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Furcht vor der Freiheit

Orthodoxie heißt nicht Ignoranz: frommer Surfer am Flughafen Tel Aviv Foto: Flash 90

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Furcht vor der Freiheit

Immer mehr Ultraorthodoxe fordern, das Netz zu zensieren. Eine Widerrede

von Rabbiner Levi Brackman  09.07.2012 16:59 Uhr

Nachdem die jüdische Welt das Problem lange Zeit einfach ignoriert hat, scheint es ihr allmählich zu dämmern, dass wir in der Ära des Internets leben. Und man hat festgestellt, dass das World Wide Web und die damit verbundenen Technologien eine destruktive Wirkung haben können.

Das Internet bietet leichten Zugang zu Pornografie und Beziehungen, die dem Familienleben und den gemeinschaftlichen Werten schaden. Das gilt natürlich für alle Gemeinschaften, Gruppen und Menschen. Doch es gibt ein Element, das besonders für religiöse Gemeinschaften gefährlich ist: der leichte Zugang zu Ideen, die ihrem Glauben widersprechen.

Jetzt mehren sich die Stimmen in den ultraorthodoxen Gemeinden, das Problem endlich anzugehen und Wege zu suchen, wie mit dieser Realität umgegangen werden soll. Das Internet ist kein vorübergehendes Phänomen und kann nicht übergangen werden. Die Rede ist aber davon, dass es nur genutzt werden darf, wenn es der Zensur durch einen koscheren Filter unterworfen wird.

Häresie Der koschere Internet-Filter unterscheidet sich nicht von anderen bereits existierenden Filtern – er kann sowohl pornografische Websites als auch Chat-Anwendungen, Soziale Medienseiten (Social-Media-Sites), Blogs und so weiter sperren. Schwieriger wird es, wenn der Filter Websites blockieren soll, die von Gemeinden als häretisch angesehene Ideen enthalten.

Statistiken belegen, dass die große Mehrheit der Internetbenutzer keine Pornoseiten im Web besucht. Lediglich vier Prozent von einer Million Top-Websites beinhalten Pornografie. Obwohl es die Sucht nach Internet-Pornografie durchaus gibt und der Bedarf besteht, das Problem anzusprechen, betrifft es doch nur eine kleine Minderheit von Internetnutzern.

Zugang Für eine religiöse Gruppe ist der problemlose Zugang zu Informationen und Ideen viel problematischer. Jede Gemeinschaft oder Gesellschaft, die von ihren Mitgliedern verlangt, empirische Fakten zu ignorieren beziehungsweise, um einen Ausdruck von George Orwell zu verwenden, Doppeldenk anzuwenden, hat guten Grund, die Macht des Internets zu fürchten. Diktatoren überall im Nahen Osten haben diese Macht am eigenen Leib erfahren.

Die einzige Methode, mit der wir diese Frage lösen können, besteht darin, ehrlich zu sein. Ich behaupte, eine der fundamentalen Stärken des Judentums besteht darin, dass das Judentum von seinen Anhängern niemals fordert, blindlings zu glauben. Mit anderen Worten: Das Judentum verlangt von den Menschen nicht, das zu ignorieren, was sie als wahr ansehen, und stattdessen einem Dogma zu folgen. Ich bin der Überzeugung, dass nur nicht authentische jüdische Lehrer von ihren Anhängern verlangen, Tatsachen durch eine Doktrin zu ersetzen.

Wo das Judentum Irrwege beschreitet und unhaltbar geworden ist, wo es sich in einer ideologischen Ecke verbarrikadiert hat, stehen Glaubenssätze der Realität entgegen. Dass einige innerhalb der ultraorthodoxen Gemeinde die Tatsache leugnen, dass ein Mensch auf dem Mond war, ist ein besonders erschreckendes Beispiel dafür.

Zum Beweis zitieren sie einen Vers aus den Psalmen, in dem es heißt: »Der Himmel ist der Himmel des Herrn, die Erde aber gab Er Menschen« (Psalm 115,16). Sie interpretieren die Stelle so, dass Gott den Menschen niemals erlauben würde, auf dem Mond zu landen. Dies führte zu der absurden Situation, dass ein rätselhafter Vers aus dem Buch der Psalmen Vorrang vor beweisbaren Fakten bekam. Leider gibt es zahlreiche ähnliche Beispiele, die sich über die Jahrhunderte eingenistet haben.

Tatsachen Ich glaube, in seiner authentischen Form wird das Judentum von uns niemals diese Art von blindem Glauben verlangen. Wann immer die Heilige Schrift den empirischen Tatsachen zu widersprechen scheint, ging das traditionelle Judentum immer davon aus, dass wir die Verse nicht richtig zu lesen vermochten – nicht umgekehrt. Das Judentum unterscheidet klar zwischen dem, was wir wissen, und dem, was wir glauben.

Wenn die religiösen und rabbinischen Führer der vom Internet präsentierten Herausforderung wirksam begegnen wollen, müssen sie zunächst verstehen, dass die wahre Bedrohung nicht vom Internet kommt, sondern vom Wissen an sich. Und sie müssen anerkennen, dass kein Filter der Welt dieses Wissen jemals zu überwachen oder zu unterdrücken vermag.

Wege Stattdessen müssen sie den Ungereimtheiten zu Leibe rücken, die sich im Laufe der Zeit in unsere Religion eingeschlichen haben, und offen und ehrlich darüber sprechen. Ganz gleich, wie stark der Filter ist, es ist der Gipfel der Naivität, anzunehmen, Studenten von heute würden Dinge, die man ihnen erzählt, einfach akzeptieren, ohne die Fakten in Google nochmals zu checken.

Unsere religiösen Führer müssen ehrliche Antworten bereitstellen, die mit dem empirisch Beweisbaren übereinstimmen, statt von jungen Menschen zu fordern, blind zu glauben. Das Judentum selbst erwartet und fordert nichts weniger als das. Das Judentum hat unglaublich viel zu bieten, besonders heute und besonders für die Jugend. Es wäre eine echte Tragödie, wenn das Judentum als Ganzes in den Augen der Internet-Generation an Glaubwürdigkeit verlieren würde, nur weil es am Mut und am politischen Willen mangelt, die wahren Probleme anzupacken.

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors. www.levibrackman.com

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