Zaw

Erziehe dich selbst!

Die Rabbinen sagen, der Mensch werde mit bösen Trieben geboren – doch von Anfang an habe er auch eine gute Seite. Foto: Getty Images

Unser Wochenabschnitt Zaw – das hebräische Wort kann mit »Befiehl!« übersetzt werden – beschreibt ausführlich die Opfergabe und die damit verbundenen Gebote. Diese richten sich überwiegend an die Priester. Sie haben zwei wichtige Vorschriften zu erfüllen: Sie müssen jeden Morgen die Asche vom Altar entfernen und dauerhaft ein Feuer darauf bewahren.

Hohepriester Außer den täglichen Opfern, welche die gesamte Gemeinschaft darbringt, werden in diesem Wochenabschnitt drei weitere Arten von Opfern erwähnt. Zwei von ihnen betreffen nur diejenigen Priester, die gerade erst am Anfang sind. Sie müssen ein besonderes Mehlopfer der Einweihung und der Hohepriester jeden Tag das gleiche Opfer für sich selbst darbringen.

Das dritte beschriebene Opfer betrifft alle Juden: Jeder, der eine Gefahr beseitigt, ist verpflichtet, ein Dankopfer darzubringen, ein sogenanntes Mahlopfer.

Außerdem werden die Gesetze zum Verzehr des Opferfleischs erörtert. Es ist verboten, dieses Fleisch nach einer bestimmten Zeit oder an einem nicht festgelegten Ort zu essen sowie das Blut und einen bestimmten Teil des tierischen Fetts zu verspeisen.

Die letzten beiden Verbote betreffen nicht nur das besagte Mahlopfer, sondern die Gesetze, die sich allgemein auf das Essen beziehen. Sie sind Teil der Kaschrutvorschriften.

Der Wochenabschnitt endet mit einer Beschreibung der Zeremonie und der Opfer, mit denen Mosche Aharon und dessen Söhne auf ihren bevorstehenden Dienst im Tempel vorbereitet.

SÜHNE Vergangene Woche lasen wir im Wochenabschnitt Wajikra: »Sprich zu den Kindern Israels und sag ihnen: Wenn jemand von euch für den Ewigen ein Opfer darbringen will, so bringt eure Opfer dar.« Dem lässt sich entnehmen, dass es für jeden Juden möglich ist, Opfer zu bringen.

In unserem aktuellen Wochenabschnitt heißt es nun: »Gebiete Aharon und seinen Söhnen …« Hier wird beschrieben, wie die Priester die Opfer darbringen sollen.

Der Ramban, Nachmanides (1194–1270), sagt, der Zweck der Opfer sei die Sühne, damit die Sünden nicht zur Beseitigung der g’ttlichen Gegenwart führen.

Sicherlich ist vielen das Thema der Opfer nicht bekannt, denn dafür braucht es den Tempel, und der existiert seit fast 2000 Jahren nicht mehr.
Im Talmud (Brachot 26) erfahren wir, dass das Gebet die Opfer ersetzen kann. Denn es gab ein Versprechen an Awraham, dass seine Söhne – für den Fall, dass sie keine Opfer darbringen können – stattdessen auch Gebete sprechen können.

Betrachten wir den eigentlichen Zweck der Opfer, dann sehen wir, dass die menschlichen Charaktereigenschaften in direktem Zusammenhang mit den drei Arten von Opfern stehen.

Schöpfer Das Ganzopfer symbolisiert die Bereitschaft der Schöpfung, sich dem Willen des Schöpfers unterzuordnen. Wenn wir dieses Opfer bringen, erkennen wir an, dass die einzige objektive Realität die des Schöpfers ist. Es gibt keinen Grund und keine sonstige Quelle des Lebens außer Ihm. Deshalb müssen wir in uns alles aufheben, was dem Willen des Schöpfers widerspricht.

Das Opfer des Dankes zeigt die Dankbarkeit für die Wunder des Schöpfers, zum Beispiel für die Heilung von einer schweren Krankheit.
Das Schuldopfer wird dargebracht, wenn sich eine Person aufgrund eines bestimmten Handelns von G’tt entfernt hat und dies gerne wieder rückgängig machen möchte.

PERSÖNLICHKEIT Die genannten Opfergaben symbolisieren Charaktereigenschaften, nach denen wir als Juden streben sollten. Es ist uns aufgetragen, sie zu einem Teil unserer Persönlichkeit zu machen.

Rav Yechezkel Levenstein (1885–1974) sagt, dass der Mensch mit bösen Trieben geboren wird – dies sei eine natürliche Eigenschaft und sehr tief im Herzen des Menschen verwurzelt. Dieser böse Trieb ist nicht bereit dazu, die Last des Himmelreichs zu akzeptieren. Auch die gute Seite des Menschen, die ebenfalls von Geburt an jeder hat, wird dadurch beeinflusst. Es bleibt uns jedoch verborgen, dass wir damit geboren sind.
Im Talmud heißt es: »Raub und verbotene Beziehungen werden von der menschlichen Seele verehrt und begehrt«, zusätzlich zur Geldgier, die ebenfalls in jedem steckt.

Schon von Geburt an stecken diese Eigenschaften in uns. Die bösen Eigenschaften beeinflussen uns ständig, jedoch nicht in der Zeit, in der wir uns mit der Weisheit der Tora beschäftigen. Unser Leben wird davon bestimmt, und interessanterweise merken wir es meist nicht.

