Neulich beim Kiddush

Flamingos im Gemeindegarten

Paradiesischer Blick aus dem getönten Fenster: Flamingo in (fast) freier Wildbahn Foto: Archiv

Freitagnacht, drei Uhr: Zeit für meine wöchentliche Heißhungerattacke. Ich stehe vor dem Kühlschrank und angele nach einer Scheibe Steinpilzpizza vom Vortag, die ich mit einem Erdbeermilchshake hinunterspüle, gefolgt von zwei Pomerantz‐Fettkiller‐Pillen. Mit diesem nicht ganz billigen neuen Wundermittel in der rosa Dose werden meinem kilogeplagten Körper sogleich die Pizzafettkalorien entzogen, sodass ich beruhigt wieder ins Bett steigen kann.

Am Samstagmorgen aber erwache ich schweißgebadet. Mein Herz wummert in meinem Brustkasten, mir ist speiübel, meine Hände zittern. Ich schleppe mich ins Esszimmer, bei meinem Anblick weicht meine Familie erschrocken zurück. Ich blicke in den Wandspiegel und erstarre. Ich sehe furchtbar aus: tiefe Augenringe, eine ungesunde grünliche Gesichtsfarbe und komische kleine grüne Punkte auf der Nase. Ich lasse das Frühstück ausfallen. Inzwischen haben sich zu meinen Schweißausbrüchen noch ein Pfeifen im linken Ohr dazugesellt sowie ein unkontrollierbares Zucken des linken Augenlids.

Stylisch Meine Familie guckt besorgt. Ich beschließe, trotzdem zur Synagoge zu gehen und das Frühstück dort nachzuholen. Ich lege Extrem‐Make‐up auf und konterkariere mein Gesichtsgrün mit stylischem mandarinefarbenen Lidschatten.

Als wir eintreffen, ist der Kiddusch bereits in vollem Gange. Meine Erzfeindin Anouk hat sich wieder mal vorgedrängelt und stopft sich ungeniert mit Hors d’œuvres voll. Sie sieht heute furchtbar aus, schweißglänzend, mit pastös aufgetragenem Make‐up und unmöglichem orangefarbenen Lidschatten. Wir treffen uns auf der Damentoilette, wo wir beide zeitgleich eine kleine rosafarbene Dose aus der Handtasche fischen. Anouks Hände zittern unkontrolliert. Da endlich fällt der Groschen.

Ich starre sie an. »Du nimmst Pomerantz‐Pillen?«, stoße ich hervor, reiße ihr die Dose aus der Hand und fische zitternd den Beipackzettel heraus (meinen eigenen habe ich irgendwo verschlampt). »Schweißausbrüche, Herzrasen, Haarausfall, Darmverschlingung, Magendurchbruch«, lese ich stammelnd vor. Anouk und ich starren uns entsetzt an. Stante pede entwerfen wir einen Rachefeldzug – wir kennen Pomerantz, er ist ein großer Geldgeber für Synagoge, Gemeindezentrum und die jüdische Schule.

Wasserbomben Per Facebook Alert, SMS und E‐Mail alarmieren wir sofort nach Schabbatausgang in einer konzertierten Aktion alle unsere Freunde. Und schon wenige Stunden später belagert eine wütend brodelnde Menschenmasse mit Demoplakaten und Wasserbomben die Pomerantzsche Villa. »Pomerantz, du mieses kleines Reptil! Komm heraus und stell dich!«, brüllt die Menschenmenge völlig entfesselt.

Schließlich öffnet sich die Tür, ein weißes Fähnchen wedelt, dem schließlich der zitternde Pomerantz folgt und zugibt, bei den Tests für seine Pillen geschummelt zu haben. Man möge bitte die Presse heraushalten, Forderungen könnten per E‐Mail an seine Sekretärin Golda gerichtet werden. Forderungen? Anouk und ich sehen uns mit glitzernden Augen an.

Maniküre Einige Wochen später: Anouk und ich rekeln uns auf zwei seidenbezogenen Recamieren der neuen Pomerantz Beauty Lounge des Gemeindezentrums, während wir uns maniküren lassen. Ein Sklave wedelt mit Straußenfedern Kühlung zu, ein anderer stopft uns Sushi‐Röllchen in den Mund. Ich lasse den Blick durch die getönte Panoramascheibe schweifen, wo ein paar Flamingos durch den neuangelegten Seerosenteich stelzen.

»Pomerantz hat sich nicht lumpen lassen«, nuschelt Anouk mit vollem Mund. »Hast du schon den neuen Pool ausprobiert?«, gebe ich zurück. »Nöh«, grunzt Anouk, »muss erst noch etwas abspecken.« Lässig wirft sie sich einige lilafarbene Pillen ein. »Was ist das denn?«, frage ich erschrocken. »Das Pomerantz‐Pillen‐Nachfolgemodell«, tönt Anouk großspurig, »garantiert ohne Nebenwirkungen.« Kann schon sein. Aber ich könnte schwören, ich hätte auf ihrer Nasenspitze ein paar kleine lila Punkte entdeckt.

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