Workshop

»Gemeinsam Hass und Extremismus bekämpfen«

Beim Workshop: Rabbiner Pinchas Goldschmidt (hinten) mit Teilnehmern Foto: Rolf Walter/xpress.berlin

Workshop

»Gemeinsam Hass und Extremismus bekämpfen«

Die Europäische Rabbinerkonferenz diskutierte über Religion und Sicherheit

von Jérôme Lombard  23.01.2020 12:19 Uhr

»Damit unsere Kinder auch weiterhin in Sicherheit und Frieden in Europa aufwachsen können, müssen die religiösen Gemeinschaften und die Gesamtgesellschaft zusammenarbeiten und gemeinsam Hass und Extremismus bekämpfen«, sagte Pinchas Goldschmidt, Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz (CER) und Oberrabbiner von Moskau, am vergangenen Donnerstag in Berlin.

Bei einem Workshop zum Thema Religion und Sicherheit, der von der CER in Kooperation mit der Interreligiösen Allianz für sichere Gemeinschaften (Interfaith Alliance for Safer Communities) in Berlin-Mitte organisiert wurde, kamen Politiker, führende Vertreter verschiedener Religionsgemeinschaften und Wissenschaftler zum Austausch zusammen.

politisierung Leitthema war die Rolle der Religionen in den heutigen Gesellschaften Europas und des Nahen Ostens. Im Zentrum stand dabei die Frage, wie und von wem Religionen politisiert beziehungsweise ins­trumentalisiert werden und wie religiöse Gemeinschaften gegen Radikalisierungstendenzen in ihren eigenen Reihen vorgehen können. »Die Politik hat die Religion lange Zeit ignoriert und den Gemeinschaften zu wenig Beachtung geschenkt«, kons­tatierte Rabbiner Goldschmidt.

Dies sei falsch, nicht nur, weil einzelne Religionsgemeinschaften anfällig seien für extremistische Tendenzen, sondern auch, weil die Communitys als Partner im Kampf gegen ebendiese fungieren müssten. »Religion ist für viele Menschen Hoffnung, und als solche kann sie auch Teil der Lösung für ein friedliches Miteinander sein«, sagte Goldschmidt.

Durch den kooperativen Ansatz soll der  Brückenschlag zwischen Religionen, der Politik und Nichtregierungsorganisationen gelingen.

Der Workshop in Berlin knüpfte an eine CER-Konferenz zum Thema Religion und Hassverbrechen in Moskau im August 2019 an. Ziel des Veranstaltungsformats im kleinen Kreis ist es, durch den intensiven Austausch religiöse Führungspersönlichkeiten aus jüdischen, muslimischen und christlichen Gemeinden zu befähigen, für die Sicherheit der Religionsgemeinschaften zu arbeiten und Herausforderungen wie Extremismus, Radikalisierung und Terrorismus aktiv anzugehen.

Durch den kooperativen Ansatz soll der gemeinsame Brückenschlag zwischen Religionen, Nichtregierungsorganisationen und der Politik in den verschiedenen Handlungsfeldern gelingen.

Zum Einstieg in die Diskussion in Berlin referierte Peter Neumann, Politikwissenschaftler am Londoner King’s College, zu den Begriffen Terrorismus und Hasskriminalität. »In der öffentlichen Diskussion wird Terrorismus meistens als ein Gewaltakt bezeichnet, der im Namen einer bestimmten Organisation aus einer bestimmten Ideologie heraus ganz gezielt durchgeführt wird, während Hasskriminalität eher als spontaner Ausbruch von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit gesehen wird«, analysierte Neumann. In der Realität seien diese Grenzen hingegen nicht eindeutig zu ziehen.

Terror »Wenn der mit starken Emotionen konnotierte Begriff ›Terror‹ vor allem auf Anschläge mit islamistischem Bezug angewandt wird, werden andere Formen des Terrorismus, wie zum Beispiel von Rechtsextremen, verharmlost«, so Neumann. Ein Verbrechen aus Hass müsse nicht immer Ausdruck rein physischer Gewalt sein.

