Behar-Bechukotaj

Ein ganzes Jahr Schabbat

»Im siebten Jahr soll das Land dem Ewigen einen feierlichen Schabbat halten; da sollst du dein Feld nicht besäen noch deinen Weinberg beschneiden« (3. Buch Mose 25,4). Foto: Getty Images

Der Abschnitt Behar beginnt mit den Bestimmungen des Ewigen zur Schmitta, dem Schabbatjahr: »Sechs Jahre sollst du dein Feld besäen und sechs Jahre deinen Weinberg beschneiden und die Früchte einsammeln, aber im siebten Jahr soll das Land dem Ewigen einen feierlichen Schabbat halten; da sollst du dein Feld nicht besäen noch deinen Weinberg beschneiden« (3. Buch Mose 25, 3−4).

Schon im Abschnitt Mischpatim lesen wir eine sehr ähnliche Bestimmung: »Sechs Jahre sollst du dein Land besäen und seine Früchte einsammeln. Aber im siebten Jahr sollst du es ruhen und brachliegen lassen, dass die Armen unter deinem Volk davon essen; und was übrig bleibt, mag das Wild auf dem Feld fressen. Ebenso sollst du es halten mit deinem Weinberg und deinen Ölbäumen« (2. Buch Mose 23, 10−11). Warum wiederholt die Tora diese Mizwa?

SOZIALVERHALTEN In seinem Buch Mo­re Newuchim schreibt Maimonides, der Rambam (1138−1204), dass die Anordnung im 2. Buch Mose auf Ethik und soziales Verhalten zielt. Es wird an das Mitleid und Erbarmen appelliert. Von dem Ertrag des Landes sollen sich im Schabbatjahr die Armen nähren können.

Im Gegensatz dazu lesen wir im Sefer Hachinuch (Mizwa 84), dass das Gebot der Schmitta den Fokus auf das Verhältnis von Mensch und Gott richtet. Das Halten des Schabbatjahrs erinnert den Menschen daran, dass das Land und alles, was es ihn jährlich an Früchten ernten lässt, nicht einfach das Produkt seiner Kraftanstrengung ist.

Die Beachtung des Gebots der Schmitta lässt den Menschen zur Besinnung kommen. Er erkennt, dass das von ihm beackerte Land einen Herrn hat, der es regiert, und der Ewige auch Herr über den Menschen ist, dem Er es zur Bebauung übertragen hat. Gott behält sich alle Freiheit vor, Seine Hand vom Land abzuziehen, sollten die Menschen darin nicht nach Seinen Weisungen miteinander leben.

MIZWA Man kann also einen Unterschied zwischen den Zielrichtungen der beiden Abschnitte zur Schmitta im 2. und 3. Buch Mose feststellen. Im Abschnitt Behar bestimmt die Mizwa das Verhältnis zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer: »Und der Herr sprach zu Mosche auf dem Berg Sinai: »Rede mit den Israeliten und sprich zu ihnen« (3. Buch Mose 25,1). Auch im Text des Dekalogs im 2. Buch Mose 20 finden wir diese Ausrichtung der Gebote, die zur Anerkennung des Schöpfers führen sollen.

Der ganze Abschnitt Behar ist dadurch charakterisiert, dass die Mizwot das Verhältnis zwischen den Menschen und ihrem Schöpfer regeln sollen. Dazu gehört die Aussage über den Umgang mit den Volksgenossen, die verarmt sind und sich verkauft haben. Von ihnen sagt der Ewige: »Denn sie sind meine Knechte, die Ich aus Ägyptenland geführt habe. Darum soll man sie nicht wie einen Sklaven verkaufen« (3. Buch Mose 25,42). Hier handelt es sich primär um eine religiöse Pflicht.

Demgegenüber wird zu einer positiven Ethik motiviert, wenn es im 5. Buch Mose 15,15 von der Freilassung der Sklaven heißt: »Und sollst daran denken, dass du auch Knecht warst in Ägyptenland und der Ewige, dein Gott, dich erlöst hat; darum gebiete Ich dir solches heute.«

ARME Im 2. Buch Mose 23,11 ist die Schmitta als eine soziale Mizwa beschrieben, mit dem Ziel: »Aber im siebten Jahr sollst du es ruhen und brachliegen lassen, dass die Armen unter deinem Volk davon essen; und was übrig bleibt, mag das Wild auf dem Feld fressen. Ebenso sollst du es halten mit deinem Weinberg und deinen Ölbäumen.«

Eine andere Zielrichtung verfolgt dagegen die Aussage im Abschnitt Behar: »Was das Land während seines Schabbats trägt, davon sollt ihr essen, du und dein Knecht und deine Magd, dein Tagelöhner und dein Beisasse, die bei dir weilen« (3. Buch Mose 25,6).

