Kalender

Freude ist eine Mizwa

Wer mit G’tt lacht, lacht am besten. Foto: Thinkstock

Kalender

Freude ist eine Mizwa

Der Adar ist der fröhlichste Monat des jüdischen Jahres

von Rabbiner Yaacov Zinvirt  16.02.2015 21:04 Uhr

Mische nichnas Adar, marbin be Simcha – wenn der Monat Adar einkehrt, steigert sich die Freude» – so steht es im Talmud. Im Judentum ist die Freude, die Simcha, nicht nur dazu da, das Leben zu erleichtern, sondern sie ist wichtig, um unsere Spiritualität zu vervollkommnen.

Das Einhalten der Pflichten der Tora gilt nicht als vollständig, wenn die Mizwot nicht mit Herzensfreude erfüllt werden. Wenn die Tora also von uns verlangt, fröhlich zu sein und G’tt mit Freude zu dienen, dann muss der Mensch auch die Fähigkeit besitzen, fröhlich zu sein. Daraus lernen wir, dass am Zustand der Freude gearbeitet werden kann. Er hängt nicht von der Veranlagung oder von äußeren Einflüssen ab (Reichtum, Ansehen, gutes Wetter). Der Mensch ist unabhängig von alledem in der Lage, Freude zu erlernen und auszubauen.

Wenn es etwas auf der Welt gibt, was sich wirklich alle Menschen wünschen, dann ist es die Freude. Aber warum ist es so schwer, sie wirklich zu fühlen? Und wie kann der Monat Adar uns helfen, die Freude in uns erwachen zu lassen?

stimmung Viele Menschen fassen den Begriff der Freude heutzutage falsch auf. Freude wird als gute Stimmung interpretiert: Man freut sich an einem guten Essen, einem schönen Film oder guter Musik. Doch dabei handelt es sich «nur» um eine gute Stimmung («Mazaw ruach tov»), aber nicht um die wahre Freude. Warum erfreuen wir uns nicht an dem, was wir haben, warum betrachten wir das halb leere statt des halb vollen Glases? Viele Menschen rennen ihren Zielen hinterher und versäumen darüber, den Moment zu genießen. Der Grund dafür liegt in unserem Ego. Wir denken, alles müsse nach unserem Willen laufen. Wenn das nicht funktioniert, versetzt uns dies in tiefe Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit.

Ein Ausweg wäre, an sich selbst zu arbeiten und zu erkennen, dass der Mensch nicht das alleinige Zentrum der Welt ist. Derjenige, der daran glaubt, dass G’tt unsere Wege leitet und über uns wacht, ist nämlich in der Lage, zufrieden zu sein.

In den Sprüchen der Väter, Pirkej Awot, Kapitel 4, Mischna 1 heißt es: «Wer ist reich? Der sich über seinen Anteil freut.» Das lehrt uns, dass ein reicher Mensch nicht derjenige ist, der eine leitende Stellung innehat, und nicht einer, der das beste Essen genießen kann; nicht, der das größte Haus besitzt, sondern der sich daran erfreut, was er geschafft und geleistet hat. Das Problem ist, dass wir alle zu viel vergleichen: Das Auto ist nicht so schnell wie das des Freundes, das Haus ist kleiner als das des Nachbarn.

umdenken Was kann uns helfen, um uns in Freude zu versetzen? Wie gelangen wir zum Umdenken? Und warum denn gerade im Monat Adar? Der Name Adar besteht aus zwei Worten: A und Dar. Dar ist zu übersetzen mit dem Wort «wohnt». Mit A ist der Einzige, unser G’tt gemeint. G’tt wohnt also in diesem Monat. Wir müssen den Glauben an G’tt intensivieren, um zur echten Freude zu gelangen. Wenn wir akzeptieren und verstehen, dass alles von G’tt kommt, Gutes und Schlechtes, dann hilft das, damit wir uns an dem erfreuen, was wir haben.

Weil Egoismus uns daran hindert, zur wahren Freude zu gelangen, haben unsere Weisen angeordnet, dass wir am ersten Schabbat des Monats Adar zusätzlich einen Abschnitt aus der Parascha Schkalim lesen sollen. Darin geht es um eine Pflicht, die Hälfte eines Schekels für den Tempel zu entrichten. Die Hälfte symbolisiert, dass der Mensch nicht vollkommen ist. Der Brauch, an Purim für die Armen zu spenden, macht uns zu einem Teil der Gesellschaft zu sein. Dies soll uns gerade im Monat Adar den Weg zur Freude ebnen.

Wichtiger noch als das Trinken von Wein an Purim (dem fröhlichsten Fest des Judentums, das wir am 14. Tag des Monats Adar feiern) ist natürlich das Lachen. Deshalb gestalten wir das Purimfest außergewöhnlich, mit Verkleidungen, die uns zum Lachen bringen sollen. Je mehr wir uns freuen, desto näher kommen wir der Unbeschwertheit und der wahren Freude und erkennen, dass G’tt in allem wohnt – besonders im Monat Adar.

Feiertage

Chatima towa, oder was?

Was von Rosch Haschana über Jom Kippur bis Sukkot die korrekte Grußformel ist

von Rabbiner Yaacov Zinvirt  20.09.2026 Aktualisiert

Jom Kippur

Noch einen Bissen, dann ist Schluss

Für die einen ist Fasten an Jom Kippur religiöses Gebot, für die anderen eine Prüfung von Körper und Willenskraft

von Nicole Dreyfus  18.09.2026

Versöhnung

Der Mensch ist kein Datensatz

Im Gegensatz zu modernen Algorithmen kennt das göttliche Gericht die Ambivalenzen

von Chajm Guski  18.09.2026

Vergebung

Wenn die Entschuldigung im Halse stecken bleibt

Eine talmudische Geschichte über Schuld, Groll und das Loslassen der Vergangenheit

von Sophie Goldblum  18.09.2026

Bewusstsein

Pause!

Warum wir unser Leben und unseren Alltag immer wieder gezielt entschleunigen sollten. Eine Hymne auf die Langsamkeit

von Sophie Albers Ben Chamo  18.09.2026

Wuppertal

Brandanschlag auf Synagoge

Nach ersten Erkenntnissen handelte der polizeibekannte Mann mit afghanischer Staatsangehörigkeit allein

 18.09.2026 Aktualisiert

Ha’asinu

Von der Einheit hinter allem

Die Tora lehrt, dass die Liebe zum Mitmenschen auch eine Form ist, den Ewigen zu ehren

von Daniela Rusowsky  17.09.2026

Der jüdische Kardinal

Den einen zu jüdisch, den anderen zu katholisch: Heute vor 100 Jahren wurde Aron Jean-Marie Lustiger geboren

von Andrea Krogmann  16.09.2026

Feiertage

Rosch Haschana für Anfänger

Vom Lichterzünden bis zum Taschlich: eine kleine Einführung für weniger erfahrene Synagogenbesucher

von Rabbinerin Ulrike Offenberg  11.09.2026 Aktualisiert