Das Schuldopfer bezieht sich also darauf, die Möglichkeit zu nutzen, sich vom Bösen abzuwenden.

Als Erstes haben wir das Ganzopfer erwähnt. Es verlangt vom Menschen, sein eigenes Ich zu reduzieren. Erst wenn er dieses Verständnis erlangt, kann er das Opfer bringen. Im Grunde symbolisiert es das Gegenteil der natürlichen menschlichen Eigenschaft des Hochmuts und der Anmaßung.

Im alltäglichen Leben werden wir öfters mit dieser Charaktereigenschaft konfrontiert, etwa wenn man nach dem Respekt der Mitmenschen strebt, wenn man glaubt, eine Stelle mehr als jemand anderes zu verdienen, oder wenn man zum Beispiel aufhört, die Synagoge zu besuchen, weil man sich respektlos behandelt fühlt.

Rabbeinu Behaye (1255–1340) meint, dass jemand, der, statt die Gebote zu erfüllen und in die Synagoge zu gehen, sich mit anderen Dingen beschäftigt, darin seinen Hochmut zeigt. (Hier ist nicht die Ausübung des Berufs gemeint.) Diese Person stellt sich selbst, das eigene Ich, über die Befehle des Schöpfers.

DANKBARKEIT Als Letztes möchte ich auf die wichtige Eigenschaft der Dankbarkeit eingehen. Das Sefer Ha Chinuch (13. Jahrhundert) erläutert alle 613 Gebote. Zum Gebot 33 (»Ehre Vater und Mutter!«) wird gesagt, dass ein Mensch dankbar sein und demjenigen Gutes zurückgeben soll, der ihm Gutes getan hat. Er sollte kein undankbarer Schurke sein, der bestreitet, dass sie ihm Gutes getan haben, denn dies ist eine schlechte und abstoßende Eigenschaft gegenüber G’tt und den Menschen. Wenn ein Mensch Dankbarkeit für das spürt, was ein anderer ihm gegeben hat, dann erhebt er sich so sehr, dass er auch Dankbarkeit für das Gute spürt, das ihm durch G’tt widerfahren ist, und dadurch wird er gesegnet.

Obwohl es den Tempel nicht mehr gibt, können wir auch heute noch wichtige Lehren aus den verschiedenen Arten von Opfern ziehen.

Der Autor studiert am Rabbinerseminar zu Berlin.


inhalt
Der letzte Schabbat vor dem Pessachfest wird »Schabbat Hagadol«, der erhabene Schabbat, genannt. An diesem Schabbat bereitet man sich auf das bevorstehende Fest der Befreiung aus der Sklaverei Ägyptens vor. In der Toralesung am vergangenen Schabbat sind die fünf Arten von Opfern eingeführt worden. Im Wochenabschnitt Zaw werden sie nun näher erläutert: das Brand-, das Friedens-, das Sünd- und das Schuldopfer sowie verschiedene Arten von Speiseopfern. Dem folgen die Schilderungen, wie das Stiftszelt eröffnet und Aharon mit seinen Söhnen ins Priesteramt eingeführt wird.
3. Buch Mose 6,1 – 8,36

Chukat–Balak

Stärken und Schwächen

Unser Blick auf das eigene Volk ist manchmal nicht besonders positiv. Da hilft ein Perspektivwechsel

von Rabbiner Jaron Engelmayer  26.06.2026

Essay

Das Kopftuch, der Zwang und die Freiheit

Die radikalen Kräfte in der muslimischen Community bestimmen zunehmend den Kurs. Wenn dies ohne Gegenwehr von den moderaten Kräften hingenommen wird, ist irgendwann der Kipppunkt erreicht

von Daniel Neumann  25.06.2026

Chabad

Jüdische Gemeinde verschiebt Fest wegen Hitze

Neuer Termin nun Ende August

 25.06.2026

Interview

»Eine Gemeinde muss wie ein Business geführt werden«

Vor 30 Jahren reiste Rabbiner Yehuda Teichtal mit einem One-Way-Ticket nach Deutschland und baute die Berliner Chabad-Gemeinde auf. Ein Gespräch über Glauben und Management

von Mascha Malburg  25.06.2026

Talmudisches

Beratungsklau

Was unsere Weisen über ehrliches Einkaufen lehrten

von Detlef David Kauschke  25.06.2026

Jubiläum

Fünf Jahre jüdische Seelsorge der Bundeswehr: Militärrabbiner Zsolt Balla zieht Bilanz

Seit dem Start der jüdischen Militärseelsorge vor fünf Jahren wächst ihre Bedeutung in der Truppe. Sieben Militärrabbiner tun inzwischen Dienst. Ein Fazit - mit Blick auf Zeitenwende und deutsche Geschichte

von Karin Wollschläger  23.06.2026

Bundeswehr

Fünf Jahre Militärrabbinat

Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) betonte, die Jüdische Militärseelsorge bereichere den Dienstalltag und schärfe die ethische Orientierung der Streitkräfte

 22.06.2026

Talmudisches

Schlaf

Was unsere Weisen über die Nachtstunden lehren

von Chajm Guski  19.06.2026

Essay

Zwischen Progressivität und Zerfaserung

Quo vadis, liberales Judentum? Ein Debattenbeitrag von Avitall Gerstetter

von Avitall Gerstetter  19.06.2026