Judentum

Gemeinschaft bauen

Willkommen in der Hütte: Sukka der Synagoge Fraenkelufer in Berlin Foto: Gregor Zielke

Losing my religion»: Als ich vor wenigen Tagen von der aktuellen Umfrage des PEW Research Center aus den USA las, kam mir der Song der amerikanischen Rockband R.E.M. in den Sinn. Die Studie untersuchte, wie Menschen ihren Glauben leben – wenn sie denn einen haben.

4700 Befragte wurden repräsentativ ausgewählt und in Kategorien eingeteilt, von denen ich zuvor noch nie etwas gehört hatte. Oder kennen Sie den Begriff «relaxed religious»? Ich würde mich häufig als «relaxed» und immer als «religiös» bezeichnen. Aber ich glaube, ich komme vom Thema ab.

erkenntnis Denn worum es mir wirklich geht, ist eine schockierende Erkenntnis der Studie: 45 Prozent der «Jewish Americans» können oder wollen sich nicht mit der sogenannten organisierten Religion identifizieren. Sie sind entweder «solidly secular» (28 Prozent) oder «religion resisters» (17 Prozent), sie glauben entweder an gar keine höhere Macht oder zumindest an irgendeine spirituelle Kraft, New Age und Ähnliches. Viele von ihnen sind der Auffassung, dass Religionsgruppen einen zu großen Einfluss auf die Politik haben und der Gesellschaft eher schaden als nutzen.

Die Zahlen sind neu, die Entwicklung nicht. Schon 2013 hat das Pew Research Center ein «Porträt» des jüdischen Amerika veröffentlicht. Damals gaben 22 Prozent der befragten Juden an, keine Religion zu haben. Ein Großteil (62 Prozent) meinte, für sie sei Jüdischsein eher etwas, das mit Herkunft oder Kultur zu tun hat, nicht mit Religion. Zwei Drittel der «Juden ohne Religion» wollten ihren Kindern auch keine jüdische Erziehung bieten.

Säkularismus hat eine lange Tradition im jüdischen Leben Amerikas, ja, in westlichen Gesellschaften allgemein ist dieser Trend zu beobachten. Viele meinen, Religion und Moderne passen nicht zusammen. Wissenschaftler sprechen von einer «Säkularisierungstheorie», die eine gewisse Zwangsläufigkeit in dieser Entwicklung sieht.

tendenz Diese Tendenz beobachtet auch Großbritanniens ehemaliger Oberrabbiner Jonathan Sacks, der darauf hinweist, dass jede Aufgabe, die früher ein selbstverständlicher Bestandteil der Religion war, heute auch von anderer Stelle erledigt werden kann: Soziales, Bildung, Freizeit. Immer mehr Menschen suchen Erlösung heute nicht in Bethäusern, sondern im Shopping-Center.

Dennoch, so betont Sacks, brauchen wir Religion, damals wie heute. Weil nur Religion die Antworten auf die Fragen geben kann, die sich jeder selbstreflektierende Mensch stellen sollte: Wer bin ich? Warum bin ich hier? Wie sollte ich leben? Der Homo sapiens, so Sacks, ist nicht nur ein denkendes, sondern auch ein sinnsuchendes Wesen. Und dabei könne nicht die Wissenschaft oder Technologie, nicht der demokratische Staat oder die «Global Economy» Antworten geben – sondern nur die Religion.

Wissenschaft zum Beispiel könne nur erläutern, wie etwas geschieht, Religion hingegen erkläre, warum es geschieht.
Was also tun wir – gerade jetzt, in der Zeit der Hohen Feiertage – mit der Erkenntnis, dass Juden ihre Religion verlieren? SOS! Eine Initiative in den USA übersetzt den Notruf «SOS» mit «Share One Shabbat». Sie lädt jüdische Gäste zum Schabbatessen ein, will ihnen damit die Schönheit unserer Tradition wieder näherbringen. Und das Projekt «Shabbat Olami» trägt die Idee um die ganze Welt.

sukka Eine schöne Initiative. Das Laubhüttenfest steht bevor. Es ist Tradition, an diesen Tagen Gäste in die Sukka einzuladen. Erinnern wir uns daran. Öffnen wir unsere Türen, auch nach den Feiertagen. Heißen wir Fremde in den Synagogen willkommen, reichen wir ihnen Kippot, seien wir ihnen mit dem Siddur und beim Gebet behilflich.

Nur eine Geste? Nein, meint zum Beispiel Jane Eisner vom amerikanischen «Forward». Sie weist darauf hin, dass 94 Prozent der Befragten angaben, dass sie weiterhin sehr oder zumindest ein wenig stolz sind, Jude zu sein. Die «Juden ohne Religion» sind und bleiben Juden. Der größte Teil schließt sich keiner anderen Religionsgemeinschaft an. Zumindest gilt das für die Mehrheit. Dass sich Kinder von der religiösen Orientierung und Bindung ihrer Eltern lossagen, ist nicht neu. Diese Erfahrung mussten auch schon unsere biblischen Stammväter Abraham und Jizchak machen.

Dennoch müssen wir alles daransetzen, auch und gerade der jüngeren Generation entsprechende Angebote zu unterbreiten. Gerade bei ihr macht sich der Trend zur Individualisierung bemerkbar. Doch Judentum kann nicht in der Individualität gelebt werden. Das merken wir spätestens, wenn wir Kaddisch sagen. Wir brauchen einen Minjan.

einsamkeit In diesem Sinne ist unser Glaube auch die Rettung aus der Einsamkeit, die für immer mehr Menschen zum Problem wird. Denn Glaube, so Sacks, heiligt Partnerschaften, baut Gemeinschaft, wendet unseren Blick nach draußen, von uns selbst zum anderen.

Menschen suchen nach einem Sinn im Leben und sehnen sich nach Gemeinschaft. Wir sollten alles dafür tun, hier etwas anzubieten. Dieses Angebot muss attraktiv sein. Nicht im Sinne einer Entfernung, sondern einer Stärkung von Tradition. Und so sollte auch im neuen Jahr 5779 unser Lied nicht den Titel «Losing my religion», sondern «Living my religion» tragen.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main.

Schelach Lecha

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