Interview

Fünf Minuten mit

Rabbiner Pinchas Padwa Foto: Mike Minehan

Herr Rabbiner Padwa, Sie gehören neben Rabbiner Yaakov Schmahl und Rabbiner Yehuda Teichtal dem Beit Din in Berlin an. Was ist das Besondere an diesem Rabbinatsgericht?
Es ist meines Wissens das erste feste Beit Din in Berlin nach dem Krieg. Bisher mussten sich hier Juden bei Bedarf an ihren lokalen Rabbiner wenden, der dann ein reisendes Rabbinatsgericht organisiert hat, was für beide Seiten sicher nicht optimal ist. Insofern schließen wir nun eine Lücke, was längst überfällig war. Ein Beit Din, das für die Menschen jederzeit ansprechbar ist und sich regelmäßig am selben Ort trifft, ist unerlässlich für eine funktionierende jüdische Gemeinschaft.

Welche Aufgaben erfüllt das Beit Din?
Unsere Funktion ist vergleichbar mit der eines öffentlichen Gerichts, nur geht es bei uns um jüdische Belange. Wenn ein Ehepaar einen Get will, sich also scheiden lassen möchte, sind wir zuständig. Wenn Menschen zum Judentum übertreten wollen, sind wir ebenfalls Ansprechpartner. Falls erforderlich, fungieren wir auch als Schiedsrichter, beispielsweise in finanziellen Streitigkeiten. Wir stehen aber auch bei allgemeinen halachischen Fragen zur Verfügung wie etwa zur Kaschrut oder in Hinblick darauf, ob jemand jüdisch ist.

Wem steht das Rabbinatsgericht offen?
Wir sind für alle verschiedenen Strömungen im Judentum, denen jemand angehört, offen. Wir kommen zwar hier in der Münsterschen Straße unter dem Dach des Jüdischen Bildungszentrums Berlin zusammen. Es ist aber mitnichten ein spezifisches Chabad‐Angebot, sondern für alle Menschen – jeder ist willkommen.

Wie sieht es konkret aus, wenn Sie tagen?
Wenn zum Beispiel zwei Juden streiten, sollen sie gemäß der Halacha zunächst nicht zu einem allgemeinen Richter gehen, sondern zu einem rabbinischen. Wir hören uns dann den jeweiligen Fall an und entscheiden auf Grundlage der Halacha. So funktioniert die jüdische Gemeinschaft seit Tausenden von Jahren. Die Kraft dieser Entscheidung ist genauso rechtmäßig wie ein Schiedsrichterspruch. So ist es auch verankert im deutschen und europäischen Recht.

Wie oft werden Sie voraussichtlich tagen?
Seit der Gründung vor einem Jahr tagen wir im Durchschnitt einmal pro Monat, abhängig von den Anfragen auch öfter. Wir gehen aufs gesamte Jahr gerechnet von rund 120 Fällen aus. So oder so: Für die Anliegen der Menschen sind wir jederzeit ansprechbar.

Von wem wird das Beit Din anerkannt?
Von jeder rabbinischen Instanz, auch von der strengsten orthodoxen. Wenn wir jemandem etwa einen Scheidebrief ausstellen, kann er damit weltweit zu jeder Gemeinde gehen und sicher sein, dass dieser auch vom dortigen Rabbinat akzeptiert wird.

Bei der Allgemeinen und bei der Orthodoxen Rabbinerkonferenz gibt es bereits jeweils ein Beit Din. Warum braucht es zudem auch in Berlin ein Rabbinatsgericht?
Berlin ist mit keiner anderen Stadt in Deutschland vergleichbar. Hier gibt es eine sehr große und nach wie vor wachsende jüdische Gemeinschaft. Deshalb ist der Bedarf an unserer Erfahrung logischerweise auch am größten, und entsprechend wichtig ist es, hier ein festes Beit Din zu haben.

Gibt es Befremden vonseiten der Orthodoxen Rabbinerkonferenz, dass Sie ein Rabbinatsgericht gegründet haben?
Hoffentlich nicht! Es geht ja nicht darum, jemandem Konkurrenz zu machen, sondern darum, Menschen zu helfen. Das Beit Din stellt eine notwendige und wichtige Ergänzung zur bestehenden jüdischen Infrastruktur in Deutschland dar.

Ab wann kann man sich an Sie wenden?
Bei Bedarf kann man sich persönlich oder telefonisch im Sekretariat des Jüdischen Bildungszentrums Berlin anmelden. Per Mail sind wir unter info@betdin.de erreichbar.

Mit dem Mitglied des Berliner Beit Din und Rabbiner der Machzike Tauro Gemeinde in Amsterdam sprach Philipp Peyman Engel.

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