In beiden Abschnitten wird davon gesprochen, wer in den Genuss der Schmitta-Früchte kommen soll. Im 2. Buch Mose werden ausdrücklich die Armen als Empfänger genannt. Dieser soziale Mensch-zu-Mensch-Kontext, in den das Schmitta-Gebot im 2. Buch Mose eingebunden ist, wird auch in zwei weiteren Aussagen zum Ausdruck gebracht: »Du sollst das Recht deines Armen nicht beugen in seiner Sache« (23,6) und »Einen Fremdling sollst du nicht bedrängen; denn ihr wisst um der Fremdlinge Herz, weil ihr auch Fremdlinge in Ägyptenland gewesen seid« (23,9).

Im Abschnitt Behar finden dagegen die Armen keine Erwähnung. Hier wird die Gleichheit aller Menschen herausgestellt, die miteinander in dem Land leben, dessen Besitzer Gott ist.

AUSRICHTUNG Wir lernen also aus der Diskussion der Rabbiner über den Vergleich der beiden Abschnitte zum Schmitta-Gebot im 2. und 3. Buch Mose seine verschiedene, zweifache Ausrichtung.

Im 2. Buch Mose steht eine sozial geprägte Tradition bei der Abfassung der Schmitta im Vordergrund. Das Schabbatjahr soll dazu dienen, dass der Armen und Schwachen im Land gedacht und ihnen geholfen wird. Dagegen ist im 3. Buch Mose die Botschaft des Schmitta-Gebots stärker auf das Land und dessen Besitzer ausgerichtet wie auch auf das Verhältnis der Kinder Israels zu ihrem Schöpfer.

So heißt es am Ende unseres Abschnitts zur Schmitta und dem Erlassjahr: »Darum soll das Land nicht für immer verkauft werden; denn das Land ist Mein, und ihr seid Fremdlinge und Beisassen bei Mir« (25,16).

Der Autor ist Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Bamberg und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK).


inhalt
Der Wochenabschnitt Behar führt das Erlass- und das Joweljahr ein. Das Erlassjahr – es wird auch Schabbatjahr genannt – soll alle sieben Jahre sein, das Joweljahr alle 50 Jahre. Die Tora fordert, dass der Boden des Landes Israel einmal alle sieben Jahre landwirtschaftlich nicht genutzt werden darf, sondern brachliegen muss. Dies geschehe »dem Ewigen zu Ehren«. Im Joweljahr soll alles verkaufte Land an die ursprünglichen Besitzer zurückgegeben werden, die es erhielten, als das Land nach der Eroberung verteilt wurde (Jehoschua 13, 7–21). Außerdem müssen im Joweljahr alle hebräischen Sklaven freigelassen werden.
3. Buch Mose 25,1 – 26,2

Die Verheißung des Segens für diejenigen, die den Geboten folgen, ist das Thema des Wochenabschnitts Bechukotaj. Dem Segen steht jedoch auch ein Fluch für diejenigen gegenüber, die die Gebote nicht halten. Im letzten Teil der Parascha geht es um Gaben an das Heiligtum. Sie können mit einem Gelübde verbunden sein (»Wenn der Ewige dies und jenes für mich tut, werde ich Ihm das und das geben.«) oder aus Dankbarkeit geleistet werden.
3. Buch Mose 26,3 – 27,34

Infektionsschutz

Gottesdienste können weiter stattfinden

Der Bundestag wird angesichts der angespannten Pandemielage in dieser Woche über eine erneute Änderung des Gesetzes beraten

 06.12.2021

Mikez

Für alle

Die Tora lehrt, dass wir unsere Stärken in den Dienst des Gemeinwohls stellen sollen

von Beni Frenkel  03.12.2021

Talmudisches

Auf hoher See

Wie gegen Rabbi Eliezer der Bann verhängt wurde und Rabban Gamliel in einen Sturm geriet

von Yizhak Ahren  03.12.2021

Tradition

Acht Lichter und viele Mizwot

Welche Bräuche zum Kerzenzünden an Chanukka sich im Laufe der Zeit entwickelten

von Rabbiner Avraham Radbil  02.12.2021

Chanukka

Licht aus Jerusalem

Die Geschichte des Festes anders erzählt – mit einer modernen Deutung der altjudäischen Botschaft

von Michael Wolffsohn  02.12.2021

Interview

»Die Religionsfreiheit gerät immer mehr unter Druck«

Rabbiner Avichai Apel über Chanukka, die Corona-Pandemie und Herausforderungen für das jüdische Leben in Europa

von Leticia Witte  01.12.2021

Berlin

Chanukka am Brandenburger Tor

Bundestagspräsidentin Bärbel Bas entzündete das erste Licht

 28.11.2021

Andreas Nachama

»Die Macht des aufklärenden Wortes«

Der Berliner Rabbiner wird 70 Jahre alt. Ein Gespräch über seine Familie, die Gemeinde und den jüdisch-christlich-muslimischen Dialog

von Leticia Witte  28.11.2021 Aktualisiert

Chanukka

Lichter der Hoffnung

Mitten in Pandemie und Dunkelheit: Das Fest könnte zu keinem besseren Zeitpunkt kommen

von Rabbiner Julian-Chaim Soussan  26.11.2021