Kirche

Gefahr für den Dialog?

Das jüngste Traktat von Benedikt XVI. zum katholischen Verständnis des Judentums wird heftig kritisiert. Eine Einordnung aus rabbinischer Sicht

von Rabbiner Arie Folger  16.07.2018 21:05 Uhr

Papst Benedikt XVI. und Oberrabbiner Riccardo Di Segni besuchen im Januar 2010 gemeinsam Roms Hauptsynagoge. Foto: Reuters

Das jüngste Traktat von Benedikt XVI. zum katholischen Verständnis des Judentums wird heftig kritisiert. Eine Einordnung aus rabbinischer Sicht

von Rabbiner Arie Folger  16.07.2018 21:05 Uhr

Als sich am 26. Oktober vergan­genen Jahres jüdische und katholische Vertreter in Wien versammelten, um die festli­che Übergabe der deutschen Fassung der rabbinischen Deklaration »Zwischen Jerusalem und Rom« zu feiern, trocknete die Tinte der letzten Zeilen einer Schrift des emeritierten Papstes Benedikt XVI. Diese erschien jetzt in der theologischen Zeitschrift »Communio« – und macht Schlagzeilen.

In der öffentlichen Diskussion heißt es, der Text wirke gegen den Geist der mittlerweile mehr als 50 Jahre alten Erklärung Nostra Aetate, stelle womöglich eine Gefahr für den katholisch‐jüdischen Dialog dar, baue sogar am Fundament für einen neuen Antisemitismus auf christlicher Grundlage. Stimmt das?

heilsanspruch Für den jesuitischen Theologen Christian Rutishauser ist der Text in vielerlei Hinsicht enttäuschend. Er schieße über das Ziel hinaus, wenn er beabsichtige, »den universalen Heilsanspruch Christi angesichts von Relativismus zu verteidigen«, schreibt Rutishauser in der »Neuen Züricher Zeitung«. Nur mit einer viel positiveren Haltung zum lebendigen Judentum »können Juden und Christen in wertschätzender Beziehung leben und aufeinander aus dem Glauben hören«, so Rutishauser.

Lese ich den umstrittenen Text, empfinde ich ihn ganz anders: Ich sehe einen Text, der von einem bedeutenden, konservativen katholischen Theologen für den internen Gebrauch des Vatikans geschrieben wurde und daher nicht an Maßstäben des öffentlichen und interreligiösen Diskurses gemessen werden sollte.

Deklaration Und obwohl Benedikt unsere Deklaration nicht erwähnt, ist es ziemlich selbstverständlich, dass sie in seinen Überlegungen eine bedeutende Rolle gespielt hat. Er vollendete seine Schrift lediglich acht Wochen nach unserem Besuch im Vatikan und der Übergabe des offiziellen Textes an seinen Nachfolger Franziskus I.

Was steht in dem päpstlichen Text? Benedikt setzt sich mit den zwei großen Thesen der Schrift »Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt« auseinander, die 2015 von der Vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum herausgegeben wurde. Zu zwei Thesen bezieht Benedikt Stellung: erstens, dass sich die Kirche nun nicht mehr als das neue Israel versteht, das an der Stelle des (so jene mittlerweile im Vatikan überholten These) nun verstoßenen Israel auserwählt wird, also die sogenannte Substitutionstheorie; zweitens, dass die Kirche sich nun dazu bekennt, dass G’ttes Bund mit dem Volk Israel ewig und unwiderruflich ist.

Thesen Für Benedikt müssen die zwei Thesen vertieft und besser präzisiert werden, damit sie aus christlicher Sicht sinnvoll erscheinen. Zur Substitutionstheorie schlägt Benedikt vor, sie habe nie existiert. Er sieht in verschiedenen neutestamentli­chen Quellen eine Bestätigung dafür, dass es Juden als separate Gemeinschaft bis zum Ende der Zeiten geben wird. Sie nehmen in der christlichen Theologie ei­ne besondere Stellung ein, insbesondere sind sie Wächter der Hebräischen Bibel, die Christen weiterhin als das Wort G’ttes sehen und der sie verpflichtet sind.

