Purim Katan

Kleiner Feiertag für eine »größere Mahlzeit«

Mahlzeit zu Ehren G’ttes: Purim Katan Foto: Getty Images / istock

Im Schaltjahr des jüdischen Kalenders wird nicht ein zusätzlicher Tag, sondern ein ganzer Monat hinzugefügt. Dann wird der Monat Adar »verdoppelt«, sodass zunächst der Adar Alef (Adar I) und anschließend der Adar Bet (Adar II) im Kalender steht. Bekanntlich feiern wir im Adar das fröhliche und »berauschende Fest« Purim. Doch wann wird in einem Schaltjahr Purim gefeiert? Laut der Überlieferung war das Jahr, in dem sich die Purim-Geschichte abgespielt hat, ein Schaltjahr. Der Sieg der Juden über ihre Feinde, der in der Megillat Esther beschrieben ist, geschah im zweiten Adar. Deshalb wird das Purimfest in einem Schaltjahr immer im Adar II gefeiert. Was aber geschieht im Adar I?

Wir wissen, dass die Purim-Ereignisse im zweiten Adar stattgefunden haben. Dennoch wird dieser Monat in der Esther-Rolle als der zwölfte Monat bezeichnet. Daraus leiten unsere Weisen ab, dass die beiden Monate Adar in ihrer Bedeutung gleich sind. Eine eindrucksvolle Bestätigung dafür findet man in der esoterischen Tradition der Tora.

Sternzeichen Im Zodiak-Kreis, der seinen Ursprung in der jüdischen Mystik hat, entspricht dem Monat Adar das Sternzeichen »Fische«. Dieses Zeichen wird im Plural genannt. Das ist ein Hinweis darauf, dass der Adar aus mehr als einem Monat bestehen kann und beide Monate die gleiche Bedeutung haben. Deshalb bezieht sich die Aussage unserer Weisen, dass man mit Beginn des Adar »die Freude vermehrt«, auf beide Monate.

Obwohl das »echte« Purim erst am 14. Tag des Monats Adar II gefeiert wird, muss auch der 14. Adar I eine Bedeutung haben. Und tatsächlich finden wir im halachischen Kodex Schulchan Aruch interessante Hinweise zu diesem Datum. Im letzten Paragrafen des ersten Teils des Schulchan Aruch, »Orach Chaim«, werden zum Schluss der Purimgesetze die Besonderheiten des 14. Adar I thematisiert, der heutzutage einen eigenen Namen trägt: »Purim Katan« (kleines Purim).

Dort wird berichtet, dass man an diesem Tag kein Tachanun (Reuegebet) sagt, keine Trauerrede bei einer Beerdigung hält und auch nicht fasten darf. Das zeigt deutlich, dass dieser Tag ein besonderes Datum ist und man mehr Freude haben soll als an den anderen Tagen im Adar.

Jeder von uns hat in seinem Leben große oder kleine Wunder erlebt. Dafür danken wir G’tt mit einer Mahlzeit an Purim Katan.

Passend dazu fügt der aschkenasische Koautor des Schulchan Aruch, Raw Mosche Isserlis (1525–1572, Krakau) hinzu, dass manche Rabbiner der Meinung sind, an diesem Tag solle man eine kleine festliche Mahlzeit essen. Rabbiner Mosche (Ramo) bemerkt (auch wenn diese Meinung im Allgemeinen nicht befolgt wird), man solle seine Mahlzeit ein wenig üppiger ausfallen lassen, denn »ein Frohmütiger hat immerdar Festmahl« (Sprüche 15,15).

Auch wenn diese Festlegung von Ramo gut nachvollziehbar ist, ist seine Begründung mit dem Vers aus Mischlej nicht ganz verständlich; denn diesen Vers kann man so verstehen, dass man immer etwas feiern soll. Was hat das aber ausgerechnet mit dem 14. Adar I zu tun?

Schulchan Aruch Chofetz Chaim (Rabbi Israel Meir Kagan, 1839–1933) erklärt das in seinem Kommentar zum Schulchan Aruch, Mischna Brura, folgendermaßen: Die »etwas größere Mahlzeit«, die Ramo erwähnt, soll zu Ehren der Wunder sein, die in diesen Zeiten geschehen sind.

