Rezension

Fachmann für Scheidungsurkunden

Rabbiner Dovid Kahana Spiro Foto: PR

Rezension

Fachmann für Scheidungsurkunden

Der Fürther Rabbiner Dovid Kahana Spiro überlebte das Warschauer Ghetto. Über sein Vermächtnis ist jetzt ein Buch erschienen

von Yizhak Ahren  16.12.2021 08:35 Uhr

Rabbiner Dovid Kahana Spiro (1901–1970) war ein sehr frommer und gelehrter Mann, der nach der Schoa die Israelitische Kultusgemeinde in Fürth mitbegründet hat. Er wirkte 25 Jahre lang in Fürth als Gemeinderabbiner und hat zahlreichen Menschen in der Not geholfen. Der Fürther Rav wurde auf dem Friedhof Har Hamenuchot in Jerusalem beerdigt. Eine Abbildung seines Grabsteins findet man in Moshe Rosenfelds Buch über Rabbiner Spiro, das vor Kurzem erschienen ist.

Der heute in London lebende Autor ist in Fürth aufgewachsen und hatte praktisch von Geburt an eine enge Beziehung mit Rabbiner Spiro, der nebenan wohnte. Rosenfelds Mutter war eine Cousine des Rabbiners, und sein Vater wurde dessen rechte Hand.

Freimütig bekennt der Verfasser, dass er seinerzeit 1000 Fragen hätte stellen sollen, dies aber nicht tat – und daher heute die Antworten nicht weiß. Es ist ihm jedoch gelungen, viel Material zusammenzutragen und ein umfangreiches Werk zu veröffentlichen. Breit dargestellt wird die Geschichte der Familie Spiro, die in Polen beheimatet war.

CHASSIDISMUS Der Fürther Rav wuchs im Milieu des polnischen Chassidismus auf und blieb dieser Strömung immer verbunden. Seine rabbinische Karriere in Warschau wurde im Zweiten Weltkrieg durch die Nazis in tragischer Weise beendet.

Die Zerstörung des Warschauer Ghettos im Jahr 1943 erlebte er hautnah mit. Sowohl seine Eltern als auch seine Ehefrau und die gemeinsamen vier kleinen Kinder wurden von deutschen Schergen ermordet; auf seinem Grabstein sind ihre Namen genannt. Dass der Rabbiner die grausame Verfolgung überlebt hat, kann man als ein Wunder betrachten.

Ende April 1945 befreiten amerikanische Soldaten ihn und die anderen Häftlinge im Konzentrationslager Dachau. Schon Anfang Juli 1945 kam er nach Fürth und unterstützte die Neuorganisation der jüdischen Gemeinde. Viele Juden, die damals verzweifelt und ratlos waren, hat Rabbiner Spiro bei Begegnungen aufgerichtet. Unermüdlich lernte und lehrte er Tora. In Ansprachen forderte er seine Zuhörer auf, den Glauben ihrer Vorfahren nicht aufzugeben.

Sein Ruf als ein Fachmann für Scheidungsurkunden führte dazu, dass zahlreiche Rabbiner den Fürther Rav darum baten, Scheidungsfälle in ihren Gemeinden zu behandeln. In den Jahren 1946 bis 1951 hat Rabbiner Spiro mehr als 200 Scheidungsbriefe ausgestellt, und zwar ohne eine Gebühr für die geleistete Arbeit zu erheben. Es ist überliefert, dass es ihm manchmal gelang, die Auflösung einer Familie durch eine Vermittlung zu verhindern.

PENSUM Rosenfeld schildert aufschlussreiche Details aus dem Leben des chassidischen Meisters. So war es sein Brauch, neben anderen Studien täglich 18 Kapitel aus der Mischna zu rezitieren. Sinn dieses enormen Pensums war es, dass er jeden Monat das gesamte Werk der Mischna rekapituliert hat! Bei jeder der drei Schabbatmahlzeiten trug der Fürther Rav acht Kapitel aus dem Traktat Schabbat auswendig vor. Als die Rosenfeld-Kinder einmal die Genauigkeit seiner Rezitation prüften, konnten sie keinen einzigen Fehler entdecken.