»Wenn jemand wegen seiner Kippa auf der Straße verbal beleidigt wird, ist das auch eine Straftat, die aus Hass begangen wurde«, erklärte der Wissenschaftler. Die Politik müsste sich des Problems viel stärker annehmen. »Hasskriminalität ist Gift für die Gesellschaft, da sie im Endeffekt tödlich ist.«

Auch Viola van Melis bescheinigte der Politik in Deutschland Handlungsbedarf. »Die politischen Parteien ignorieren das Thema Religion weitestgehend, da es unbequem erscheint«, sagte die Leiterin des Zentrums für Wissenschaftskommunikation des Exzellenzclusters »Religion und Politik« der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Durch das Nichtthematisieren von Religionsfragen würde man das Feld den Populisten überlassen, kritisierte van Melis. »Die Politik hat die Partnerschaft mit den Religionsgemeinden jenseits der großen Kirchen in Deutschland verschlafen«, konstatierte die Wissenschaftlerin.

Stephan Kramer, Präsident des Amtes für Verfassungsschutz Thüringen, betonte: »Die Religion ist für viele Menschen ein Navigationssystem, das ihnen Halt gibt und stabilisierend wirkt.« So bedeute der Islam nicht automatisch Radikalisierung und Extremismus. »Nicht der Islam als Religion ist gefährlich, sondern einzelne Gruppierungen, die sich auf ihn berufen.«

Für seine Arbeit als Verfassungsschützer sei die Zusammenarbeit mit den Gemeinden und religiösen Führern entscheidend. »Wir brauchen Communitys, die kooperieren und sich integrieren wollen, wir brauchen aber auch eine politische Kultur, die den Gemeinden ihrerseits die Hand reicht«, so Kramer.

München/Jerusalem

Rabbinerkonferenz weist Kritik an deutschen Yad-Vashem-Standorten zurück

Die geplanten Außenstellen von Yad Vashem in Deutschland stoßen auch auf Skepsis. Doch die Orthodoxe Rabbinerkonferenz warnt davor, die Arbeit der Gedenkstätte zum Gegenstand politischer Abrechnungen zu machen

 31.05.2026

Bonn

»Es ist ein Bruch eingetreten.«

Rabbiner Andreas Nachama betonte, dass Jüdinnen und Juden immer weiter in eine »Defensivposition« gebracht würden. Eine Studientagung des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit lotete aus, wie es anders gehen könnte

von Leticia Witte  31.05.2026

Antwerpen

Belgien: Empörung über Anklage gegen jüdische Beschneider

Wegen Anklagen gegen zwei jüdische Beschneider kritisieren jüdische Vertreter die belgischen Behörden scharf. Die European Jewish Association wirft der Staatsanwaltschaft vor, die Religionsfreiheit zu verletzen - Belgien weist dies zurück

von Marlene Brey  27.05.2026

Nasso

Raum für die g’ttliche Präsenz

Warum das Lesen dieses Wochenabschnitts beim Finden eines Ehepartners hilfreich sein soll

von Vyacheslav Dobrovych  24.05.2026

Essay

Erinnerungen an Schawuot in Be’eri

Unsere Autorin ist in dem Kibbuz aufgewachsen, der durch das Massaker traurige Bekanntheit erlangte. Eines der prägendsten Feste ihrer Kindheit war das Wochenfest – wird jene Freude je wieder zurückkehren?

von Eshkar Eldan Cohen  21.05.2026

Schawuot 2

Mit offener Hand

Das Gebot des Zehnten ist weit mehr als eine soziale Maßnahme. Es ist eine geistige Übung

von Rabbiner Joel Berger  21.05.2026

Jerusalem

Auf den Spuren der Pilger

Seit Januar kann man auf jener Straße gehen, auf der zu Schawuot einst Juden ihre Früchte zum Tempel brachten. Die Ausgrabungen bekräftigen religiöse Überzeugungen – und entfachen politische Konflikte

von Detlef David Kauschke  21.05.2026

Schawuot

Sei wie ein kleiner Berg

Der Ewige wählte nicht den höchsten Gipfel der Wüste Sinai für die Offenbarung der Tora. Dahinter steckt eine Botschaft

von Rabbiner Avraham Radbil  21.05.2026

Religionen

Rabbiner: Juden, Christen und Muslime können einander stärken

Der Nahostkrieg hat auch Auswirkungen auf Gesellschaften in Europa und den USA. Ein niederländischer Rabbiner schreibt, was Juden, Christen und Muslime dennoch einander bedeuten können - und welche Werte sie teilen

von Leticia Witte  21.05.2026