. Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende. Übrigens wollte ich dir da jemanden vorstellen.«

Kochend vor Wut drücke ich den Vorspulknopf. »Hier ist Mama, mein Liebstes.« Meine Mutter, sie klingt, als ob sie sich bereits durch einen 10er-Pack Kleenex geheult hat. »Ach, wie ist das furchtbar! Es ist alles meine Schuld.« Ich überspule den Rest der Jeremiade. Als Nächstes geben meine Cousine, meine drei besten Freundinnen und meine Schwiegermutter ihren Senf dazu. Und schließlich Alains bester Freud Serge: »Hallo, ich bin’s, Margalit! Offiziell rede ich zwar nicht mehr mit dir, aber Gisele will ihre «Sex and the City»-DVDs zurückhaben! Wirf sie bitte in unseren Briefkasten. Danke.« Pieps! Ende der Nachricht. Ich fange an zu schniefen. So fühlt es sich also an, allein zu sein, ausgestoßen, gebrandmarkt, geteert und gefedert.

Da klingelt es. Ich schleppe mich zur Tür und öffne. Schlimmer kann es nicht mehr kommen. Die Tür geht auf, der Rahmen wird ausgefüllt von einem wogenden Koloss von Blumenstrauß, hinter dem Alains rot geheultes Gesicht hervorlugt. »Liebling!« Schluchzend bricht er auf dem Türvorleger zusammen. »Ich hatte keine Ahnung. Verzeih mir, für was auch immer, komm zu mir zurück!«

Ich tätschele beruhigend Alains Hand und kläre ihn vorsichtig über meine hirnrissig blöde Idee auf. Er ist stinksauer. Als Strafe muss ich für den Rest des Jahres sein Fußballknecht sein, ihn zu jedem lausigen Match des FC Anderlecht begleiten und seine Fußballkumpels zu Hause vor dem Fernseher mit Dosenbier und hausgemachten Fritten bewirten. Außerdem habe ich unbegrenzte Hausaufgaben- und Spülmaschinen-Duty bis zum Jahr 2011. Und zu Veros Party muss ich trotzdem mit. Weil wir ja allen zeigen müssen, dass wir »wieder zusammen sind«.

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