Beim Lesen talmudischer und chassidischer Texte pflegte Rabbiner Spiro kommentierende Notizen zu schreiben. Auch diese Manuskripte sollen in absehbarer Zeit veröffentlicht werden. Ungefähr 500 Illustrationen lockern

Rosenfelds englischen Text auf. In einem Anhang sind 33 Reden und Essays von Rabbiner Spiro im jiddischen Original oder in einer Übersetzung ins Englische beziehungsweise ins Hebräische abgedruckt. In einem zweiten Anhang findet man 65 Briefe, die der Fürther Rav auf Hebräisch geschrieben hat.

Der undotierte Rabbiner-Spiro-Preis, den der Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern im Jahr 2007 gestiftet hat, soll an einen bescheidenen Gelehrten erinnern, der für eine Stärkung des jüdisch-religiösen Lebens in Deutschland eintrat. Nach der Lektüre des Buches von Rosenfeld meint man zu wissen, dass der Fürther Rav sich über diese Form der postumen Ehrung sehr gewundert hätte.

Moshe Nathan Rosenfeld: »The Rav of Fürth. The Legacy and Legend of Rav Dovid Kahane Spiro«. London 2021, 696 S., 100 NIS

Interview

Josef Schuster: »Juden und Muslime sind keine Erzfeinde«

Bald startet der Katholikentag in Würzburg. Mit dabei: der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. Welche Tipps er für Gäste hat - und wie er auf Juden, Christen und Muslime in aufgeheizten Zeiten blickt

von Leticia Witte  04.05.2026

Berlin

Merz: Jüdisches Leben so bedroht wie lange nicht mehr

Das Präsidium der CDU tagte am Montag in den Räumen der Jüdischen Gemeinde Chabad Berlin und verabschiedete einen Beschluss gegen Antisemitismus. Kanzler Merz machte zuvor deutlich, warum das wichtig ist

von Detlef David Kauschke  04.05.2026 Aktualisiert

Wale

Leviathan in der Ostsee

Die Aufregung um »Timmy« zeigt: Riesige Meerestiere faszinieren die Menschen bis heute. Schon die Gelehrten im Talmud hatten ihre Theorien über die Bewohner der Tiefe

von Vyacheslav Dobrovych  03.05.2026

Essay

Brandbeschleuniger Hass auf Israel: Der Gesetzgeber darf nicht länger wegschauen

Wer auf unseren Straßen »Tod Israel« ruft, kann bislang in der Regel ohne strafrechtliche Konsequenzen bleiben. Das zermürbt die Demokratie

von Volker Beck  03.05.2026

Meinung

Wir haben ein Problem – und wir müssen endlich darüber reden

Ein Weckruf über verfehlte Migration, ausländische Einflussnahme und das ohrenbetäubende Schweigen der »Progressiven«

von Jacques Abramowicz  02.05.2026

Talmudisches

Richtig beten

Kawana: Eine bestimmte geistige Haltung ist Vorbedingung für das innere Gespräch mit G’tt

von Yizhak Ahren  01.05.2026

Feiertage

Besondere Zeiten

Die Tora möchte, dass wir uns immer wieder aus unserer Routine lösen, um uns mit unseren Mitmenschen zu verbinden

von Miksa Gáspár  01.05.2026

Forschung

Der Fuchs, die Gans und der Rambam

Eine Illustration in der Kölner Abschrift der »Mischne Tora« scheint auf das Volkslied anzuspielen. Doch dies entstand viel später

von Lorenz Hegeler  30.04.2026

Berlin

»Ich will mich nicht verstecken«

Ron Dekel wurde angepöbelt, weil er eine Kippa trug. Ein Video davon ging viral, er wurde im Netz beleidigt, man lauerte ihm vor der Synagoge auf. Hier spricht der Präsident der Studierendenunion darüber, was ihm passiert, seitdem er sich sichtbar als Jude zeigt

von Mascha Malburg  27.04.2026