Appell

Es muss gesagt werden

Freiheit und Gerechtigkeit sind seine Leitmotive: Bundespräsident Joachim Gauck Foto: ddp

Freiheit und Gerechtigkeit, so einst Max Horkheimer, seien dialektische Begriffe. Maimonides hat sie in der jüdischen Tradition als einander bedingend beschrieben. Und heute weiß es auch der Letzte im Land: Freiheit und Gerechtigkeit sind die beiden hehren Leitmotive des Neuen im Schloss Bellevue. Schön. Nie zuvor war dem Volk zu Beginn einer Bundespräsidentschaft so klar, wofür der erste Mann im Staate steht und wie er sein Amt auszufüllen gedenkt.

Eine gute Gelegenheit, dies zu beweisen, drängt sich momentan geradezu auf, ausgelöst durch »letzte Tinte« und sonstige Dummheiten, die sich das Volk gönnt. Dabei gehen Politik, Moral, Geschichte, Emotionen, Mythen und Identitäten ineinander über. Bei all diesem Durcheinander wird vor allem eines deutlich: Es geht ein Riss durch das Land. Mit Rissen und Spaltungen jedweder Art ist Joachim Gauck in der eigenen Biografie ausreichend konfrontiert worden; auch das ist zur Genüge bekannt.

Schwert Nun gibt ihm das in sich gespaltene Volk die Gelegenheit, Format zu zeigen, indem er andere Risse erkennen und souverän als Staatsoberhaupt kommentieren mag; mit dem Ziel, auch diese zu heilen. Es ist aber eine andere Heilung als die, die er selbst aus Unfreiheit und Ungerechtigkeit heraus erfahren hat. Die Risse, um die es jetzt geht, verknüpfen sich auf äußerst unangenehme Weise im Staatsvolk zu einem Knoten gordischen Ausmaßes. Eine Lösung mit Schwert ist nicht unbedingt gefragt, vielmehr mag es schon genügen, wenn ein Ruck durch Deutschland ginge. Das gehört mittlerweile zum Anforderungsprofil eines Bundespräsidenten.

Der Ruck sollte wenigstens Ordnung in das Chaos der deutschen Geschichte bringen, deren aktuelles Kapitel mit »letzter Tinte« geschrieben wurde: Da fühlen sich mal wieder Täter als Opfer, Verschwörungstheoretiker haben Hochkonjunktur und Angst vor ihren eigenen Fantasien, Projektionen machen sich breit, vor denen wiederum andere Angst haben … Was für ein Knäuel!

Wahrheit Wer, wenn nicht der erste Bürger im Staate, sollte hier mit der »Kraft des Wortes« ein Machtwort sprechen? Es muss ja nicht »basta« sein. Und wenn schon kein Ruck durchs Land geht, sollte doch wenigstens der rote Faden für alle sichtbar werden, der sich durch diesen hässlichen Knoten zieht. Das wäre unbequem, vor allem für alte Nazis und neue Gutmenschen. Aber Gauck hat sie ja angekündigt, die unbequemen Wahrheiten.

Er muss dabei nicht einmal das Rad neu erfinden. Nikolaus Schneider, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland und Ratsvorsitzender der EKD, hat einen solchen Faden gefunden und in einer Stellungnahme benannt: Grass habe ausgerechnet in der Karwoche in verhängnisvoller Art und Weise seine Position kundgetan, die – »Gott sei es geklagt« – aus der »Schuldgeschichte unserer Kirchen wirkt … bis in heutige Positionen und Auseinandersetzungen«.

Mittelalter Mit anderen Worten und zum Mitschreiben: Hier ist ein altes Problem, verwurzelt in den Untiefen des Mittelalters wie Hexenverfolgung oder Inquisition. Ein Problem der Moral. Entstanden in einem mittelalterlichen Christentum, das sich inzwischen zumindest in Teilen erholen und heilen will – von den Wunden, die es anderen und damit sich selbst jahrhundertelang zufügte.