Insofern Juden und Christen die Tora unterschiedlich auslegen und ihre Gesetze anders leben, ist das auf andere Lesarten und Theologien zurückzuführen, aber beide sehen sich an den Text gebunden. Da die Kirche Benedikts noch nie eine Substitutionstheorie akzeptiert hat, kann man nur von Substitution in einzelnen Bereichen sprechen: beispielsweise, dass Christen glauben, nach der Zerstörung des Tempels und der Kreuzigung Jesu bekämen die Opfergesetze einen neuen, für Christen höheren Sinn und würden entsprechend spirituell ausgelebt. Diese Neuinterpretation ist für Juden weder akzeptabel oder sinnvoll, noch entspricht sie der Halacha.

revisionismus Die These Benedikts, dass die Substitutionstheorie nie Teil der kirchlichen Lehre war, ist ein ahistorischer Revisionismus, der das reale Leid ignoriert, das wegen der Doktrin von »Verus Israel« Juden jahrhundertelang angetan wurde. Trotz aller philosophischen Bemühungen Benedikts ist die Skulptur der Synagoga an der Fassade des Straßburger Münsters noch immer die einer armseligen blinden Frau, während Ecclesia gegenüber strahlt. Auch die »Judensäue« deutscher Kathedralen sind nicht plötzlich verschwunden.

Die zweite These, die Benedikt zu präzisieren vermag, besagt, dass die Kirche sich dazu bekennt, G’ttes Bund mit dem Volk Israel sei ewig und unwiderruflich, und ist für den christlich‐jüdischen Dialog besonders wichtig. Auf sie berief sich die Va­tikanische Kommission in ihrer Erklärung, dass »die katholische Kirche keine spezifische, auf Juden gerichtete, institu­tionelle Missionsarbeit kennt und unterstützt«.

Für Benedikt ist diese zweite These »als richtig anzusehen, aber im Einzelnen doch noch vieler Präzisierungen und Vertiefungen bedürftig«. Es lässt sich erahnen, dass seiner Meinung nach auch Juden nur dank Jesu zum Seelenheil gelangen können.

Erwartung Daran stören sich verschiedene Kommentatoren sehr, was für mich nicht nachvollziehbar ist. Was erwarten wir von einem Papst? Erwarten wir Juden tatsächlich, dass die Kirche das Judentum als legitimen Umweg um die kirchliche Lehre herum akzeptieren muss?

Wir brauchen die Bestätigung der Kirche nicht, um an die Wahrheit des Judentums zu glauben. Dafür dürfen wir auf unsere Vorfahren vertrauen, die uns in einer ununterbrochenen Kette vom Sinai bis zum heutigen Tag die Tora und ihre gültige Interpretationsart vermittelt haben. Weder sind wir darauf angewiesen, dass uns die Kirche das Seelenheil zuspricht, noch hat die Kirche Anspruch darauf, zu verlangen, dass wir ihren Weg legitimieren und ihr das Seelenheil zusprechen. Wir sind zwei unterschiedliche, selbstständige Konfessionen. Und trotzdem bekennen wir uns zur Brüderlichkeit miteinander. Unsere interreligiöse Arbeit vertuscht unsere Differenzen nicht, sondern wir wollen trotz grundlegender Differenzen zusammenarbeiten.

Ein wichtiges Prinzip des interreligiösen Dialogs ist eben, dass wir die jeweilige Selbstständigkeit der Konfessionen gegenseitig anerkennen und ihre jeweiligen Grenzen respektieren.

Bund Es gibt zwar christliche Theologen, sowohl katholische als auch evangelische, die einen dualen Bund sehen wollen, nach dem G’tt zwei separate Bünde geschlossen hat. Den einen mit dem jüdischen Volk, das – ohne Glaube an Jesus und ohne Neues Testament – mit der vollständigen Einhaltung der Halacha zum Seelenheil gelangt. Der andere Bund wurde danach mit Christen geschlossen, der durch die Person und Lehre von Jesus vermittelt wird. Diese Auffassung ist aber nicht Mainstream.

Man bemerke, dass auch in den judenfreundlichsten Zeilen des Vatikans immer nur vom Bund Abrahams und nie vom Bund Mose oder vom Bund am Sinai die Rede ist. Dass G’tt bis heute den Abraham‐Bund unsubstituiert lassen soll, finden viele Christen nachvollziehbar, schließlich können sie einen Bund trotz der Verwerfung des Glaubens an Jesus damit begründen, dass wir mit ihm verwandt sind, und Blut ist ja bekanntlich dicker als Wasser. Mit einem alternativen Bund am Sinai hätten viele Christen erhebliche theologische Probleme, nicht zuletzt, weil Kernlehren des Christentums halachisch nicht akzeptabel sind.

kommission Auch die Vatikanische Kommission tut sich schwer, den ungekündigten Abraham‐Bund zu verstehen, nannte sie das doch 2015 »ein abgrundtiefes Geheimnis Gottes«. Benedikt versucht lediglich, dieses Geheimnis im vatikanischen Denken aufzuklären.

