Neulich beim Kiddusch

Ferien im Bunker

Luxus sieht anders aus: Eingang zum Bunker Foto: Flash 90

Vor ein paar Tagen erzählte ich meinen Freundinnen beim Kiddusch von unserem Urlaub. Wir sind gerade aus Israel zurückgekehrt, haben gesehen, wie Hunderte auf dem Tel Aviver Rothschild-Boulevard campieren, um gegen Armut, überhöhte Mieten und horrende Hüttenkäse-Preise zu protestieren.

»Wir machen uns trotzdem eine schöne Zeit«, sage ich auf dem Hinflug zu Alain, meinem Mann. »Dann lassen wir den Hüttenkäse eben links liegen und essen Fleisch.«

Villenviertel Ein Nebenanlass unserer Reise ist die Hochzeit von Alains Cousine Chana. In der künftigen Wohnung des Brautpaars werden wir untergebracht sein, in einem noblen Villenviertel kurz vor Rishon. Dieser Urlaub fühlt sich jetzt schon an wie ein Sechser im Lotto! Alains Familie empfängt uns in der Ankunftshalle. Wie immer sind alle pleite, aber glücklich. Shlomi, Chanas Zukünftiger, ist auch da. Er verfrachtet uns in sein Auto, und schon geht’s ab zu unserer luxuriösen Bleibe.

Vor einer ausladenden Villa mit eigenem Palmenhain hält er an. Mir bleibt die Spucke weg. Hier sollen wir wohnen? »Nun, nicht direkt in der Villa«, druckst Shlomi herum, »mehr so neben der Villa, nein eigentlich dahinter.« Ich bemerke die Schweißtropfen auf seiner Oberlippe, mir schwant nichts Gutes.

Panzerstahl Shlomi führt uns zu einem unauffälligen Treppenabsatz, der neben dem Gartentor nach unten führt. Als wir hinabsteigen, schlägt uns leichter Modergeruch entgegen. Spinnweben streifen unsere Gesichter. Schließlich stößt Shlomi die Wohnungstür auf – sie ist aus dickem Panzerstahl – und wir befinden uns direkt unter der Villa im hauseigenen Bunker.

Unsere unterirdische Ferienwohnung verfügt über ein Gemeinschaftsklo (nebenan liegen noch zwei weitere Bunker). »Dafür gibt’s Warmwasser und Aircondition«, erklärt Shlomi mit zitternder Stimme, etwas anderes könne er sich im Moment leider nicht leisten.

Na super, denke ich, die Hüttenkäse-Revolution hat uns eingeholt. Alain erklärt, eine Woche im Bunker sei der Charakterbildung förderlich. Nach zwei Tagen beginne ich, Kette zu rauchen und M&Ms zur Nervenberuhigung einzuwerfen, nach einer Woche habe ich fünf Kilo zugenommen und sehe aus wie eine Schabracke. Jetzt muss ich nur noch Chanas Billig-Chuppe hinter mich bringen, dann kann ich endlich wieder nach Hause.

Blattgold Der Tag der Hochzeit rückt heran. Unser Taxifahrer chauffiert uns zu irgendeinem Kibbuz im Nirgendwo. Als wir das Eingangstor aufstoßen, verschlägt es uns die Sprache. Ein 20 Hektar großer tropischer Garten erstreckt sich vor uns, bunte Vögel schwirren zwischen den Bäumen herum. Auf einem Hügel über alldem erhebt sich die weiß glitzernde Chuppa, so groß wie ein Klassenzimmer.

Ein Dutzend verschiedener mobiler Kiddusch-Buffets mit Grillspießchen und Bratensoßen kurven durch das sanft hügelige Gelände. Auf einem künstlichen See schwimmt, über einen blumengeschmückten Steg erreichbar, eine kleine Fregatte mit dem Nachspeisenbuffet. Das Hochzeitspaar kommt auf einem echten Elefanten angeritten, es gibt ein Indoor-Feuerwerk mit Konfetti aus echtem Blattgold. Ein fantastischer DJ legt auf, und alle tanzen wie die Verrückten bis um drei Uhr früh.

Als sich das Fest dem Ende zuneigt, liegen wir völlig geplättet draußen unter den Palmen, starren in den Sternenhimmel und sind uns einig: Auch wenn Chana und Shlomi nun finanziell völlig ruiniert sind und darum noch ein paar Jahre in ihrem Bunker hausen müssen – für eine solche Jahrhundertparty war das die Sache wert.

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