Inzwischen hat sich das Wundenschlagen auch außerhalb der Kirchen verselbstständigt, und ist gerade in Deutschland völlig außer Kontrolle geraten – zum Nachteil nicht nur der Juden. Innerhalb der Kirchen führt der Riss hindurch zwischen denen, die diese zur Mentalität gewordene Moral verkörpern, und denen, die sie (wie Nikolaus Schneider) endlich überwinden wollen.

Wir können dankbar dafür sein, dass mit Nikolaus Schneider endlich ein namhafter Theologe auf diesen Riss in der Moral hinweist (wenn auch indirekt). Auch der Bundespräsident ist Theologe. Und jetzt Staatsmann dazu. Wer, wenn nicht er, könnte den Finger auf die peinliche Wunde legen, dass diese vermeintlich fortschrittliche Moral genau die gleiche ist, die es nicht nur in der NS-Zeit bis zur Staatsdioktrin schaffte, sondern dass sie eine lange unheilvolle Geschichte hat und eben bis heute noch in weiten Teilen der Gesellschaft existiert? Und wann, wenn nicht jetzt?

Ist nicht der Bundespräsident gefordert, wenn diese Moral wieder (oder noch?) in weiten Teilen des Volkes präsent ist? Wenn gar die Intellektuellen (vor Grass haben schon Walser und andere vermeintliche Vordenker ähnliche Denkmuster gezeigt) damit vorangehen?

Diese Moral ist es, die unser Unglück ist. Ihre Spur ist tiefer als die relativ neue Demokratie und ist damit gewissermaßen ein Geburtsfehler der Bundesrepublik – wie schon der Weimarer Republik vor ihr, mit allen schrecklichen Konsequenzen. Sie bringt die Demokratie durch ihre tiefen Wurzeln in Gefahr – und damit zugleich jede Freiheit, jede Gerechtigkeit, die hart erkämpft werden musste. Dazu zählt auch die eines Bundespräsidenten.

Lehrer An dieser Stelle ist wahrhaft ein Demokratie-Lehrer fürs Volk gefragt! Schon durch seinen Amtseid ist er dazu verpflichtet. Eine deutsche Teilung haben wir endlich hinter uns. Gauck stand dabei an vorderer Front. Das Bild des predigenden Pastors 1989 in Rostock ist bereits Ikone. Nun müsste er vor einer viel größeren Gemeinde predigen, die auch Teilung überwinden muss, um endlich eine Heilung zu erfahren.

Diese Teilung ist tiefer und älter als die, welche sich durch Mauer, Stacheldraht und Schießbefehl eingegraben hat. Sie geht durch Jahrhunderte, durch Herzen, durch Köpfe. Sie kostete millionenfach Opfer. Der Schoß ist fruchtbar noch. Was gesagt werden muss.

Auch der Bundespräsident, der die »Macht des Wortes« hat, wie es übereinstimmend im Volk vor seinem Amtsantritt hieß, sollte gehört werden. Schweigt aber. Und er selbst hat von »Freiheit und Gerechtigkeit«, von sich als »Demokratie-Lehrer« zuvor geschwärmt. Was ist davon geblieben? Nur die Freiheit und die Gerechtigkeit, die er meint? Nur die Demokratie, die er will? Nur die Spaltung überwinden, die ihm die Freiheit nahm und die Gerechtigkeit raubte?

Die Herausforderung besteht für Präsident und Volk darin, die deutsche Teilung und die daraus resultierenden unterschiedlichen Auffassungen von Moral zu überwinden. Durch unterschiedliche Moralvorstellungen werden auch Freiheit und Gerechtigkeit unterschiedlich bewertet. Was dem einen gerecht erscheint, ist dem anderen ungerecht. Dazwischen Gesinnungsfreunde von Günter Grass, also wohl ein großer Teil der Deutschen, die sich ungerecht behandelt fühlen. Weil ja nur gesagt wurde, was gesagt werden muss. Was aber auch gesagt werden muss: Moral und Mehrheit sind kein Begriffspaar wie Freiheit und Gerechtigkeit.