An einer anderen Stelle erklärt Chofetz Chaim diese Idee etwas ausführlicher: Wenn jemandem im Adar ein großes Wunder passiert ist und diese Person es auf sich genommen hat, jedes Jahr eine festliche Seuda in Erinnerung daran zu veranstalten, soll diese Person diese Mahlzeit jedes Jahr genau an Purim Katan im ersten Adar veranstalten. Außerdem, schreibt Chofetz Chaim, wird eine solche Veranstaltung zur »Seudat Mizwa« – einer gebotenen festlichen Mahlzeit! Denn jede Mahlzeit, die zur Ehre G’ttes und Seiner Wunder abgehalten wird, ist kein einfaches Abendessen mehr, sondern eine wichtige und würdevolle Seuda.

Diese Idee kann auch uns helfen, das »Purim Katan« (14. Adar I) heutzutage sinnvoll zu verbringen. Jeder von uns hat in seinem Leben große oder kleine Wunder erlebet. Der eine war einmal schwer krank und wurde trotz erschütternder Diagnose vollständig geheilt. Der andere entging um ein Haar einem Crash auf der Autobahn. Jemand hatte große Komplikationen bei der Geburt eines Kindes, und trotzdem ist alles gut ausgegangen. Solche Listen kann man unendlich lang fortsetzen. Und gerade bei solchen Ereignissen erkennen wir sehr deutlich, wie wir auf G’tt angewiesen sind und wie viel Dank wir Ihm für unsere Existenz schulden.

Deshalb ist es sehr passend, diesen Tag dafür auszuwählen, um bei einer schönen Mahlzeit im Freundeskreis an die persönlichen Wunder zu erinnern und G’tt von ganzem Herzen dafür zu danken. In diesem Jahr fällt Purim Katan auf den 19. Februar. Machen wir etwas daraus!

Der Autor ist Rabbiner der Jüdischen Gemeinden zu Dessau und Halle und Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

17. Tamus

Zeit des Weinens

Warum wir drei Wochen lang der Zerstörung Jerusalems und des Tempels gedenken

von Netanel Olhoeft  24.06.2021

Dialog

Gespräche auf dem Weg vom Flughafen

Ein Schüler des Rabbiners Joseph B. Soloveitchik war jahrelang dessen Chauffeur – und hat ein Buch darüber geschrieben

von Yizhak Ahren  24.06.2021

Festakt

»Ein Grund zur Freude und Dankbarkeit«

Zsolt Balla ist in der Leipziger Synagoge feierlich in das Amt des ersten Militärbundesrabbiners eingeführt worden

 22.06.2021 Aktualisiert

Militärrabbiner

Die wichtigsten Fragen im Überblick

Warum gab es bislang keine jüdische Militärseelsorge? Welche Aufgaben übernehmen die Rabbiner?

von Alexander Riedel  25.06.2021 Aktualisiert

Spiritualität

Tefillin und Yogamatte

Zum Weltyogatag am 21. Juni: Gedanken über Gemeinsamkeiten zwischen dem Judentum und der philosophischen Lehre aus Indien

von Martin Schubert  21.06.2021

Chukkat

Blick nach oben

Was das israelische Abwehrsystem »Iron Dome« mit der kupfernen Schlange in der Tora zu tun hat

von Rabbiner Jaron Engelmayer  18.06.2021

Talmudisches

Die schöne Braut

Wie es dem Sohn von Rabbi Jehuda Hanasi mit seiner künftigen Frau erging

von Vyacheslav Dobrovych  18.06.2021

NS-Zeit

»Papst der Deutschen«? »Papst der Juden«?

Forscher stellen Zwischenergebnisse aus Archiv von Pius XII. vor

von Roland Juchem  17.06.2021

Rabbiner Zsolt Balla

»Das wird keine One-Man-Show«

Ein Gespräch über jüdische Seelsorge bei der Bundeswehr und sein zukünftiges Amt als Militärbundesrabbiner

von Ayala Goldmann  17.06.2021