Dialog

Gespräche auf dem Weg vom Flughafen

70 Gespräche mit dem illustren Fahrgast sind nun zu lesen. Foto: PR

Dialog

Gespräche auf dem Weg vom Flughafen

Ein Schüler des Rabbiners Joseph B. Soloveitchik war jahrelang dessen Chauffeur – und hat ein Buch darüber geschrieben

von Yizhak Ahren  24.06.2021 11:14 Uhr

Rabbiner Joseph Ber Soloveitchik (1903–1993) war einer der bekanntesten und einflussreichsten Toralehrer des 20. Jahrhunderts. Von 1941 bis 1986 lehrte er Talmud am Rabbi Yizhak Elchanan Theological Seminary, das mit der New Yorker Yeshiva University verbunden ist. Mehr als 2000 Rabbiner hat er ausgebildet!

»Der Rav« – diesen schlichten Ehrentitel wählten seine Anhänger für ihn – war als scharfsinniger Tora-Ausleger bekannt und auch als hervorragender Redner, der selbst komplizierte halachische und philosophische Fragen scheinbar mühelos verständlich machen konnte. Kein Wunder, dass Entscheidungsbefugte diesen Gelehrten 1960 im Amt des aschkenasischen Oberrabbiners von Israel sehen wollten; der Rav aber winkte ab.

Amerika Warum Rav Soloveitchik die ehrenvolle Position nicht haben wollte und es vorzog, in Amerika zu bleiben, ist eine der vielen Fragen, die sein Schüler Aaron Adler, der heute als Gemeinderabbiner in Jerusalem wirkt, in seinem Buch behandelt. Adler durfte seinen Lehrer, der in Boston wohnte und jeden Dienstag nach New York flog, in den Jahren 1974 bis 1977 vom Flughafen LaGuardia zur Universität fahren. Ungefähr 20 Minuten dauerte die Fahrt, und der junge Chauffeur hat diese Zeit zu Gesprächen mit dem Rav genutzt.

Seine Aufzeichnungen der Dialoge im Auto hat Adler nicht chronologisch in Form eines Tagebuchs veröffentlicht; vielmehr hat er 70 Gespräche mit dem illustren Fahrgast nach Themen geordnet. Für fünf Sachgebiete hat der Autor sich entschieden: Halachische Entscheidungen und Erörterungen; Tora-Unterricht; Israel und das jüdische Volk; Integrität und Einfühlsamkeit; persönliche Beziehungen.

Wohltätigkeit Der Leser erfährt Erstaunliches über die Großzügigkeit des Meisters. Jemand hatte Adler erzählt, der Rav habe 60 Prozent seines Einkommens für wohltätige Zwecke (Zedaka) weggegeben. Im Talmudtraktat Ketuwot (50a) ist jedoch eine Obergrenze von 20 Prozent für Zedaka genannt. Der Chauffeur fragte den Rav, ob das Gerücht wahr sei. Anstatt die Frage zu ignorieren oder dem neugierigen Fahrer barsch zu sagen, diese Angelegenheit gehe ihn wohl nichts an, gab der Rav zunächst eine humorvolle Antwort. Er zitierte einen Bibelvers: »Denn es gibt keinen gerechten Menschen im Land, der immerdar das Gute übte und niemals sündigte« (Kohelet 7,20) und fügte hinzu: »Ich wollte König Salomon nicht als einen Lügner erscheinen lassen.«

Danach aber erklärte der Rav den Grund seines ungewöhnlichen Verhaltens: Da er nur wenige finanzielle Verpflichtungen habe, betrachte er es als seine Aufgabe, Menschen in Not nach seinen Möglichkeiten zu helfen.
Auf einem der Bilder in dem Buch sieht man Rav Soloveitchik in einer historischen Situation: Er gab die allererste Talmudstunde, als in den 70er-Jahren ein Lehrhaus am Stern College für Frauen eingerichtet wurde. Durch sein Mitwirken hat er dieses feministische Projekt wesentlich gefördert.

In diesem Zusammenhang überliefert der Verfasser einen Kommentar von Rav Soloveitchik zu einer talmudischen Erzählung im Traktat Nidda (30b), nach der einem ungeborenen Kind die ganze Tora beigebracht werde. Der Rav bemerkte, im Mutterleib würden Mädchen mit der Tora nicht weniger vertraut gemacht als Knaben.

Vorträge Im Laufe der Jahre hat der Rav enorm viele Lehrvorträge gehalten. Adler hat seinen erfahrenen Lehrer deshalb einmal nach einem Rezept für einen guten Schiur gefragt: Welche Ingredienzen sind zu verwenden? Der Meister antwortete, ohne zu zögern: 70 Prozent Sachliches und 30 Prozent Unterhaltung! Die zu besprechende Materie muss also im Mittelpunkt bleiben, aber es ist durchaus angebracht und sinnvoll, den mitunter spröden Stoff mit einer humorvollen Bemerkung aufzulockern.

Die Literatur über Rav Soloveitchik füllt bereits mehrere Bücherregale, und Ethan Eisenberg hat einen abendfüllenden Dokumentarfilm über den Rav produziert: »Lonely Man of Faith. The Life and Legacy of Rabbi Joseph B. Soloveitchik«. Rabbiner Adlers leserfreundlich aufgemachtes Buch ergänzt unser Wissen über den »Rambam unserer Generation«, wie ihn der Talner Rebbe einmal genannt hat, auf eine sehr lebensnahe Weise.

Aaron Adler: »Seventy Conversations in Transit with HaGaon HaRav Joseph B. Soloveitchik«, Urim Publications, Jerusalem 2021, 179 S., 24,95 $

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