Perspektive

Eine Frage des Alters

»Don’t!«: US-Präsident Joe Biden Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Joe Biden kandidiert noch einmal. Der 80-jährige Präsident der USA hat vergangene Woche angekündigt, sich für eine zweite Amtszeit zu bewerben. Diese Meldung machte weltweit Schlagzeilen. Der »Spiegel« berichtete über die erneute Kandidatur mit Überschriften wie »Der alte Mann und das Amt« und »Opa-in-Chief«. Nicht nur dieses Wochenmagazin widmete sich dabei auch der Debatte, ob sich der Mann in diesem Alter das noch einmal zutrauen sollte oder überhaupt dazu in der Lage sei.

Aus rabbinischer Sicht stelle ich mir eher die Frage: Warum eigentlich nicht? Und gebührt Joe Biden, wie auch anderen älteren Menschen – ob in solchen politischen Spitzenpositionen, im ganz normalen Arbeitsleben oder im Ruhestand –, nicht etwas mehr Ehre und Würdigung?

mizwa Die Antwort aus jüdischer Sicht lautet klipp und klar: Ja. Es ist sogar eine Mizwa, eine religiöse Pflicht, älteren Menschen Respekt zu erweisen: »Vor einem grauen Haupt steh auf und ehre den Älteren«, heißt es in der Tora, im Wochenabschnitt, den wir am vergangenen Schabbat in der Synagoge gelesen haben (3. Buch Mose 19,32).

Im Talmud werden drei Meinungen vertreten: Eine Meinung ist, dass jeder ältere Mensch von uns geehrt werden sollte. Issi ben Jehuda meint, dass nur der ältere Mensch, der viel gelernt hat, geehrt werden soll. Und Rabbi Jossi haGlili ist der Auffassung, dass auch ein junger Mensch, der viel gelernt hat, geehrt werden sollte (Kidduschin 32b). Die hohe Zahl von Lebensjahren wird also nicht von allen als Grund gesehen, geehrt zu werden. Vielmehr sind das Wissen und der Beitrag, den der Mensch leisten kann, von Bedeutung.

So viel zu Respekt und Ehre. Doch wann ist der Mensch alt? Und wann ist er eigentlich alt genug, dass er seine Arbeit beendet und in den verdienten Ruhestand geht? In vielen Ländern wird derzeit die Frage des Renteneintrittsalters diskutiert. In Deutschland gibt es seit Ende des 19. Jahrhunderts eine gesetzliche Rentenversicherung – damals wurde erst ab 70 Jahren eine geringe Summe ausbezahlt. Wobei die meisten Menschen nicht in den Genuss dieser Zahlung kamen, weil sie ein solch hohes Alter überhaupt nicht erreichten. Die Lebens­erwartung hat sich seitdem fast verdoppelt, liegt heute (bei Geburt) bei Männern etwa bei 78,5 und bei Frauen bei 83,4 Jahren.

Warum sollten wir auf Weisheit, Verstand und Einsicht verzichten?

In biblischen Zeiten lebte der Mensch, bevor unser Leben auf 120 Jahre begrenzt wurde (1. Buch Mose 6,3), mehrere Hundert Jahre. Metuschelach, der älteste Mensch der Welt, lebte 969 Jahre. Nachmanides (Ramban, 1. Buch Mose 5,4) ist der Meinung, dass alle Menschen damals ein so biblisches Alter erreichten, und wäre es aufgrund der Versündigung der Menschheit nicht zur Flut gekommen, würden wir uns auch heute eines so langen Lebens erfreuen.

lebenserfahrung Maimonides ist anderer Meinung. Nur diejenigen, die in der Auflistung in der oben genannten Stelle im 1. Buch Mose erwähnt wurden, hätten ein solch langes Leben gehabt. Andere Menschen seien früher gestorben. Der Grund, warum die wenigen anderen länger hätten leben dürfen, sei die Bedeutung ihrer Lebens­erfahrung für die Entwicklung der Welt gewesen. Auf solch einen Vorteil konnte die Menschheit nicht verzichten (More Newuchim 2,47).

Doch nicht alle schafften es, über so viel Lebensweisheit und Klugheit im Alter zu verfügen. Rabbi Shimon ben Akashja zeigt in der Mischna (Kinim 3,6) den Unterschied zwischen zwei Gruppen älterer Menschen: Am Haaretz ist ein Mensch, der nicht ausgebildet ist. Es kann sogar sein, dass er doch ausgebildet wurde, aber sich nicht mehr mit seiner Lehre beschäftigt hat.

Je älter er ist, umso weniger ist sein Wissen verfügbar, da er vieles nicht mehr präsent hat und sich auch nicht weitergebildet hat. Das Gegenteil davon ist der Toragelehrte. Je älter er wird, umso klarer werden sein Wissen und Verstand. So wird es im biblischen Buch Ijow geschildert: »In den Alten die Weisheit, im langen Lebensalter die Einsicht« (12,12).

gesellschaft Warum sollten wir also auf diese Qualitäten – Weisheit, Verstand, Einsicht – verzichten? Wann ist alt zu alt? Diese Fragen sollten andere beantworten und dabei auch immer den einzelnen Menschen betrachten. Egal, ob es um das Amt im Weißen Haus in Washington, um eine Aufgabe in einer Gemeinde oder Synagoge, in einem Büro oder an anderer Stelle in unserer Gesellschaft geht.

Es ist eine große soziale Errungenschaft, dass wir denen, die aufgrund des Alters nicht mehr arbeiten oder an der Gesellschaft in anderer Weise mitwirken können, mit der Rentenzahlung einen verdienten Ruhestand ermöglichen können. Doch sollten wir niemanden aufs Altenteil abschieben, der noch einen wichtigen Beitrag leisten will und kann.

Keine Frage: Junge Leute haben meist mehr Energie und Frische, sind spontaner und können sich Herausforderungen eher anpassen. Sicherlich haben sie auch mehr Kapazität, Neues zu lernen, zu prüfen und zu verstehen. Doch die Erfahrung der Älteren besitzt einen Mehrwert, der es ermöglicht, zwischen wichtigen und weniger wichtigen Aspekten zu unterscheiden – so wie Rav Chida und Malbim meinen – und damit näher an der Wahrheit zu sein.

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Frankfurt/Main und Vorstandsmitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

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