Ein selbst ernannter Demokratie-Lehrer und ausgebildeter Pastor sollte wissen, dass zwischen heilig und profan geschieden werden kann und muss. Im Judentum haben wir dazu ein wöchentlich wiederkehrendes Ritual: Hawdala. Dabei kann auch zwischen »heilig« und »heilig« geschieden werden, wie kürzlich am zweiten Sederabend, als der Schabbat zu Ende ging, das Fest aber weiter gefeiert wurde. Es gibt eben unterschiedliche Ebenen von Heiligkeit. Ergo auch unterschiedliche Ebenen von Profanität und Unheiligkeit.

Leitmotive Nehmen wir die beiden Leitmotive des Bundespräsidenten ernst, so können wir eine Fülle von anderen Ritualen um die Freiheit und die Gerechtigkeit benennen, die nicht nur Denken, sondern auch Handeln günstig beeinflussen können – genau so, wie sein Handeln durch seine eigene Erfahrung von Unfreiheit und Ungerechtigkeit geprägt wurde, und genau so, wie er seine guten Rituale hat. Man kann ja voneinander lernen. Vom Talmud (Mischna Awot) lernen wir: Wer ist weise? Wer von anderen lernt.

Gerade haben wir Pessach gefeiert, das Fest der Befreiung. Und nun zählen wir täglich Omer bis Schawuot, dem Fest der Annahme der Weisung und damit der Gerechtigkeit und Verantwortung. Dazwischen sind 49 Tage; Stufen, die wir zählen und erklimmen.

Unter anderem soll durch die Zählung der 49 Tage auch die Wechselwirkung von körperlicher und geistiger Freiheit unterstrichen werden. Körperliche Freiheit ist die Voraussetzung für geistige Freiheit, und geistige Freiheit ist der Grund für die körperliche. Schon Raschi hat darauf hingewiesen. Er lebte auch im finstersten Mittelalter und ist uns dennoch ein Vorbild an Heiligkeit und Bildung, denn er steht für eine Moral, die alles andere als mittelalterlich ist. Schon zu seiner Zeit gab es die moralische Teilung, an der die deutsche Gesellschaft bis heute leidet.

Sehnsucht Diese Teilung gilt es zu überwinden. Die Kraft des Wortes und die Würde des Lehrers im höchsten Amt stehen dafür zur Verfügung. Und ein Staatsvolk, in dessen Mitte eine Sehnsucht »Normalität« und damit Überwindung dieser Teilung fordert. Diese Sehnsucht ist schon angesichts der Geschichte nur allzu verständlich, sie sollte ernst genommen und honoriert werden.

Nicht eine Reise nach Israel oder das verlogene Loblied auf »neue Juden« bringen eine Erlösung. Nur eine Überwindung der alten Teilung. Selbst, wenn daraus ein Trauerlied wird. Die Erlösung von ihr wird noch befreiender sein als die bereits begonnene Überwindung der neueren deutschen Teilung durch den Kalten Krieg.

Auf Erlösung darf gehofft werden. Das ist beste Tradition des vielbeschworenen jüdisch-christlichen Erbes. Das muss gesagt werden aus dem Volk in Richtung Schloss Bellevue. Und umgekehrt dürfen wir erwarten, dass von dort gesagt wird, was gesagt werden muss. Es muss nicht in lyrischer Form sein. Klartext reicht. Dann hätten wir nicht nur einen Präsidenten, den wir verdienen, und er ein Volk, welches er verdient. Es gäbe dann vielleicht endlich ein Land, das wir alle verdienen.

Was gesagt werden musste. Von einem Rabbiner. Geschrieben in Deutschland mit der blutroten Tinte seiner Vorfahren. Für die geistigen Nachfahren derer, die sie erschlagen haben.

Der Autor ist Rabbiner in Frankfurt/Main.

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