Interview

Fünf Minuten mit…

Rabbiner Andreas Nachama Foto: Mike Minehan

Herr Rabbiner, was sagen Sie einem Menschen, der Angehörige verloren hat?
Ich drücke Ihnen mein Mitgefühl aus. Es hilft Trauernden, zu wissen, dass jemand ihre Verzweifelung nachempfindet.

Kann man wirklich mit Worten trösten?
Worte sind der Versuch, auf den Trauernden zuzugehen. Ich kenne das Gefühl, Hinterbliebener zu sein. Die Menschen stehen unter Schock. Es ist wichtig, einen Trauernden nicht nur zu begleiten, sondern ihn auch in den Arm zu nehmen, damit er das Mitgefühl spürt.

Wie trauert man richtig?
Es gibt kein Patentrezept. Für die einen ist es wichtig, ein Gebet zu sprechen. Vielleicht liest man im Tagebuch des Verstorbenen, sieht sich alte Fotos an oder denkt liebevoll an ihn zurück, indem im Gespräch an ihn erinnert wird. Für andere ist die Ablenkung als Form des Weiterlebens wichtig.

Verdrängen als Schutz?
Manchmal ist es auch nur die pure Notwendigkeit. Die Kinder müssen in die Schule gebracht, versorgt und betreut, der Alltag bewältigt werden. Besonders, wenn ein Elternteil stirbt, muss man sich um die Kinder intensiv kümmern.

Der November ist mit Volkstrauertag, Totensonntag und der Erinnerung an die Reichspogromnacht ein Monat des Gedenkens. Juden haben andere Trauertage.
Aus gutem Grunde ist an den drei Wallfahrtsfesten Pessach, Schawuot und Sukkot jeweils der zweite oder letzte Tag der vorangegangenen Generationen gewidmet. Das ist eine gute Mischung zwischen den heutigen Bezügen zu diesen Wallfahrtsfesten und denjenigen, die vor uns da waren. Wir leben in einem Spannungsverhältnis zwischen heute und der Tradition, und dazu gehört auch immer, sich zurückzubesinnen, auch auf jene, um die wir trauern.

Gibt es ein richtiges Gedenken?
Das ist aus meiner Sicht eine Aufgabe, die wir Rabbiner noch zu leisten haben. Wenn wir nicht eine verbindlich festgelegte, religiöse Form des Gedenkens an die Schoa finden, dann werden heutige Formen die Erinnerung nicht mehr garantieren können. Es gibt immer weniger Zeitzeugen, die uns aus erster Quelle berichten können. Wir müssen dem Gedenken neue Inhalte und Formen der Erinnerung und Trauer geben. Und wir müssen einen Rahmen finden, in dem auch ein religiöses Gedenken Raum hat. Der 9. November darf nicht nicht nur im jüdischen Gemeindehaus stattfinden, sondern muss Teil des Gesellschaftsprozesses sein, andere Religionsgemeinschaften müssen eingebunden und beteiligt werden.

Deutschland wird immer stärker multikulturell geprägt. Welche Möglichkeiten sehen Sie in einer solchen Gesellschaft mit unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften gemeinsam und öffentlich mit Trauer umzugehen?
Gemeinsame Trauer ist im Moment noch sehr utopisch. In Deutschland leben Menschen aus vielen Ländern mit unterschiedlichen politischen Realitäten, und natürlich wäre es denkbar, dass man nicht nur der Schoa, sondern auch der Opfer gedenkt, die durch unterschiedliche Formen staatlicher Gewalt zu beklagen sind. Man muss eine Gemeinsamkeit finden, mit der sich alle identifizieren können.

Könnten Sie sich den Volkstrauertag als einen solchen Tag künftig vorstellen?
Für ein gemeinsames Gedenken braucht es Gemeinsamkeit, Respekt und Toleranz untereinander. Auf dieser Basis kann man zu einem gemeinsamen Gedenken kommen.

Mit dem Historiker und Rabbiner der Synagoge Hüttenweg der Jüdischen Gemeinde zu Berlin sprach Hans‐Ulrich Dillmann.

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