Benedikts Vorschlag, dass Christen Juden belehren sollen, wie die relevanten Stellen in der Hebräischen Bibel christologisch zu verstehen sind, ist jedoch sehr problematisch. Weist er damit die Selbstverpflichtung der Päpstlichen Kommissi­on zurück, keine Judenmission mehr zu betreiben? Jahrhundertelang wurden Juden zwangsmissioniert. Nach so viel jüdischem Blut, das durch christliche Juden­feindschaft vergossen wurde, sollte Benedikt klar sein, dass es keine positive Einstellung zur Judenmission geben kann.

Ein drittes Thema in Benedikts Text verdient unsere Aufmerksamkeit: die Stellung der Kirche zum Zionismus. Benedikt gesteht, dass eine jüdische Rückkehr nach Zion theologisch unhaltbar war. Deshalb versuchte die Kirche jahrzehntelang, jegliche religiöse Deutung der Entstehung des Staates Israel zu ignorieren. Israel war für die Kirche ein Land wie alle anderen, und die Anerkennung dieses Staates begründete der Vatikan damit, dass auch Juden Anspruch auf eine Heimat hätten. Indirekt anerkennt Benedikt nun, dass dies eine schwer haltbare Position ist.

Aus seinen Worten, dass im jüdischen Staat »nicht die Verheißungen der Heiligen Schrift als solche als erfüllt angesehen werden könnte«, spricht, dass er sich bewusst ist, wie diese theologische Abwertung des Zionismus als unehrlich und unseriös erscheint. Ja, es ist Zeit, dass die Kirche einsieht, dass die Rückkehr nach Zion religiös bedeutend ist. Zwar streiten wir Juden intern darüber, welche religiöse Bedeutung der Zionismus hat, aber dass er Bedeutung hat, steht sogar für die antizionistischen Satmarer Chassidim fest.

Exil Die Schrift von Benedikt war, wie erwähnt, als internes vatikanisches Dokument gedacht. Daher ist der folgende letzte Punkt keine Kritik, aber dennoch eine wichtige Erwiderung: Benedikt versteht das jüngste und längste jüdische Exil – im Gegensatz zu allen anderen Hauptpunkten, zu denen er auch die jüdische Sicht erwähnt – ausschließlich aus christlicher Perspektive. Das lange Exil habe gezeigt, dass die Hoffnung auf das Kommen des Messias nach jüdischer Vorstellung und den Wiederaufbau Israels und des Tempels unrealistisch waren; ebenso sei die Landverheißung überholt. Nein, Papst emeritus Benedikt, so nehmen wir die Wirklichkeit überhaupt nicht wahr!

In »Zwischen Jerusalem und Rom« haben wir es so formuliert: »Als G’tt Abraham, Isaak und Jakob auserwählte, vertraute Er ihnen einen doppelten Auftrag an: die Gründung des Volkes Israel, das im heiligen, gelobten Land Israel eine vorbildliche Gesellschaft erben und errichten sollte, während es gleichzeitig als eine Quelle des Lichtes für die gesamte Menschheit dienen sollte. … Nach den finstersten Stunden seit der Zerstörung unseres Heiligen Tempels in Jerusalem, als sechs Millionen unserer Brüder grausam ermordet wurden und die Glut ihrer Gebeine im Schatten der Krematorien der Nazis schwelte, zeigte sich Gottes ewiger Bund erneut, als die Überlebenden des Volkes Israel ihre Kräfte sammelten und auf wunderbare Weise das jüdische Bewusstsein wieder zum Leben erweckten. In der Diaspora entstanden wieder Gemeinden, und viele Juden folgten dem Ruf, nach Eretz Yisrael zurückzukehren, wo ein souveräner jüdischer Staat entstand.« Das verstehen wir unter der Verheißung, ein Mamlechet Kohanim weGoj kadosch, ein Reich der Priester und ein heiliges Volk zu sein (2. Buch Moses 19,6).

Der Autor war Vorsitzender der internationalen Kommission, die die Erklärung »Zwischen Jerusalem und Rom« verfasste.

Rezension

Verteidiger der Religionsfreiheit

In seinen Reden wirbt Rabbiner Pinchas Goldschmidt für Toleranz und Dialog

von Yizhak Ahren  14.12.2018

Talmudisches

Rabbi Broka und die Spaßmacher

Wer für die künftige Welt bestimmt ist

von Noemi Berger  14.12.2018

Paraschat Wajigasch

Innere Umkehr

Weil Jehuda seine Schuld eingestand, wurde er zur Identifikationsfigur für die Kinder Israels

von Rabbiner Salomon Almekias-Siegl  14.12.2018