Nachruf

Einer der letzten »Gedolim«

Rabbiner Gershon Edelstein sel. A. (1923–2023) Foto: Flash 90

»Wir sind wie Waisen geworden, die keinen Vater mehr haben« – so lauteten die Überschriften in vielen Zeitungen der orthodoxen und ultraorthodoxen jüdischen Welt. Sie beschreiben die Emotionen, die mit dem schmerzhaften Verlust eines der größten Toragelehrten unserer Zeit verbunden sind: Am Morgen des 30. Mai verließ der von vielen verehrte Rabbiner Gershon Edelstein im Alter von genau 100 Jahren unsere Welt.

Zu seiner Beerdigung am Dienstagnachmittag fanden sich etwa 100.000 Menschen ein; im Großraum Tel Aviv kam es zu großen Verkehrsstaus.

Rabbiner Edelstein wurde im Jahr 1923 in Schumjatschi in der heutigen Oblast Smolensk in Russland geboren. Zu dieser Zeit hatten die Kommunisten gerade im russischen Bürgerkrieg gesiegt und die russische Sowjetrepublik ausgerufen, was mit massiven Einschränkungen der jüdischen Religion und mit der gewaltsamen Verfolgung religiöser Juden verbunden war.

ALIJA Bereits im Kindesalter verlor Gershon Edelstein seine Mutter. Um der Unterdrückung durch die Kommunisten zu entkommen, wanderte die Familie 1934 nach Eretz Israel aus, das damals von den Briten beherrscht wurde. Dort lebte die Familie zunächst in bitterer Armut, und Gershon Edelstein schlief im Haus des Sekretärs seiner ersten Jeschiwa, da für ihn kein Bett mehr vorhanden war.

Trotz der Schwierigkeiten, die dem Rabbiner anfangs begegneten, blieb er fest auf seinem Weg und widmete sein gesamtes Leben dem Studium der Tora, der Nächstenliebe und dem Gebet. Durch seine Hingabe zum Torastudium wurde Rabbiner Edelstein zum Oberhaupt einer der angesehensten Tora-Akademien der Welt: der Ponevezh-Jeschiwa in Bnei Brak.

KONDULENZ Zahlreiche namhafte Vertreter der israelischen Regierung und der Opposition drückten nach dem Tod von Rabbiner Edelstein ihre Trauer und Betroffenheit aus. Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu sagte: »Das Licht, das aus seinen Augen leuchtete, war voller jüdischer Weisheit. Diese Weisheit hat eine unauslöschliche Spur in mir hinterlassen.«

Israels Wohnungsbauminister Yitzhak Goldknopf von der Partei Vereinigtes Tora-Judentum kommentierte den Tod des Gelehrten mit den Worten: »Zusammen mit dem ganzen Haus Israel, seinen vielen Schülern und denen, die sein Andenken in Ehren halten, trauere ich bitter um den großen Rabbiner Gershon Edelstein, gesegneten und frommen Andenkens.«

PANDEMIE Der Oppositionspolitiker Benny Gantz von der Partei Blau-Weiß würdigte den Beitrag des Rabbiners zur Bekämpfung der Corona-Pandemie. Edelstein hatte die ultraorthodoxe Gemeinschaft dazu aufgerufen, sich an die Anweisungen der Ärzte zu halten, auch wenn dies bedeuten würde, nicht mehr in der Synagoge zu beten, sondern zu Hause.

Rabbiner Edelstein ist einer der letzten Vertreter der alten Schule, die im Volksmund »Gedolim« – »die Großen« – genannt werden: Rabbiner, die sich seit ihrer Kindheit einzig und allein dem Studium der Tora gewidmet haben und ihr ganzes Leben lang keine andere Tätigkeit verfolgten; Rabbiner, die trotz zahlreicher Anhänger, politischer Macht und potenzieller Geldgeber nichts für sich persönlich beanspruchten.

BESCHEIDENHEIT Rabbiner Edelstein lebte trotz seiner Position und seines Einflusses in sehr bescheidenen Verhältnissen, sprach nur Worte der Tora und solche, die anderen zugutekamen. Er leitete alles Geld, das er nicht zum Leben brauchte, für wohltätige Zwecke weiter. Rabbiner Edelstein war die Verkörperung des Verses: »Die Tora deines Mundes ist mir wertvoller als tausendfach Gold und Silber« (Psalm 119).

Nach dem Tod von Rabbiner Aharon Leib Shteinman 2017 und dem Tod von Rabbi Chaim Kanievsky 2022 verblieb Rabbiner Edelstein als einziges spirituelles Oberhaupt der Regierungspartei Vereinigtes Tora-Judentum. Arye Deri, Vorsitzender der Schas-Partei, sagte: »Wehe dem Schiff, das ohne Kapitän geblieben ist.«

Ein Gefühl, das viele in der Gemeinschaft der Charedim teilen: Die Vertreter der alten Schule sind nicht mehr – die Vertreter einer Lebensform, die alles Weltliche als Selbstzweck ablehnte. Paradoxerweise waren gerade diejenigen, die sich vollkommen vom Weltlichen lösten, auch diejenigen, die zahlreichen Familien mit ihren sehr weltlichen Problemen am besten helfen konnten.

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