Symbol

Fäulnis von innen

»Und siehe, der Ausschlag ist an den Wänden des Hauses«: 3. Buch Mose 14,37 Foto: Thinkstock

Traduttore, Traditore», sagt man im Italienischen. Das bedeutet «Übersetzer, Verräter». Der Übersetzer eines Textes ist immer auch ein wenig dessen Verräter. Das ist ein Problem, das natürlich ganz besonders auf die zahlreichen Übersetzungen der Tora zutrifft. Trotz aller Qualität geht bei der Übertragung immer etwas verloren. Es können ganze Konzepte durch eine Übersetzung des Begriffs unsichtbar werden – wie im Wochenabschnitt Mezora. In vielen Übersetzungen liest man von Aussätzigen. Aussatz ist ein Synonym für die Krankheit Lepra. Es kann also sein, dass der Leser auf die Idee käme, die Tora spräche über die Krankheit Lepra, und wir würden das Feld der Medizin betreten.

Im 3. Buch Mose 14,35 wird gesagt, auch Häuser könnten an «Aussatz» leiden. Um das Konzept dahinter zu sehen, sollte man diesen Begriff unübersetzt lassen. Der Ausschlag ist dann «Zara’at», und derjenige, der von ihm betroffen ist, ist der «Mezora».

Zeichen Rabbiner Samson Raphael Hirsch (1808–1888) beschreibt Zara’at als «eine von innen heraus in der Haut sichtbar hervorbrechende Fäulnis». Noch wichtiger scheint die talmudische Sichtweise auf Zara’at: Es ist weniger ein Krankheitsbild, sondern bei Menschen äußerliches Zeichen für einen inneren Zustand und bei Gegenständen für den Zustand des Besitzers. Deshalb wendet sich der Betroffene auch nicht an jemanden, der sich mit Heilkunde beschäftigt, sondern an einen Kohen, einen Priester.

Laut Talmud (Arachin 16a) ist Zara‹at das äußerliche Kennzeichen für üble Nachrede, Stolz oder einen falschen Eid. Der Betroffene ist dementsprechend auch nicht unberührbar. Ab dem Zeitpunkt, da der Kohen erklärt, der Betroffene leide an Zara’at, ist er «tame». Dies wird gern mit «unrein» übersetzt. Es beschreibt einen Zustand, in dem eine Sache oder eine Person dem Zugriff durch andere entzogen ist. Dies endet erst, wenn die Person oder Sache wieder «tahor» (rein) ist.

Der Mezora bleibt vor dem Lager und harrt dort aus, bis die Symptome abgeklungen sind. Danach kehrt er zum Kohen zurück, und der führt ein Ritual (14, 4–31) mit ihm durch, das dem Leser rätselhaft erscheinen muss, wenn er annimmt, wir hätten es mit Leprakranken zu tun. So heißt es «Sieht der Kohen, dass der Zara’at-Schaden beim Mezora geheilt ist, so befehle der Kohen, dass man für den, der sich reinigen lässt, zwei lebendige Vögel bringe, Zedernholz, hochrote Wolle und Ysop» (14,3-4). Am Ende des Rituals wird einer der beiden Vögel freigelassen.

Überheblichkeit Der Kommentator Raschi (1040–1105) erklärt die Bestandteile des Vorgangs nicht medizinisch, sondern auf jemanden bezogen, der andere durch Sprache und Handeln verletzt hat: Die Zeder steht für Überheblichkeit und Hochmut. Die rote Wolle wurde mit einem Farbstoff gefärbt, der aus Läusen oder Würmern gewonnen wird. Wieder die Übersetzung! «Tola’at» kann Wurm bedeuten oder auch Wollfaden.

«Tola’at» steht für die Demut desjenigen, der geheilt wird. Ysop, eine bodennahe Pflanze, stünde ebenfalls dafür. Aber die Zeder könnte auch für etwas Positives stehen. In Tehillim 92,13 heißt es: «Der Gerechte blüht wie die Palme, wie die Zeder auf dem Lewanon ragt er empor.» Die Zeder könnte also vielmehr das Ziel symbolisieren, das derjenige, der an Zara’at leidet, erreichen soll. Wie? Indem er sich nicht über die anderen erhebt. Wie der Wurm oder der Ysop. So soll der Mensch in Zukunft leben.

Mit einer Rasur und einem Bad, die ebenfalls vorgeschrieben sind, ist die «Resozialisierung» also nicht abgeschlossen. Die körperliche Reinigung geht nicht ohne geistige – und umgekehrt. Beide Elemente funktionieren nur in ihrer Gesamtheit.

Die Vögel, so Raschi, repräsentierten die schlechte Rede desjenigen, der geheilt wird. Denn das Umhertragen übler Rede gleiche dem Gezwitscher der Vögel: Einen Vogel, der auf dem Feld freigelassen wurde, kann man nicht mehr einfangen – wie die üble Rede, die man verbreitet hat.

