Schabbat

Familiengeschichten

An den beiden Tagen von Rosch Haschana werden zwei aufeinanderfolgende Abschnitte aus der Tora gelesen. Im Zentrum des ersten steht die Geschichte von Awraham, Hagar und Jischmael. Wir lesen, wie Sara von ihrem Mann verlangt, Hagar und deren Sohn Jischmael, der auch der Sohn Awrahams ist, wegzuschicken.

Im Zentrum des zweiten Neujahrstages steht die Geschichte von Awraham, Sara und Jizchak. Sie erzählt davon, dass Awraham von G’tt aufgefordert wird, seinen Sohn Jizchak als Opfer zu bringen. Dieser Abschnitt ist als »Akedat Jizchak«, als Bindung Jizchaks, bekannt.

Wenn wir genauer hinschauen, werden wir entdecken, dass es sich nicht um zwei Geschichten handelt, sondern um eine. Die beiden Texte sind inhaltlich und stilistisch miteinander und ineinander verwoben, können natürlich aber auch getrennt voneinander verstanden werden. Sie als nur eine Geschichte zu verstehen, die jedoch zwei Ebenen hat, fügt neue Bedeutungen hinzu.

Ebenen Zunächst das Offensichtliche: In beiden Ebenen geht es um einen Sohn Awrahams. Sprachlich werden die beiden Ebenen dadurch markiert, dass sie beide mit den Worten »Und am Morgen wachte Awraham auf« (21,14 und 22,3) beginnen.

Für Raschi und andere klassische Kommentatoren sind diese Worte an dieser Stelle ein Indikator dafür, dass Awraham keine Sekunde zögerte, den Willen G’ttes zu tun.

Eine interessante Feststellung, wenn man betrachtet, wie Awraham die sehr deutliche Anweisung G’ttes umsetzt. Ihm wird nämlich befohlen: »Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, den Jizchak, und geh hin in das Land Morija und bring ihn als Opfer auf einem der Berge, den ich dir ansagen werde.« Raschi stellt fest, dass es im Text interessanterweise nicht heißt: »Schlachte ihn als Opfer«.

Und was macht Awraham? Er wacht am Morgen auf. Dann sattelt er zunächst einmal den Esel, dann nimmt er zwei junge Männer mit und erst jetzt Jizchak. Anschließend kümmert er sich zunächst einmal um Feuerholz (22,3). Das ist vorausschauend, wird aber gar nicht von ihm verlangt. Sein Auftrag war simpel: Nimm deinen Sohn und geh!

Auch wenn Awraham hier offenbar G’tt vertraut und anscheinend davon ausgeht, dass er Jizchak letztendlich nicht opfern muss, so beschleunigt er aber die Abläufe auch nicht.

Wildnis In der Geschichte von Jischmael stattet Awraham Hagar und ihren Sohn mit Brot und Wasser aus und entlässt sie in die Wildnis. In beiden Ebenen ist der Junge, um den es geht, tatsächlich in der Tora einfach nur ein »Junge« (Hebräisch: Na’ar) und keine besonders bezeichnete Person.

Situationsbedingt wird jedoch davon abgewichen. In Vers 14 von Kapitel 21 wird aus dem »Na’ar« ein Kind, ein »Jeled«. Damit ändert sich der Blickwinkel. Er wird persönlicher. Aus dem technischen Vorgang wird eine sehr anrührende Schilderung. Awraham gab ihr das »Kind« (der Junge war aber schon älter als 13 Jahre).

Bereits einen Vers später ist ihr »Jeled« schon bewusstlos. Dann heißt es, sie »warf das Kind unter einen der Büsche«, denn sie wollte nicht sehen, »wie das Kind stirbt«. Dann wieder ein Wechsel der Pers­pektive: »G’tt hörte die Stimme des Jungen (Na’ar).« Daraufhin spricht ein »Engel G’ttes aus dem Himmel« zu Hagar.

opferung Bei Jizchak wird aus dem »Sohn« ein Junge (Na’ar), wenn Awraham zu seinen Begleitern spricht, dass er mit dem Jungen zum Ort der Opferung geht (22,5): »… und ich und der Junge werden dorthin gehen; wir werden uns niederwerfen und zu euch zurückkehren.«

Hier spricht Awraham davon, dass beide zurückkehren werden. Das ist vielleicht eine Formulierung, um seinen Sohn zu beruhigen. Denn wenn Awraham dann zurück ist, wird nur noch im Singular von ihm gesprochen: »Und Awraham kehrte zurück« (22,19) – es wäre also möglich gewesen zu sagen: »Ich gehe hinauf.«

Während der Vorbereitungen der Opferung ist Jizchak der »Sohn«, und erst als ein »Engel Haschems aus den Himmeln« ihn ruft, ist der Sohn wieder ein »Junge«: »Er sprach: Erhebe nicht deine Hand gegen den Jungen!« (22,12).

engel Ein weiteres Detail haben wir nun auch bemerkt: In beiden Fällen intervenieren Engel »aus dem Himmel« (»min Haschamajim«). Einmal ist es ein Engel G’ttes und einmal ein Engel Haschems (jener Name G’ttes, der sich hinter dem Tetragramm verbirgt). Es wird also einmal der Name G’ttes verwendet, der für den Aspekt G’ttes steht, der Schöpfer der Dinge ist und das Universum erschaffen hat, das andere Mal hingegen der G’ttesname HaSchem, der den »persönlichen« Aspekt G’ttes betont.

Die Interventionen der Engel führen in beiden Fällen dazu, dass die Protagonisten etwas sehen, was sie zuvor nicht wahrnahmen. Bei Hagar ist es Wasser: »Und G’tt öffnete ihre Augen, und sie sah einen Brunnen mit Wasser« (21,19). Bei Awraham ist es ein Widder: »Und Awraham hob seine Augen und sah, hinter ihm war ein Widder, der mit seinen Hörnern im Dickicht gefangen war« (22,13). Das Wasser rettet das Leben Hagars und ihres Sohnes. Und anstelle Jizchaks wird der Widder geopfert.

Beiden Jungen wird etwas Großes prophezeit: Aus dem einen wird »eine große Nation« hervorgehen (21,18), der andere wird zahlreiche Nachkommen haben (22,17). Dementsprechend schließen beide Geschichten damit ab, dass sich die jungen Männer Jizchak und Jischmael Frauen suchen und Familien gründen.

Versprechen Und die Unterschiede? Sie führen möglicherweise zu dem, was dem Leser und Hörer gesagt werden soll. Für beide Söhne gibt G’tt das Versprechen, dass sie viele Nachkommen haben werden – doch gehen beide Akteure später unterschiedlich damit um.

Ein weiterer Unterschied: Hagar, die sich mit Jischmael in der Wüste verirrt hat, verzweifelt angesichts der Situation ihres Sohnes, und es ist Jischmaels Stimme, die »im Himmel« gehört wird.

Raschi deutet die »Verirrung« von Hagar in der Wüste als Rückfall zum Götzendienst. Doch schließlich sieht sie einen Brunnen. Der Talmud sagt, dass »Wasser« immer auch »Tora« bedeutet (Baba Kamma 82a), und somit hätten wir hier eine Rückkehr zur Religion Awrahams. Anders als Awraham, der seinen Auftrag quasi übererfüllte, wandte sich Hagar möglicherweise von der Tora ab. Vielleicht sollen diese beiden Extreme hier kontrastiert werden.

Der Autor ist Mitglied der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen.

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