Was dann folgt, mag uns ebenfalls rätselhaft erscheinen: Der Kohen gibt etwas Blut von einem Opfer auf das rechte Ohrläppchen, den rechten Daumen und rechten großen Zeh desjenigen, der sich gereinigt hat (14,14). Dann gibt er Öl auf diese Stellen und auf den Kopf.

Auch das ist in mehrfacher Hinsicht symbolisch. Rabbiner Hirsch schreibt, dass diese Körperteile dafür stehen, dass der Mezora seine Gedanken (Ohr), seine Taten (Daumen) und sein Streben (Zeh) in die richtige Richtung lenkt. Aber nicht nur das! Im 3. Buch Mose (8, 23–24) wird mit dem Blut der Opfer auf genau diese Körperteile ein neuer Kohen «geweiht»; und später macht Schmuel Scha’ul zum König, indem er Öl auf seinen Kopf gießt (1. Schmuel 10,1). Der ehemalige Mezora wird also nicht nur wieder integriert, sondern er wird geradezu erhöht! Sein Transformationsprozess wird anerkannt.

Üble Nachrede Und die Häuser? Der Talmud geht davon aus, dass es diese Häuser niemals gegeben hat (Sanhedrin 71a) und das «Haus» in der Tora vor allem eine pädagogische Funktion hat. Denn üble Nachrede oder ein feindliches Klima können auch in Familien «gepflegt» werden, und das Haus steht stellvertretend für die Familie, die in ihr wohnt. Deshalb kommen die Symbole Zeder, Tola’at und Ysop auch bei Häusern zum Einsatz. Vergessen wir nicht, dass Haus, hebräisch «Bajit» für die gesamte Gemeinschaft stehen kann.

Es heißt ja auch «Bejt Jisrael», Haus Israels – damit ist die Gemeinschaft aller Juden gemeint. Wenn ein Haus von Zara’at befallen ist, dann wird jeder Stein einzeln betrachtet und muss vielleicht entfernt werden. Im schlimmsten Fall wird das Haus abgetragen. Es obliegt allein dem Kohen, unsoziales Verhalten zu erkennen. In der Mischna (Negaim 3,1) heißt es, die Entscheidung über «tame» oder «tahor» obliege allein dem Kohen. Der Betroffene schafft es ohne Hilfe nicht, seine Situation einzuschätzen; und eine «öffentliche Meinung» reicht ebenfalls nicht aus. Es muss sich ein Experte darum kümmern.

Mit der Übersetzung allein hätten wir die Botschaft des Wochenabschnitts, die bis in unsere Zeit hallt, vielleicht nicht wahrgenommen, sondern uns über medizinische Begriffe gewundert.

Der Autor ist Mitglied der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen.

Inhalt
Der Wochenabschnitt Mezora beschreibt die Reinigung von Menschen, die von Aussatz befallen sind. Außerdem schildert die Parascha, wie mit Unreinheiten durch Aussonderungen der Geschlechtsorgane umzugehen ist.
3. Buch Mose 14,3 – 15,33

Justiz

Klage gegen Wittenberger »Judensau« voraussichtlich erfolglos

Das historische »Judensau«-Relief an der Außenfassade der Wittenberger Stadtkirche erfüllt nach Einschätzung des Oberlandesgerichts Naumburg wohl nicht den Straftatbestand der Beleidigung

 21.01.2020

Israel

Oberrabbinat stärkt Anerkennung äthiopischer Juden

Damit folgt das Gremium einer Entscheidung des verstorbenen früheren sefardischen Oberrabbiners Ovadia Josef von 1973

 20.01.2020

Lutherstadt Wittenberg

Gericht verhandelt über »Judensau«

Oberlandesgericht Naumburg entscheidet über Verbleib der umstrittenen Schmähplastik

von Romy Richter  20.01.2020

Gerichtsprozess

Wittenberg bedauert antisemitische Schmähplastik

Die Stadtkirchengemeinde wirbt zugleich um Verständnis beim Umgang mit dem schwierigen Erbe

 19.01.2020

Schemot

Im Zeichen der Schlange

Die Geschichte von Mosches Stab lehrt, dass Gut und Böse dem Befehl G’ttes unterstehen

von Vyacheslav Dobrovych  17.01.2020

Talmudisches

Von jüdischen Ärzten

Was Rabbi Jochanan über Mediziner, das Leben und den Tod meinte

von Stephan Probst  17.01.2020

Auszeichnung

Werner-Sylten-Preis für christlich-jüdischen Dialog

Die Ehrung wird im Rahmen des Tora-Lerntages am 22. Januar in Erfurt verliehen

 16.01.2020

Nachwuchs

Von Archie bis Toby

Die jüdische Website »Kveller« in den USA listet die populärsten Namen für das Jahr 2020 auf

von Ayala Goldmann  16.01.2020

Torarolle

Buch mit Seele

Warum ein Roboter keine Sefer Tora schreiben kann, die als koscher gilt

von Rabbiner Elischa Portnoy  16.01.2020